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Amerikanische Avantgarde

"b.40" ("Pacific" von Mark Morris, "Locus Trio" von Trisha Brown, "Night Wandering" von Merce Cunningham, "Offenbach Overtures" von Paul Taylor) in der Deutschen Oper am Rhein

Mit gleich vier Stücken amerikanischer Choreographen der Moderne, die die amerikanische, aber auch die internationale Tanzszene erheblich beeinflussten, wartet der b40-Ballettabend an der Deutschen Oper am Rhein auf.

 

Copyright: Bert Weigelt

"Pacific" von Mark Morris zu zwei Sätzen aus dem Trio für Violine, Violoncello und Klavier von Lou Harrison setzt den Beginn. Vor einer azurblauen Wand, die zu Grasgrün und dann zu Rot wechselt um beim Blau zu enden, erscheinen drei Tänzer in weit schwingenden weißen Röcken mit blauen monochromen Farbflecken. Vier Frauen in luftigen weißen Kleidern mit grünen Farbflecken übernehmen die Bühne und tanzen passend zur Farbe mehr erdhaft. Immer wieder blitzen in "Pacific" momenthafte Anklänge an bekannte rituelle Gesten der Weltreligionen auf, wie dem Tanz der Derwische, indischen Tempeltänzen, Andachtshaltungen, die sich harmonisch in das fließende Gesamtbild einfügen und nicht wie Fremdkörper erscheinen. "Pacific" ist leicht und feierlich und flüchtig und allzu schnell vorbei.

Ganz ohne Musik kommt das "Locus Trio" von Trisha Brown aus. Getanzt wird es von zwei Frauen und einem Mann in weißen Hosen und weißen langärmeligen Shirts. Trisha Browns Stil zeichnet sich durch seine Schlichtheit aus. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und neuen Formen des Tanzes löste sich Trisha Brown von der akademischen Technik und setzt Bewegungen ein, die alltäglich wirken und scheinbar von jedem ausgeführt werden können. Der Focus liegt nicht mehr nur auf der Beinarbeit allein, sondern es werden auch die Arme, der ganze Körper involviert. So entsteht der Eindruck von Beiläufigkeit. Ihre Arbeit "Locus Trio" erkundet den Raum geometrisch und formt einen Würfel nach. Ein Impuls entsteht und wird an die anderen Tänzer weitergeleitet. Alles geschieht ohne Emotion, ohne Dramatik und erscheint nicht virtuos, sondern schlicht. 1980 entstanden, diente diese Arbeit der Befreiung des Tanzes und zählte damals zur absoluten Avantgarde, was heutzutage kaum nachvollziehbar erscheint.

Bereits vor Tricia Brown befreite in den 1950er Jahren Merce Cunningham den Tanz von der Expressivität. Er zählt zu den einflussreichsten Choreographen Amerikas überhaupt. Sein minimalistischer Ansatz hat Generationen beeinflusst. Er verwendet häufig das Verfahren der Aleatorik, das John Cage für die Musik fruchtbar gemacht hatte, um neue Bewegungsmuster zu erschaffen. Er löste sich von den klassischen Vorstellungen der Raumorganisation und setzt nicht das Erzählerische in den Vordergrund, sondern bezieht sich auf das Sehen an sich. "Night Wandering" von 1958 ist ein frühes Stück und noch nicht völlig abstrakt, lässt aber schon seine typische Bewegungssprache erkennen. Es zeigt ein Paar auf einer nächtlichen Wanderung durch eine karge Landschaft. Gekleidet ist es in Felltunika und Fellweste, Kostümen, die von Robert Rauschenberg entworfen wurden und an die Kleidung nordischer Urvölker erinnern.

Etwas aus dem Rahmen fällt das Stück zum Abschluss des Abends: "Offenbach Overtures" von Paul Taylor, passend zum 200. Geburtstag von Jaques Offenbach, der in diesen Tagen gefeiert wurde. Musikalische Grundlage bildet ein Potpourri zusammengestellt aus Offenbachs Operetten „La Grande Duchesse de Gérolstein“, „Barbe-Bleue“, „American Eagle Waltz“, „Die Rheinnixen“ sowie dem Galopp aus „Flocons de Neige“. Im Gegensatz zu den anderen Choreographien ist Paul Taylors Stück heiter und erzählerisch. Das Ganze ist eine Karikatur menschlicher Verhaltensweisen und zeigt in parodistischer Weise Emotionen, die von Koketterie und Eitelkeit bis zum Streit und dann wieder zur Zuneigung gehen. Die Männer zeigen Imponiergehabe. Zwei Tänzerinnen plustern sich auf wie Hennen. Zum schwungvollen Tanz passen die roten, reduzierten Kostüme, wobei die Kleider der Frauen Anklänge an den Cancan enthalten, während die Kostümierung der Männer mit Ganzkörpertrikots, Zweispitz und Stiefel an napoleonische Uniformen denken lässt.

"b40" macht mit vier außergewöhnlichen Choreographien bekannt und zeigt wie facettenreich moderner Tanz sein kann.

"Pacific" von Mark Morris
MUSIK 3. und 4. Satz aus dem Trio für Violine, Violoncello und Klavier von Lou Harrison

Choreographie: Mark Morris
Kostüme: Martin Pakledinaz
Licht: James F. Ingalls
Einstudierung: Tina Fehlandt
Violine: Franziska Früh
Violoncello: Doo-Min Kim
Klavier: Alina Bercu
Tänzerinnen & Tänzer:
Ann-Kathrin Adam, Doris Becker, Rubén Cabaleiro Campo, Sinthia Liz, Cassie Martín, Marcos Menha, Chidozie Nzerem / Tomoaki Nakanome, Marié Shimada / So-Yeon Kim, Eric White

"Locus Trio" vonTrisha Brown
Ein Neueinstudierungs-Projekt der Trisha Brown Dance Company mit dem Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg

Choreographie, Visual Design & Kostüme: Trisha Brown
Licht: Thomas Diek
Einstudierung: Diane Madden
Tänzerinnen & Tänzer:
Feline van Dijken / Rubén Cabaleiro Campo, Marjolaine Laurendeau / Norma Magalhães, Sonny Locsin / Daniel Vizcayo

"Night Wandering" von Merce Cunningham
Diese Aufführung ist Teil des Merce Cunningham Centenarys, der zur Feier des 100. Geburtstags des Choreographen im Herbst 2018 beginnt und international das ganze Jahr 2019 über gefeiert wird.
MUSIK „Bewegungen“, „Quantitäten“ und „Schlagfiguren“ von Bo Nilsson
Choreographie: Merce Cunningham
Kostüme: Robert Rauschenberg
Licht: Beverly Emmons
Einstudierung: Julie Cunningham
Rekonstruktion Kostüme: Stefanie C. Salm
Klavier: Alina Bercu
Tänzer & Tänzerin: Camille Andriot / Wun Sze Chan, Michael Foster / Bruno Narnhammer

"Offenbach Overtures" von Paul Taylor
MUSIK Ouvertüre „La Grande Duchesse de Gérolstein“, Ouvertüre „Barbe-Bleue“, „American Eagle Waltz“, Ouvertüre „Die Rheinnixen“ sowie Galopp aus „Flocons de Neige“ von Jacques Offenbach
Choreographie. Paul Taylor
Musikalische Leitung: Patrick Francis Chestnut
Bühne & Kostüme: Santo Loquasto
Licht: Jennifer Tipton
Einstudierung: Richard Chen See
Trompete: Johannes Mielke
Solo-Paar: Alexandra Inculet / Cassie Martín, Chidozie Nzerem / Marcos Menha
Tänzerinnen:
Ann-Kathrin Adam, Camille Andriot, Doris Becker, Wun Sze Chan / Marjolaine Laurendeau, Feline van Dijken / Sonia Dvořák, Aleksandra Liashenko
Tänzer:
Yoav Bosidan / Rashaen Arts, Vincent Hoffman, Pedro Maricato, Tomoaki Nakanome / Eric White, Alexandre Simões, Daniel Smith / Arthur Stashak
Düsseldorfer Symphoniker

Premiere Sa 08.06.2019, -19.30 Uhr, Opernhaus Düsseldorf

 

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