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Ballettpremiere "b.27" - Deutsche Oper am Rhein

Premiere Freitag, 18. März 2016, um 19.30 Uhr im Opernhaus Düsseldorf. -----

Mit b.27 präsentiert Martin Schläpfer einen weiteren spannungsreichen Dreiteiler mit zwei Meisterwerken des 20. Jahrhunderts und einer eigenen neuen Choreographie.

Den Anfang macht George Balanchines kammerspielartige Choreographie „Duo Concertant“ zum gleichnamigen Werk von Igor Strawinsky für Violine und Klavier. An das Ende des Ballettprogramms stellt Schläpfer im scharfen Kontrast dazu Kurt Jooss‘ erschütterndes Antikriegsballett „Der Grüne Tisch“, ein Meilenstein des deutschen dramatischen Tanztheaters.

 

Dazwischen zeigt Martin Schläpfer mit „Variationen und Partiten“ eine eigene Uraufführung. Als musikalische Basis wählte er Klaviermusik von Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven. Mit Bachs Partita Nr. 6 e-Moll knüpft Schläpfer an eine Arbeit für das ballettmainz an, kontrastiert die „reinigende“ Musik Bachs jedoch bewusst mit Beethovens 12 Variationen C-Dur über das Menuett „à la Vigano“ aus dem Ballett „Le nozze disturbate“ von Jakob Haibel. So ist ein eigenständiges Stück entstanden, das seine Inspiration vor allem aus heutigen Themen und Tänzerpersönlichkeiten bezieht. Als Partner am Klavier konnte Martin Schläpfer – nach „Drittes Klavierkonzert“ in b.10 sowie „verwundert seyn – zu sehn“ in b.22 – erneut Denys Proshayev gewinnen.

 

***

 

Duo Concertant George Balanchine

 

Als stille Zuhörer stehen zwei Tänzer hinter einem Konzertflügel und lauschen der Violine und dem Klavier, die den ersten Satz von Igor Strawinskys „Duo Concertant“ interpretieren. Schließlich schreiten sie in die Mitte der Bühne, um dort eine Fülle raffiniertester choreographischer Ideen zu zeigen, wie sie sich nur einer der ganz großen Meister der Ballettkunst des 20. Jahrhunderts, George Balanchine, auszudenken vermochte. Nach dem Willen Balanchines sollte der Zuschauer sich aber zunächst in die Klänge vertiefen und das musikalische Vokabular des Komponisten erfassen. Er beließ deswegen den ersten Satz von Strawinskys Musik bewusst ohne jede choreographische Zutat, platzierte die beiden Musiker für das Publikum sichtbar auf der Bühne und erweiterte erst ab dem zweiten Satz den Dialog der beiden Instrumente um zwei getanzte ebenbürtige Stimmen. Auf faszinierend präzise Weise spiegelt Balanchine in ihnen das musikalische Geschehen im Tanz und verschmilzt Klänge und Bewegungen zu einem neuen Kunstwerk. Nach seinem Beginn als handlungsloser Dialog der künstlerischen Ausdrucksformen löst sich „Duo Concertant“ schließlich von der reinen Abstraktion und entpuppt sich durch raffinierten Einsatz von Licht, Schatten und Bewegung am Ende als berührendes Kammerspiel über Liebe und Verlangen.

 

George Balanchine kreierte „Duo Concertant“ im Jahr 1972 für das New Yorker Strawinsky Festival. Das Duo hatte Strawinsky, mit dem Balanchine eine langjährige Zusammenarbeit verband, jedoch bereits 1932 komponiert. Es ging aus der Zusammenarbeit mit dem Geiger Samuel Dushkin hervor und blieb das einzige Werk Strawinskys für Violine und Klavier. Wie der Titel verrät, war es vom Komponisten als Violinkonzert konzipiert – allerdings ohne Orchester. Es sollte auf einer bevorstehenden Europa- und USA-Tournee von Dushkin und Strawinsky am Klavier gespielt werden, denn der Komponist fürchtete, die Orchester in kleineren Städten mit seiner Tonsprache zu überfordern. Die Satzbezeichnungen – Cantilène, Eclogue und Dithyrambe – beziehen sich auf die Lyrik der Antike. Das ist kein Zufall, steht das Werk doch für den kompositorischen wie choreographischen Stil der Neoklassik, der durch zwei Namen geprägt und zur Vollendung gebracht wurde: Igor Strawinsky und George Balanchine.

 

Nach „Serenade“, „Episodes“, „Concerto Barocco“, „Agon“ und „The Four Temperaments“ befindet sich mit „Duo Concertant“ ein weiteres Werk George Balanchines im Repertoire des Balletts am Rhein Düsseldorf Duisburg.

 

CHOREOGRAPHIE George Balanchine © The George Balanchine Trust

 

MUSIK „Duo Concertant“ für Violine und Klavier von Igor Strawinsky

 

Choreographie

George Balanchine

Licht

Volker Weinhart

Choreographische Einstudierung

Ben Huys

Violine

Dragos Manza

Klavier

Alina Bercu

 

Tänzerin

Ann-Kathrin Adam / Sonia Dvorak

Tänzer

Marcos Menha / Brice Asnar

 

***

 

Variationen und Partiten (Uraufführung) Martin Schläpfer

 

Mit seiner „Kunst der Fuge“ stellte Martin Schläpfer 2002 sein erstes abendfüllendes Ballett vor – kreiert zu einem Opus summum Johann Sebastian Bachs. Und es war dieses Werk, das ihn in Bachs Welten in einer Weise eintauchen ließ, die ihn bis heute nicht mehr losgelassen hat. Ein Jahr später entstand für ballettmainz „Partita Nr. 6“, an deren musikalische Basis – Bachs Partita Nr. 6 e-Moll BWV 830 für Klavier solo – Martin Schläpfer nun mit seiner neuen Choreographie „Variationen und Partiten“ für das Ballett am Rhein anknüpft und zugleich andere Wege geht, ist es doch das Kreieren von Neuem, das direkte Reagieren auf die aktuellen Tänzerpersönlichkeiten und Themen, die in der Luft liegen, die ihn zurzeit sehr viel mehr interessieren als die Wiedereinstudierung bereits vorhandener eigener Werke. Entsprechend hat er auch die musikalische Auswahl erweitert, Bachs Partita eine Komposition von Ludwig van Beethoven gegenübergestellt und sich damit einen weiteren „Giganten“ der Musikgeschichte in die Welt seines Stückes hinein geholt. „Wie lange habe ich versucht, zu Musik Beethovens zu choreographieren – und immer musste ich passen: zu groß, zu weit ist er – weit weg und doch nahe, kein Gott, sondern ein Mensch, der keinen Gott braucht“, bekennt Martin Schläpfer. Die 12 Variationen C-Dur WoO 68, die Beethoven über das Menuett „à la Vigano“ aus dem Ballett „Le nozze disturbate“ von Jakob Haibel komponierte, wählte er als Kontrast zu Bachs Partita Nr. 6: „Bach reinigt, Beethoven zeigt hin.“

 

Doch noch weitere Querverbindungen ziehen sich durch Martin Schläpfers Überlegungen zu seinem neuen Stück, mit dem er sich im Rahmen des Ballettabends b.27 auch zwischen zwei „Giganten“ des Tanzes stellt: George Balanchine auf der einen Seite, auf der anderen Kurt Jooss, der mit seinem Totentanz „Der Grüne Tisch“ ein zentrales Werk des deutschen Tanztheaters kreierte, das bis heute in der Tanzkunst ebenso nachhallt wie Balanchines revolutionäre Neoklassik.

 

Als Partner am Klavier konnte Martin Schläpfer – nach „Drittes Klavierkonzert“ in b.10 sowie „verwundert seyn – zu sehn“ in b.22 – erneut Denys Proshayev gewinnen, einen Pianisten, von dessen Künstlertum und Gespür für den Tanz er zutiefst fasziniert ist. Seit dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs 2002 in München ist Denys Proshayev auf vielen großen Konzertpodien der Welt zu Hause. Das breite Spektrum seines Repertoires zeigen hochgelobte Einspielungen von Klavierwerken Jean-Philippe Rameaus, Robert Schumanns und Alfred Schnittkes.

 

MUSIK 12 Variationen über das Menuett „à la Vigano“ aus Jakob Haibels Ballett „Le nozze disturbate“ C-Dur WoO 68 von Ludwig van Beethoven sowie Partita Nr. 6 e-Moll BWV 830 für Klavier solo von Johann Sebastian Bach

 

Choreographie

Martin Schläpfer

Bühne

Thomas Ziegler

Kostüme

Nelly van de Velden

Licht

Volker Weinhart

Klavier

Denys Proshayev

 

Tänzerinnen

Doris Becker, Sonia Dvorak, Christine Jaroszewski, Yuko Kato, So-Yeon Kim, Anne Marchand, Asuka Morgenstern, Marlúcia do Amaral, Doris Becker, Wun Sze Chan, Feline van Dijken, Sonia Dvorak, Nathalie Guth, Alexandra Inculet, Yuko Kato, So-Yeon Kim, Norma Magalhães, Asuka Morgenstern, Louisa Rachedi, Virginia Segarra Vidal, Elisabeta Stanculescu, Julie Thirault, Irene Vaqueiro

 

Tänzer

Brice Asnar, Odsuren Dagva, Vincent Hoffman, Richard Jones, Tomoaki Nakanome, Boris Randzio, Rashaen Arts, Brice Asnar, Odsuren Dagva, Filipe Frederico, Philip Handschin, Vincent Hoffman, Richard Jones, Marcos Menha, Tomoaki Nakanome, Alban Pinet, Alexandre Simões, Eric White

Die Verlobte

Barbara Stute

 

***

 

Der Grüne Tisch Kurt Jooss

 

An einem Grünen Tisch steigern sich zehn schwarz gekleidete Herren – Politiker, Diplomaten, Spekulanten und andere Drahtzieher der Weltgeschichte – in immer heftigere Diskussion. Auf dem Höhepunkt ziehen sie ihre Pistolen. Es fällt ein Schuss, Krieg bricht aus, ein Totentanz beginnt: Frauen nehmen Abschied von ihren Männern; Soldaten fallen auf dem Schlachtfeld und ein Schieber – Profiteur und Kriegsgewinnler – bereichert sich noch an den Leichen; Frauen sind auf der Flucht und eine alte Mutter findet den Tod; eine Partisanin tötet einen Soldaten und wird hingerichtet; Soldaten und Dirnen vergnügen sich in einem Bordell, wo der Schieber ein junges Mädchen anbietet, doch auch dieses findet im Tod seinen letzten Partner. In einem Marsch führt der Tod schließlich alle seine Opfer an und holt auch noch den letzten Lebenden – den Fahnenträger – zu sich. Nur der Schieber wird verstoßen. Im letzten Bild schließt sich der Kreis: Wieder diskutieren die Herren am Grünen Tisch. Das Spiel beginnt von Neuem.

 

Mit seinem 1932 beim Concours de Chorégraphie des Archives Internationales de la Danse in Paris mit dem 1. Preis ausgezeichneten Antikriegsstück „Der Grüne Tisch“ wurde Kurt Jooss über Nacht weltberühmt. „Genauer ist auf der Tanzbühne nie gezeigt worden, dass Krieg kein unabwendbares Schicksal ist, sondern jener Interessenkonflikt, in welchen die Besitzenden die Habenichtse hineinziehen“, schrieb Jochen Schmidt. Bis heute lässt sich die Faszinationskraft dieses Balletts nicht nur aus dem allzeit gültigen Aufruf zum Pazifismus gegenüber den grausamen Machenschaften und dem Zynismus der Mächtigen erklären, der in seinem sozialkritischen Realismus den Werken eines Otto Dix, George Grosz oder auch Bertolt Brecht nahe steht. Vielmehr handelt es sich auch im Hinblick auf die choreographische Komposition – eine Synthese von Mitteln des freien deutschen und des klassisch-akademischen Tanzes – um ein äußerst bühnenwirksames Meisterwerk des dramatischen Tanztheaters.

 

Kurt Jooss (1901–1979) gehörte zu den Initiatoren der Folkwangschule Essen, leitete die dortige Tanzabteilung, gründete das Folkwang-Tanztheater-Studio und die Ballets Jooss. Auf seine öffentliche Weigerung, sich von seinen jüdischen Mitarbeitern zu trennen, entschied er sich 1934 zur Emigration nach England, aus der er erst 1949 zurückkehrte. Geschichten über Macht, Tod, Liebe, Zerstörung und die Verführbarkeit des Menschen blieben wiederkehrende Motive seines Schaffens.

 

Ein Totentanz in acht Bildern

 

MUSIK F. A. Cohen

 

Buch und Choreographie

Kurt Jooss

Kostüme

Hein Heckroth

Lichtentwurf und Masken

Hermann Markard

Licht

Jan Hofstra

Einstudierung und künstlerische Produktionsleitung

Jeanette Vondersaar

Choreographische Einstudierung

Claudio Schellino

Klavier

Christian Grifa, Wolfgang Wiechert

 

Der Tod

Chidozie Nzerem

Der Fahnenträger

Friedrich Pohl

Der junge Soldat

Brice Asnar

Das junge Mädchen

Marlúcia do Amaral

Die Frau

Camille Andriot

Der alte Soldat

Andriy Boyetskyy

Die alte Mutter

Yuko Kato

Der Schieber

Sonny Locsin

Soldaten

Alban Pinet, Michael Foster, Bruno Narnhammer

Frauen

Wun Sze Chan, Feline van Dijken, Nathalie Guth, Anne Marchand, Virginia Segarra Vidal

Die schwarzen Herren

Camille Andriot, Feline van Dijken, Yuko Kato, Brice Asnar, Andriy Boyetskyy, Michael Foster, Sonny Locsin, Bruno Narnhammer, Alban Pinet, Friedrich Pohl

 

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