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Spuk im Kopf - Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Kölner Schauspielhaus

Copyright: Klaus Lefebvre

 

Spätestens seit ihren Bühnenversionen von Grillparzers "Goldenem Vlies" und Hebbels "Nibelungen" gilt die Kölner Schauspielchefin Karin Baier als Expertin für die großen theatralischen Daseinsentwürfe – immer hart am Rand existenzieller Untiefen angesiedelt oder mitten darin. Als ein solcher Abgrund von Sinnleere und Ausweglosigkeit muß auch der Schauplatz wahrgenommen werden, in dem sie unlängst Henrik Ibsens "Peer-Gynt"-Drama, vielfach als "Faust des Nordens" gedeutet, eingerichtet hat: Zwar ist der dramaturgische Ansatz, ein Altenpflegeheim samt Bewohnern und Personal als metaphorischen Ort von Selbstentfremdung und Absurdität menschlichen Schicksals zu gestalten, nicht neu, selten aber wohl szenisch so konsequent und buchstäblich ausgeformt worden wie hier. In einer alptraumhaft kargen Szenerie wesen die Insassen der Einrichtung zwischen brütendem Schweigen und verzweifelten Hilferufen einem Ende entgegen, dessen Wucht kein Glaube und keine Jenseitsgewißheit standzuhalten vermag. Es ist die entgötterte Moderne und die darin zappelnde Kreatur, der Karin Baier ein über weite Strecken grandioses theatralisches Zeichen gesetzt hat.

 

Dass es die Regisseurin dem Publikum dabei alles andere als leicht machen würde, wußte man aus früheren Produktionen. Dabei hilft der Blick auf die literarische, in sich selbst ohnehin höchst komplexe literarische Vorlage nur bedingt weiter. Die von Ibsen beschriebenen Lebensstationen des ruhelosen Sinnsuchers Peer Gynt werden nur andeutungsweise und wie aus Erinnerung und Einbildungskraft heraus gestreift. Bis auf wenige Ausnahmen wirkt der Originaltext bis zur Unkenntlichkeit fragmentiert und mit den verschiedensten Zutaten durchsetzt. Anstelle der bei den Grillparzer- und Hebbel-Inszenierungen als Rest des antiken Mythos noch tragenden Handlung ist die zielgerichtete Bewegung fast zum Stillstand gekommen. Und die Betroffenheit, die sich am Ende des dreistündigen Kraftakts einstellt, rührt von dem Erlebnis her, dass sich eigentlich nichts geändert hat – oder jemals verändern könnte.

 

Dies gilt vor allem für die von Michael Wittenborn virtuos am Rande der Demenz angelegte Hauptfigur: Es ist nicht der jugendliche, kraftvoll größenwahnsinnige Peer Gynt, der uns hier begegnet, sondern eine alternde, zerbrochene und von wahnhaften Schüben umgetriebene Gestalt, die angesichts der Tristesse der Gegenwart alle möglichen Posen von Macht und Verführungskraft herbeifantasiert, um daraus nur umso beschädigter hervorzugehen. Auch das übrige Ensemble, allen voran Tilo Nest als Peers auf Stöckelschuhen daherkommende Mutter Aase und Angelika Richter als zynische Altenpflegerin und erotische Wunschfigur Solveig, konnte sehr beeindrucken.

 

Als glücklicher Kunstgriff erwies sich die Idee, das Geschehen durch ein kleines Instrumentalensemble mit Schlagwerk und Marimbaphon begleiten zu lassen. So lenkte die musikalische Untermalung die Aufmerksamkeit darauf, wie differenziert die Aufführung auch in sprachlich-szenischer Hinsicht durchkomponiert wurde. Klänge, die in mitunter schwebender Entrücktheit aber auch das unterstrichen, was (im Programmheft zitiert) der Philosoph Max Stirner als das Wesen des Menschen apostrophiert hat: "Mensch, es spukt in deinem Kopfe; Du hast einen Sparren zu viel! Du bildest dir große Dinge ein und malst dir eine ganze Götterwelt aus, die für dich da sei, ein Geisterreich, zu welchem du berufen seist, ein Ideal, das dir winkt. Du hast eine fixe Idee!"

 

Premiere am 7.11.2008

 

 

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