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Berliner Theatertreffen 2013: Die Auswahl der Kritikerjury

Vom 3. bis 19. Mai 2013 feiern die Berliner Festspiele 50 Jahre Theatertreffen. Rund 420 Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sichtete und diskutierte die Kritikerjury in den vergangenen Monaten. Auf der Schlusskonferenz am gestrigen Sonntag, den 10. Februar, haben die sieben Jurorinnen und Juroren ihre Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten Saison getroffen.

 

Die 10 ausgewählten Inszenierungen für das Theatertreffen 2013 sind:

 

„Disabled Theater“ von Jérôme Bel / Theater Hora – Stiftung Züriwerk, Zürich. R. B. Jérôme Bel / Theater Hora – Stiftung Züriwerk, Zürich / Hebbel am Ufer, Berlin u.a.

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht. Regie Sebastian Baumgarten. Schauspielhaus Zürich.

„Jeder stirbt für sich allein“ nach Hans Fallada. Regie Luk Perceval. Thalia Theater Hamburg.

„Krieg und Frieden“ nach Lew Tolstoi. Regie Sebastian Hartmann. Schauspiel Leipzig / Ruhrfestspiele Recklinghausen.

„Medea“ von Euripides. Regie Michael Thalheimer. Schauspiel Frankfurt.

„Murmel Murmel“ nach Dieter Roth. Regie Herbert Fritsch. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin.

„Orpheus steigt herab“ von Tennessee Williams. Regie Sebastian Nübling. Münchner Kammerspiele.

„Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Regie Karin Henkel. Schauspiel Köln.

„Reise durch die Nacht“ von Friederike Mayröcker. Regie Katie Mitchell. Schauspiel Köln.

„Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ von Elfriede Jelinek. Regie Johan Simons. Münchner Kammerspiele.

 

Zur Jury gehören die Theaterkritikerinnen und -kritiker Vasco Boenisch, Anke Dürr, Ulrike Kahle-Steinweh, Christoph Leibold, Daniele Muscionico, Christine Wahl und Franz Wille.

 

Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, zur diesjährigen Auswahl: „Seit einem halben Jahrhundert feiert das Theatertreffen nun die herausragenden und zukunftsweisenden Arbeiten des deutschsprachigen Theaters. Auch in seiner 50. Ausgabe spiegelt das Festival die Vitalität und Vielgestaltigkeit der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Besonders bemerkenswert an der diesjährigen Auswahl ist die Rückbesinnung auf große Stoffe und Geschichten, auf Klassiker und Klassiker der Moderne – flankiert von Stückentwicklungen und neuen Texten. Im Zentrum der Inszenierungen steht oft eine Neubefragung sozialer Themen oder gesellschaftlicher Werte. Überragende Ensembleleistungen zeigen die Bühne als Ort, an dem existentielle Fragen gestellt werden.“

 

Über fünf Jahrzehnte lang hat das Festival einen Überblick der künstlerischen Entwicklungen an deutschsprachigen Bühnen geboten und sich zugleich erfolgreich als Publikumsfestival, Fachmesse und Talenteplattform etabliert. Das Theatertreffen wird am Freitag, den 3. Mai 2013, im Haus der Berliner Festspiele eröffnet und ist von einer Reihe Sonderveranstaltungen zum Festivaljubiläum geprägt. Ein breites Rahmenprogramm mit Preisverleihungen, Podiumsdiskussionen, Publikumsgesprächen, Public Viewings und Premierenfeiern begleitet die Aufführungen der 10 ausgewählten Inszenierungen. Anfang Mai 2013 geben die Berliner Festspiele eine Publikation mit dem Titel „Die ersten 50 Jahre. Ereignis und Disput: Das Theatertreffen“ im Buchverlag Theater der Zeit heraus.

 

Der Stückemarkt feiert in diesem Jahr seinen 35. Geburtstag und zieht Bilanz. Eingeladen sind 35 Autoren, die seit 1978 für den Stückemarkt ausgewählt waren. Es wurden Werkaufträge für ein neues Kurzstück vergeben, die zahlreiche Künstler in szenischen Lesungen und Hörspielen an drei Festivaltagen in der „PanAm Lounge“ im Eden Haus präsentieren. In einem szenischen Archiv werden die Arbeiten der bereits verstorbenen Stückemarkt-Autoren zu sehen und zu hören sein. Das Akademieprogramm mit den Formaten Internationales Forum, Theatertreffen-Blog und Open Campus widmet sich dem künstlerischen Nachwuchs.

 

Die Kulturstiftung des Bundes fördert das Theatertreffen seit 2004. Die Zusammenarbeit mit 3sat geht in ihr 18. Jahr. Ausgewählte Inszenierungen werden im Mai auf 3sat ausgestrahlt.

 

 

Die 10 ausgewählten Inszenierungen im Einzelnen:

 

„Disabled Theater“ von Jérôme Bel / Theater Hora – Stiftung Züriwerk, Zürich. R. B. Jérôme Bel / Theater Hora – Stiftung Züriwerk, Zürich / Hebbel am Ufer, Berlin / Auawirleben, Bern / Kunstenfestivaldesarts, Brüssel / Documenta (13) / Festival d’Avignon / Ruhrtriennale / Festival d’Automne, Paris / Les Spectacles vivants – Centre Pompidou, Paris / La Bâtie – Festival Gèneve. Uraufführung Brüssel 10. Mai 2012. Deutsche Erstaufführung Essen 23. August 2012

 

Wer ist hier behindert? Die Schauspieler, weil sie das Down-Syndrom haben oder langsamer lernen als der Durchschnitt? Die Zuschauer, weil sie nicht wissen, wie man auf behinderte Schauspieler „normal“ reagiert? Die Kritiker, weil ihre Kategorien, erprobt am herkömmlichen Repräsentationstheater, hier nicht greifen? Der belgische Choreograf Jérôme Bel und das Schweizer Theater Hora schütteln unsere Wahrnehmung durcheinander. Wenn die elf Darsteller sich nacheinander auf der Bühne vorstellen, sind sie dann sie selbst oder spielen sie sich? Und wenn man sich von der Energie, der Unmittelbarkeit ihrer Solotanznummern mitreißen lässt, erliegt man dann nicht wieder einem Klischee? Und wenn wir nicht wollen, dass sie sich uns aussetzen, meinen wir damit nicht vielleicht, dass wir uns ihnen nicht aussetzen wollen? Dieses Theater ist nicht „disabled“, im Gegenteil: Selten war ein Abend so fähig, den Live-Charakter von Theater zu nutzen. Nichts ist berechenbar, alles kann schiefgehen. Oder?

 

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht. Regie Sebastian Baumgarten. Schauspielhaus Zürich. Premiere 29. September 2012

 

Seit der Geburt des Neoliberalismus Anfang des Jahrtausends wird Brechts Wirtschaftsklassiker allüberall gespielt und möglichst nahe an die Gegenwart gerückt. Keiner lässt Brechts „Heilige Johanna“ auf den ersten Blick älter aussehen als Sebastian Baumgarten in Zürich. Ein Pianist umklimpert sie mit jazzigen Rhythmen, Brechts sonst immer etwas antiquiert tönende Blankverse klingen dazu wie ein Libretto aus den 1920er Jahren. Die Wirtschafts-Männer tragen Latex-Halbmasken wie aus einer alten Ruth-Berghaus-Inszenierung, die ihnen die gröbsten Gefühlsregungen aus dem Gesicht wischen. Dabei sehen die Kings of Cool unrettbar lächerlich aus mit ihren Cowboyhüten und grotesken Kostümen, als hätte man einen verstaubten Verfremdungs-Fundus im Berliner Ensemble geplündert. Ungefähr so hat man sich in den 1950ern im Osten den Kapitalismus vorgestellt. Doch je weiter die Inszenierung Brechts Vorlage wegrückt, umso näher erscheint die alte Geschichte. An den Gesetzen von Angebot und Nachfrage hat sich bis heute nichts geändert, Moral und Intelligenz dienen, so vorhanden, hauptsächlich der eigenen Interessenwahrung. Nur eine Lösung ist nicht mehr in Sicht, nicht einmal als Utopie. Erst ganz am Ende kommt Baumgartens Inszenierung auch äußerlich im Heute an. Der Markt hat sich erholt, es gibt zwar 30 Prozent weniger Lohn, 30 Prozent höhere Preise und 30 Prozent Arbeitslose, aber so ist das nun mal. 70 Prozent leben ganz ordentlich damit.

 

„Jeder stirbt für sich allein“ nach Hans Fallada. Regie Luk Perceval. Thalia Theater Hamburg. Premiere 13. Oktober 2012

 

Wer denkt, dass Moral eine flexible Größe ist, dass in jedem Täter ein Opfer steckt oder in jedem Opfer ein Täter, dass überhaupt das Gute oder Böse eine Frage der Perspektive sei, sollte sich unbedingt „Jeder stirbt für sich allein“ ansehen. Gerade 18 Karten mit dem lapidaren Satz „Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet“ hat das Ehepaar Quangel zwischen 1940 und 1942 erfolgreich verteilt, bevor es in Gestapo-Kerkern gefoltert und ermordet worden ist. Luk Percevals Inszenierung geht Falladas Widerstandsroman von 1946 konzentriert an, meidet Milieu wie Atmosphäre, und entwirft ein knapp skizziertes Panorama der Mitläufer und Opportunisten, der Treppenhausspione und Hinterhaus-Erpresser, der kleinen Mitnahmeeffekte und großen Irrtümer, ohne die keine Diktatur funktionieren könnte. Je einfacher und besser das Thalia-Ensemble die Menschen versteht, die ihre bescheidenen Gewinne einfahren oder auch nur in Ruhe gelassen werden wollen, desto unerträglicher werden sie. Die Gewalt hat einen klammen Händedruck.

 

„Krieg und Frieden“ nach Lew Tolstoi. Regie Sebastian Hartmann. Schauspiel Leipzig / Ruhrfestspiele Recklinghausen. Premiere Recklinghausen 10. Mai 2012 / Premiere Leipzig 20. September 2012

 

Knapp zweitausend Romanseiten voller Kriegsreporte, Adelssalontratsch, höherer Philosophie und Eheanbahnungsökonomie: Auf die immense Herausforderung von Lew Tolstois Weltliteraturepos „Krieg und Frieden“ findet Sebastian Hartmann mit seinem Ensemble eine ebenso intelligente wie originelle Antwort. Die Leipziger Romanadaption folgt nämlich weder dem grassierenden Reader’s-Digest-Nacherzählungstrend noch der diskursiven Aufsprengungsmethode à la Frank Castorf. Statt handlungslinear geht sie motivweise vor und verdichtet wiederkehrende Topoi zu essentiellen, bildstarken Szenen, die folgerichtig direkt bei den letzten Dingen landen. „Ich“, „Tod“ oder „Glaube“ heißen die Sinneinheiten dieses fünfstündigen Abends, der sich auf einer symbolträchtig kipp- und hebbaren Bühnenplattform ereignet, angemessen komplex. Dass die Akteure dabei zusehends geradliniger auf unsere Gegenwart zusteuern, ohne diese Bewegung plakativ vor sich her zu tragen, und dass die vorgestanzten Sinnprodukte folglich immer zerfallsanfälliger werden, ist ebenso konsequent wie der Verzicht auf klare Figurenzuordnungen: Die großen Universalfragen ereilen die Spezies bekanntermaßen unabhängig von Alter und Geschlecht.

 

„Medea“ von Euripides. Regie Michael Thalheimer. Schauspiel Frankfurt. Premiere 14. April 2012

 

Im Gegenwartstheater kennt man die Kolcherin Medea ja vor allem als entrückt-pathosaffine Großtragödin oder – küchenpsychologisch heruntergedimmt – als betrogene Ehegattin quasi von nebenan. Vor diesem Hintergrund gelingt der Schauspielerin Constanze Becker in Michael Thalheimers Frankfurter Euripides-Inszenierung wahrhaft Sensationelles: Diese wie jene Stereotypenfalle unterlaufend, lässt Becker im universellen Mythos stets das Konkrete aufscheinen und umgekehrt – nicht im Ausschlussverfahren, sondern dialektisch; nicht laut tönend, sondern unverkünstelt klar. Tatsächlich lässt einen diese einsam auf einem erhöhten Bühnenvorsprung agierende Medea, die in Olaf Altmanns angemessen wuchtigem Szenario vom Parkett fast genauso weit entfernt ist wie von ihren Mitspieler/innen, gleichsam beim Denken zuschauen. Derart trägt Thalheimers Abend, ohne die Fallhöhe der Tragödie zu verringern, angestammte Interpretationsschichten ab und erobert der antiken Figur neue Facetten.

 

„Murmel Murmel“ nach Dieter Roth. Regie Herbert Fritsch. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin. Deutsche Erstaufführung 28. März 2012

 

Der Text stand beim Regisseur Herbert Fritsch noch nie im Zentrum. In „Murmel Murmel“ ist Fritsch nun endlich so konsequent, sich, die Schauspieler und die Zuschauer vom Wort- und Sinnbalast zu befreien: siebzig Minuten akrobatisches Körpertheater, famoser Slapstick und rhythmische Tanzgymnastik, unterstützt vom Musiker Ingo Günther und seinem Marimbaphon. Wer will, kann darin einen satirischen Kommentar sehen zur hysterisch-überdrehten Turbogesellschaft, die mit unendlichem Blabla nichts sagt – man kommt aber auch gut ohne aus, wenn man sich einfach am grandiosen Bühnengeschehen erfreut, an Victoria Behrs grellen Sechziger-Jahre-Kostümen, an Fritschs psychedelisch an- und abschwellendem Bühnenbild, das mittanzt und dem dadaistischen Kunsttrip den Rhythmus vorgibt. Fritsch erinnert uns daran, was Theater auch und vor allem ist: eine bunte Schau mit lebendigen Menschen. Bei aller Hysterie hat das Dauer-Gemurmel der Schauspieler, mal solo, mal im Chor, sogar etwas Meditatives.

 

„Orpheus steigt herab“ von Tennessee Williams. Regie Sebastian Nübling. Münchner Kammerspiele. Premiere 29. September 2012

 

Ein Stück über Außenseiterhatz in einer repressiven Gesellschaft, selten gespielt. Sebastian Nübling erliegt nicht der Versuchung, es krampfhaft zu aktualisieren. Und doch enthebt er es dem konkreten Kleinstadtkosmos, den Tennessee Williams entworfen hat. Ein Kettenkarussell hängt kopfüber vom Schnürboden, unvollständig zunächst. Nach und nach montiert die Gemischtwarenhändlerin Lady Torrance Glühbirnen und Sitze, um es fahrtüchtig zu machen, unterstützt von Nachtclubsänger Val, der sich in Williams‘ Spießbürger-Hades verloren hat wie einst Orpheus in der Unterwelt. Eine unbeholfene Romanze entspinnt sich zwischen der verhärmten Lady von Wiebke Puls und dem schwer zu fassenden Val, der in Gestalt des estnischen Schauspielers Risto Kübar nicht einfach das Ausländische verkörpert, sondern das Andersartige schlechthin. Doch der Versuch dieses traurigen Paars, gemeinsam die Ketten der Gesellschaft zu sprengen, scheitert aufs Grausamste. Die Mehrheitsmeute kläfft bedrohlich, ehe sie zuletzt gnadenlos zubeißt. Eine schrecklich schöne Inszenierung von zeitloser Gültigkeit.

 

„Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Regie Karin Henkel. Schauspiel Köln. Premiere 20. Oktober 2012

 

Aus einem zirzensisch bizarren Dachboden-Fundus, wie von Fellini entworfen, wird ein Drama entwickelt: Mit allen Mitteln des Theaters einmal ins menschliche Elend und zurück. Mutter John kauft ein Kind und behauptet, es wäre ihres. Verfolgt zunehmend stur ihre Lügenspur, mit schrecklichen Folgen für alle involvierten Leben. Der abgehalfterte Direktor Hassenreuter will wieder ein eigenes Theater, das Zuschauer und Kasse bringt, biegt sich deshalb fröhlich nach allen Seiten, mit entsprechenden Folgen fürs Theater.

 

Mit der klugen Verschränkung und Thematisierung dieser von Gerhart Hauptmann bereits pikant kombinierten Bereiche Lustspiel und Drama zeigt Regisseurin Karin Henkel, wie heute auf illusionsfreier Bühne eine naturalistische Tragödie entstehen kann. Die bühnenästhetische Debatte wird praktisch geführt: Lina Beckmann als Frau John entwickelt mit ihren so feinen wie geradlinigen Mitteln eine ergreifende Tragödie, Kate Strong zeigt in mehreren Rollen wunderbar überdrehte, stilisierte Zirkusfiguren, Lena Schwarz spielt expressionistisch lautstarkes Drama und Bernd Grawert führt seinen Paul John vom harmlos liebevollen Kindsvater bis in die Verzweiflung eines Woyzeck, vom Alltag in den Abgrund. Ganz großes Theater.

 

„Reise durch die Nacht“ von Friederike Mayröcker. Regie Katie Mitchell. Schauspiel Köln / Fifty Nine Productions London. Uraufführung 13. Oktober 2012

 

Ein schweigsames Paar im Schlafabteil. Mit dem Nachtzug geht es von Paris nach Wien, doch die eigentliche Reise führt hinein in den Kopf der Ich-Erzählerin. Diese Frau löst sich auf – und wir lesen mit: Fetzen von Erinnerungen, Versatzstücke aus Träumen und Traumata versucht sie, schreibend in ihrer Kladde zu bändigen, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Aus Mayröckers feministischer Einfühlungsepik macht Katie Mitchell eine stupende Studie sehr heutiger Identitätszuschreibungen. In einem Breitbandfilmset reproduzieren emsige Darsteller jene „Erinnerungsblitze“, die dann als faszinierendes Live-Kino scheinbar kohärent das Leben ergeben, wie es die Protagonistin in ihrem Stream of Consciousness zu (ver)fassen sucht. Berührend, beklemmend – und ein bisschen perfide. Denn Vorsicht: Was uns ergriffen glauben lässt, wir hätten eine Biografie erfasst, sind doch nur ein paar Gesten, Blicke, stereotype Schlaglichter auf Ehefrust und Vaterkomplex. Wenn das in unseren Augen schon reicht, ein Leben zu bedeuten – dann gute Nacht.

 

„Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ von Elfriede Jelinek. Regie Johan Simons. Münchner Kammerspiele. Uraufführung 27. Oktober 2012

 

Wie Diamanten funkeln die Eiswürfel auf der Spielfläche. Doch im Scheinwerferlicht schmilzt die Pracht bald dahin. Alles nur Schein. Um Vergänglichkeit geht es. Und um Mode. Aber was wäre vergänglicher als Mode? Münchens Modemeile Maximilianstraße (an der auch die Kammerspiele liegen, denen Elfriede Jelinek ihr Stück geschenkt hat) - ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, im doppelten Sinne: Alles ist eitel, alles nichts. Aber aus einem Nichts kann auch alles werden. So wie erst Kleider Leute machen und das kleine München sich gerne in große Bedeutung hüllt. Seltsame Gestalten flanieren über die Bühne in Johan Simons‘ Inszenierung: Männer auf High Heels in hautfarbener Damenwäsche, die ihr welkes Fleisch mit Mode-Accessoires bemänteln: Pelzjacken und Luis-Vuitton-Handtaschen. Und mitten unter den Männern: Sandra Hüller als Fashion Victim, die hochnotkomisch an ihrem schicken neuen Rock verzweifelt, der sie zu einem Niemand degradiert. Weil er nie so an ihr aussehen wird wie an den Models auf den Plakaten. Theater, jenseits aller Moden und schönen Oberflächen, von existentieller Tiefe.

 

Weitere Informationen unter: www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen

 

 

 

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