Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Uraufführung: „Oblomow“ von Iwan Alexandrowitsch Gontscharow im Schauspiel KölnUraufführung: „Oblomow“ von Iwan Alexandrowitsch Gontscharow im Schauspiel...Uraufführung: „Oblomow“...

Uraufführung: „Oblomow“ von Iwan Alexandrowitsch Gontscharow im Schauspiel Köln

Premiere 11. Februar 2011 um 19.30 Uhr in der Halle Kalk

 

Oblomow, Edelmann von Geburt, ein Mensch mit großem Herzen und einer kristallklaren Seele wohnt seit zwölf Jahren beständig in Petersburg.

Im Roman, der der dritten Kölner Theaterarbeit des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis nach „Kölner Affäre“ und „Die Geheimnisse der Kabbala“ zugrunde liegt, benötigt Oblomow nichtsdestotrotz einhundertfünfzig Seiten, bevor er den ersten Fuß aus seinem Bett setzt. Und das, obwohl er weiß, dass sein Landgut verfällt und finanzieller Ruin droht.

 

Salman Rushdie schreibt über Oblomow: „Er ist eine Mischung aus dem unentschlossenen Hamlet und Bartleby, und er ist so wie wir alle. Wir schauen uns die Welt an und wünschten, wir könnten uns irgendwo verstecken. Oblomow versteckt sich für uns. Wir schauen uns das andere Geschlecht an und fühlen uns überfordert. Oblomow tritt an unserer statt den Rückzug an. Wir sehen unsere eigenen Probleme und wünschten, sie wären eine sehr weite Reise entfernt. Oblomow weigert sich, diese Reise anzutreten, so wie wir uns auch gern weigern würden, es aber nicht können.“ Der Roman lag auf des alten Heinrich Bölls Nachttisch und Samuel Beckett nannte Oblomow zu Ehren eine Figur in »Warten auf Godot« „Vladimir“.

 

In Oblomows Leben folgt ein Tag dem anderen, die Jahre fliegen dahin, der Flaum um sein Kinn wird zu einem struppigen Bart, die strahlenden Augen verwandeln sich in zwei trübe Punkte, die Gestalt rundet sich, das Haar beginnt unbarmherzig auszugehen und das Leben zerfällt in seinen Augen in zwei Hälften: Die eine setzt sich aus Arbeit und Langeweile zusammen, die zweite aus Ruhe und friedlicher Fröhlichkeit. Infolgedessen macht ihn sein Beruf auf eine sehr unangenehme Weise stutzig: Alles muss schnell gehen, alle haben es eilig und gönnen sich keine Ruhe; sowie sie mit einer Sache fertig sind, stürzen sie über eine andere her, als ob gerade diese die Hauptsache wäre; wenn sie aber damit fertig sind, verfällt auch diese der Vergessenheit, und eine dritte Angelegenheit kommt daher, und so geht es bis in die Unendlichkeit fort. Oblomow entledigt sich seines Berufes und genau hier setzt der Theaterabend an. Oblomow ist eine Medizin gegen die neuronale Gewalt unseres Alltags, er ist Löschwasser für Burnouts und verweigert den Wahn nach ständiger Verfügbarkeit. Schließlich stellt er die Frage: „Wann soll man denn Leben? Wann leben?“ und nach einer unglücklichen Liebe, lässt ihn der Anblick zerstreuten Zuckers an sein verschüttetes Leben denken; ihn erfasst ein starkes Fieber und so stirbt unser Held zum Schluss an krankhaft vergrößertem Herzen. Es tut uns leid. So geht das Leben.

 

Alvis Hermanis wurde mit dem diesjährigen Konrad-Wolf-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet .

 

Es spielen: Gundars Abolins, Robert Dölle, Albert Kitzl, Martin Reinke, Dagmar Sachse und Torsten Peter Schnick

 

Regie: Alvis Hermanis,

Bühne und Kostüme: Kristine Jurjane,

Dramaturgie: Götz Leineweber

 

Weitere Vorstellungen am 12., 14., 15., 16., 24., 25., 26. und 28. Februar

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 15 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Wie absurd ist das denn?

Die Volksbühne in Berlin kommt mit einer Uraufführung namens „SMAK! SuperMacho AntiKristo“ heraus, einer „hyperhybriden Hommage an den französischen Symbolisten Alfred Jarry“ und allerlei Anderes.  

Von: Stephan Knies

Zwei Außenseiter - "I am a problem" in der Deutschen Oper am Rhein: "Carmen“ "von Roland Petit und "Baal" von Aszure Barton

Der Kontrast könnte stilistisch nicht größer sein zwischen den beiden Choreografien, die an der Deutschen Oper am Rhein in „I am problem“ zu sehen sind. Und doch haben sie etwas gemeinsam, sie zeigen…

Von: Dagmar Kurtz

Ich hoffe, es wird recht lebendig

Die Zeit spricht eigentlich für eine neue Premiere der „Hedda Gabler“: In den nunmehr bald zwei Jahren der Beschränkungen haben so viele von uns die eigenen Lebensentwürfe grundsätzlich in Frage…

Von: Stephan Knies

Ich will was bewegen! Das Stadttheater Fürth zeigt mit dem Dreifach-Monolog „Niemand wartet auf dich“ von Lot Vekemans, dass Theater relevant und nahbar ist.

Einer Schauspielerin mal in die Seele und über den Schminktisch schauen – wäre das nicht schön? Auch das ist ja eine Möglichkeit, die im Fachsprech „vierte Wand“ genannte Distanz zwischen Bühnenrampe…

Von: Stephan Knies

Gescheiterte Utopie - "La Clemenza di Tito" von Wolfgang Amadeus Mozart in der Deutschen Oper am Rhein

Lässt sich ein Staat nur mit Milde und Gnade regieren? Das klingt reichlich utopisch, und in der Inszenierung von "La Clemenza di Tito" in der Deutschen Oper am Rhein stellt Michael Schulz das auch in…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑