Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Zwischen Revolte und ResignationZwischen Revolte und ResignationZwischen Revolte und...

Zwischen Revolte und Resignation

"Büchner" von Falk Richter im Düsseldorfer Schauspielhaus

Copyright: Sebastian Hoppe

 

Die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen am Anfang des 19. Jahrhunderts analysierte Georg Büchner in seinen Werken mit sezierendem Blick. Er stellte den Einzelnen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und zwar in dem Moment seines individuellen Scheiterns.

 

Falk Richter hat aus Büchners Texten, überwiegend aus "Lenz", "Woyzeck" und Auszügen aus seinen Briefen, für das Düsseldorfer Schauspielhaus eine Collage verfasst, die er u.a. mit aktuellen, im Internet veröffentlichten Texten der heutigen Empörten angereichert hat. Dass Büchners Texte noch aktuell sind, steht außer Frage. Das Gehetztsein Woyzecks, der psychische Kollaps Lenzens, das Außer-sich-geraten finden Parallelen in der heutigen Burn-out-Generation. Gerade angesichts der aktuellen Krisen und der Ängste Vieler vor einer ungewissen Zukunft, schleichendem ökonomischen Zusammenbruch, nicht gelöster Umweltfragen und dem eigenen sozialen Abstieg, bietet es sich an, auf Büchner zurückzugreifen. Zumal Büchner die Wirkmacht einer bewussten poetischen Sprache und ihre rhetorischen Mittel nutzt, um Ausbeutung und Unterdrückung zu schildern und indirekt zum Engagement aufzufordern. Und da ist er den Texten der heutigen Empörten haushoch überlegen, die in der direkten Gegenüberstellung dann nur wie bloße Spontisprüche erscheinen.

 

Die Unruhe, das Getriebensein findet in Richters Inszenierung in einer ständigen Bühnenbewegung Ausdruck. Zahlenreihen rattern auf der Bühnenhinterwand, Metronome klicken an gegen den Bass des Sounds von Ben Frost, Videoschirme zeigen heutige Katastrophennachrichten. Das sind Bilder für unseren gegenwärtigen Wahnsinn. Die sieben Schauspieler kommen nie zur Ruhe. Und Woyzeck muss ständig sinnlos Stühle rücken. Szenisches Spiel wechselt mit Vortrag, und unversehens ist man in den Büros der Aktivisten mit ihren Zettelbergen gelandet.

 

Das Büchner-Projekt von Falk Richter ist nicht uninteressant, es gibt viele spannende, intensive Momente, die aber vor allem dann auftauchen, wenn es sich um Büchnersche Urtexte handelt. Da stellt sich doch die Frage, warum man sich nicht gleich ganz auf ein Büchner-Werk eingelassen hat.

 

Die schauspielerische Leistung jedenfalls fand ganz zu Recht ausgiebigen Beifall.

 

Besetzung: Emre Aks?zo?lu, Olaf Johannessen, Xenia Noetzelmann, Aleksandar Radenkovi?, Judith Rosmair, Ingo Tomi, Thomas Wodianka

 

Regie: Falk Richter

Bühne : Katrin Hoffmann

Kostüme: Daniela Selig

Video: Martin Rottenkolber

Musik: Ben Frost / Kompositio Paul Corley / Mitarbeit Komposition

 

Uraufführung, Premiere: 20. Oktober 2012

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 12 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Forever young

Die Essenz zweier realer und eines fiktiven Lebens werden in dem Theaterstück "Dorian" von Darryl Pinckney und Robert Wilson miteinander verknüpft: die des Malers Francis Bacon, des Autors Oscar Wilde…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Mythos erwacht zum Leben

Widersprüchlich und nicht ganz greifbar ist die historische Figur der Johanna von Orléans. Schier unglaublich, wie es einem einfachen Bauernmädchen im 15.Jahrhundert gelang, bis zum König…

Von: Dagmar Kurtz

"Krabat", Ballett nach einem Buch von Otfried Preußler von Demis Volpi in der Deutschen Oper am Rhein

Das 2013 in Stuttgart uraufgeführte Handlungsballett „Krabat“ nach dem beliebten Roman von Ottfried Preußler, in dem er eine sorbische Sage verarbeitet, hatte jetzt an der Deutschen Oper am Rhein…

Von: Dagmar Kurtz

Rocky Horror Picture Show trifft auf Homer

Heftiges Klopfen an der Tür. Es ist nicht der verstorbene Komtur, sondern ein junges Paar, das Einlass begehrt. In ihrer Inszenierung des „Don Giovanni“ für die Deutschen Oper am Rhein“ nutzt Karoline…

Von: Dagmar Kurtz

Der schöne Schein

Täuschungen über Täuschungen, Doppelmoral und Betrug. In der Operette „Die Fledermaus“ macht jeder jedem etwas vor, allein die schwungvolle Musik mit Wiener Walzerseligkeit täuscht darüber hinweg und…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑