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Uraufführung: "Meinstream" von Susanne Linke in Zusammenarbeit mit den Tänzern, Städtische Bühnen Münster

Premiere 28. Januar, 19.30 h, Kleines Haus. -----

Susanne Linke, zu Gast beim Tanztheater in Münster, setzt sich in ihrer Choreografie mit Phänomenen und Erscheinungsweisen von Schwärmen bzw. Gruppen auseinander, und stellt diesen das Einzelwesen gegenüber.

 

Wie äußert sich die körperliche Präsenz vieler Individuen in unmittelbarer Nähe? Was schafft räumliche Enge, was Gleichklang? Wird man in Gruppen als Person wahrgenommen, oder bildet jede/r ein namenloses Partikelchen des Ganzen? Was passiert mit dem Einzelnen, der sich entgegenstellt und ausbricht? Welche räumlichen und emotionalen Spannungsfelder werden aufgebaut? Diese Fragen stehen zu Beginn der Kreation im Probenraum.

 

In Improvisationen erfinden die Tänzer zunächst individuelle Bewegungsabfolgen ihrer eigenen Namen. Die uns mit der Geburt gegebenen Namen schaffen Identitäten. Mit dem eigenen Namen verbindet sich ein unverwechselbares, ausgeprägtes Ich mit unverkennbarer Körperhaltung und spezifischem Ausdruck. Die Zuordnung und Einordnung, die Eingliederung in Gesellschaften und die Position innerhalb dieser, werden mit dem Alter herausgebildet, binden uns ein.

 

Aber Susanne Linke tut noch etwas. Diesen zunächst auf die Bewegungsebene konzentrierten Aufgaben stellt sie Gedichte von Daniil Charms gegenüber. Der russische Lyriker, der in der Stalin-Ära im Alter von 37 Jahren im Gefängniskrankenhaus starb und dessen Lyrik und Prosa für Erwachsene zu seinen Lebzeiten quasi unveröffentlicht blieb, hat in Kladden und auf unzähligen Zetteln ein umfangreiches und tief humorvolles Oeuvre hinterlassen.

 

In Susanne Linkes Auswahl für das Ensemble spiegelt sich vor allem die Darstellung menschlicher Abgründe in überspitzter, fast karikierter Form. Für Charms sind Gedichte keine Texte, vielmehr Ereignisse, artistische Äußerungen beinahe gegenständlicher Art, die so geschrieben sein müssen, dass, "wenn man sie gegen ein Fenster schmeisst, das Glas springt" (D. Charms). Damit schafft Linke die Nähe und unmittelbare Verständnisebene für Tänzer. Immer schon sucht sie in ihren Choreografien, Spannungsfelder zu erzeugen und durch die Gegenüberstellung scheinbar nicht miteinander verbundener Wirklichkeiten die Menschlichkeit von Fehlern und Unfertigkeiten, von Irrtümern darzustellen.

 

Susanne Linke ist zu Gast beim Tanztheater Münster und arbeitet erstmalig mit diesem Ensemble. Doch gibt es vielfältige Verbindungen: Die gemeinsamen Wurzeln der Folkwang Hochschule in Essen; Tänzer, die während ihrer Ausbildungszeit Unterricht bei Susanne Linke hatten, und nicht zuletzt der langjährige Kontakt zu Daniel Goldin, bilden eine gute Basis für diese Kreation.

 

Susanne Linke gehört zu den großen Künstlerpersönlichkeiten, die in der gesellschaftlichen Umbruchsituation des 20. Jahrhunderts in Deutschland neben Reinhild Hoffmann und Pina Bausch zur Protagonistin einer Tanzrevolution wurde und eine neue Tanzsprache entwickelt hat. Sie erhielt zunächst bei Mary Wigman in Berlin ihre Tanzausbildung, bevor sie an der Folkwang-Hochschule in Essen studierte. Von 1970 bis 1973 war sie Tänzerin im Folkwang Tanzstudio unter der künstlerischen Leitung von Pina Bausch. Zur gleichen Zeit entwickelte sie ihre ersten eigenen choreographischen Arbeiten. Innerhalb weniger Jahre erhielt sie internationale Beachtung für ihre Solos u.a. „Im Bade wannen“, „ Schritte verfolgen“, ihre Dore-Hoyer-Rekonstruktion „Afectos humanos“ und ihre Gruppenstücke. Sie tourte durch Europa, Indien, Australien, Süd und Nord Amerika und wurde mit zahlreichen Preisen für ihre Choreographien ausgezeichnet. Fast zehn Jahre, bis Sommer 1985, leitete Susanne Linke das Folkwang Tanzstudio. Seitdem arbeitet sie auch als freischaffende Choreographin und Tänzerin und wurde regelmäßig von internationalen Kompanien als Gastchoreographin eingeladen, u.a. der Limón Company in New York, der Kibbutz Company, der GRCOP an der Pariser Oper und dem Nederlands Dans Theater.

 

Zu Beginn der neunziger Jahre gründete sie die „Company Susanne Linke" und schuf die zwei Stücke „Ruhr-Ort" und „Märkische Landschaften“. Während dieser Zeit wurde sie Artist in Residence des Hebbel-Theater, Berlin. Zusammen mit ihrem Partner Urs Dietrich als Co-Direktor baute sie 1994 eine neue Kompanie am Bremer Theater auf und tourte in Südostasien und Mittelamerika.

Bis 2000 blieb sie in Bremen Leiterin des Tanztheaters.

 

In den Jahren 2000/01 war Susanne Linke Gründungsmitglied des Choreographischen Zentrums Essen und dessen designierte künstlerische Leiterin. Dort kreierte sie 2003 das Solo-Duo-Stück„Tanz-Dis-tanz“ gemeinsam mit Urs Dietrich, sowie 2007 die Rekonstruktion ihres Solos „Schritte verfolgen“. Seit 2001 ist ie wieder als freischaffende Choreographin tätig u.a. für die Paolo Grassi Schule in Mailand, die Kibbutz Dance School in Israel, Versiliadanza Florenz und die Folkwang Hochschule Essen.

 

2004 entstand im Auftrag von Carolyn Carlson ihr Solo „VISTItatiON“. Sie schuf u.a. Neuchoreografien für die Pariser Oper (2005), die Limón Dance Company New York (2004) das Choreographische Theater Bonn ( 2007), das Aalto Theater Essen und die Jeanne Ruddy Dance Company Philadelphia (2008).

 

2007 wurde Susanne Linke in Annerkennung um ihre Verdienste für den modernen Tanz der DEUTSCHE TANZPREIS verliehen. 2008 wurde Susanne Linke durch das französische Kultusministerium zum “L’officier de l’orde pour les arts et des lettres” ernannt.

 

Choreographie: Susanne Linke

Bühne: Matthias Dietrich

Kostüme: Rupert Franzen

Toncollage/ Sounddesign: Wolfgang Bley-Borkowski

Licht: Lutz Deppe

Dramaturgische Beratung: Waltraut Körver

 

Es tanzen:

Alice Cerrato, Hsuan Cheng, Ines Fischbach, Karen Ilaender, Ines Petretta; Paul Hess, Antonio Rusciano, Matthias Schikora, Damiaan Veens

 

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