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Bühnen der Stadt Köln: DU SOLLST

Im Rahmen des Evangelischen Kirchentages wird am 7. und 8. Juni in der Schlosserei „Du sollst“ von Navid Kermani gezeigt. „Du sollst“ ist ein Zyklus von Kurzgeschichten, der nach den Zehn Geboten des Alten Testaments gegliedert ist und eine Standortbestimmung der körperlichen und göttlichen Liebe für unsere Gegenwart versucht. Die Inszenierung Stefan Ottenis adaptiert das Buch für die Bühne. Sie entstand für die Berliner Sophiensäle in Kooperation mit Schauspiel Köln.

 

Mit DU SOLLST unternimmt Navid Kermani einen ganz unerhörten, seltenen Versuch: Gegliedert nach den Zehn Geboten des alten Testaments, gelingt ihm eine Standortbestimmung der körperlichen und göttlichen Liebe für unsere Gegenwart, ein Stationenverzeichnis des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau.

 

 

Kermanis Imperativ DU SOLLST setzt die biblischen Gesetze nicht außer Kraft, er erkundet ihre Gültigkeit, indem er sie auf das Verhalten, die Ängste und Sündenfälle zwischen zwei heute Liebenden anwendet. Auf den ersten Blick gleichen seine kurzen, präzisen Texte anderen Kurzgeschichten zum Thema

Liebe: Verführung, Verzweiflung, Missverständnisse, Seitensprünge, kurze Ekstase, langer erotischer Alltag. Doch sehr schnell entwickelt der sorgsam komponierte Zyklus durch die Besonderheit des Blicks auf scheinbar bekannte Konstellationen einen ungewöhnlichen Sog:

 

Ein Mann erkundet verbotenerweise den Körper einer Schlafenden und hat damit einen unvorhersehbaren Einfluss auf ihre Träume, ein Paar denkt sich, nebeneinander liegend, voneinander weg und trifft sich wieder in zwei kurzen

Sätzen, voller Missverständnisse. Eine Frau beobachtet sich und ihren Mann beim Liebesakt – und während er das Glück seines Lebens erlebt, ermordet sie ihn, zuerst in Gedanken, dann mit einer einzigen kleinen Bewegung.

 

Kermanis Texte beziehen ihren Reiz aus einer Vielfalt von Widersprüchen:

Exzessive Erotik steht in hartem Kontrast zu den archaischen Imperativen der Gebote. Männliche und weibliche Perspektive wechseln oft in atemberaubendem Tempo. Die Intimität der erzählten Situationen wird verstärkt durch die Distanz des Erzählers, der seelische wie körperliche Vorgänge mit fast wissenschaftlicher Sachlichkeit protokolliert.

In einer Sprache, die gleichzeitig genau und sinnlich ist wie eine filmische Nahaufnahme, beschreibt er ohne Schonung und mit einem Humor, der der Verzweiflung entspringt, die Euphorie und den Absturz von körperlicher Nähe. So schafft er es, als einer der wenigen Texte über dieses Thema seit Pasolinis

TEOREMA, geradezu unmerklich und spielerisch durchzustoßen zu den darunter liegenden Fragen: Gibt es Regeln, Gebote für die körperliche Seite der Liebe? Und könnten diese Regeln dazu taugen, den Körpern das Göttliche wiederzugeben, nach dem sie sich so sehnen? Und wenn die Liebe zwischen den Körpern wirklich von Gott geschaffen wurde, warum ist sie dann die Ursache für soviel Leid?

 

Gerade, wenn man meint in den Geschichten und Textsplittern von Kermanis Figuren, ihren Dialogen und Gedankenströmen die alten biblischen Regeln erkannt zu haben, hebt der Autor das Thema virtuos auf eine zweite Ebene.

Wir befinden uns im Wohntrakt eines wissenschaftlichen Eliteinstituts: Ein junger muslimischer Naturwissenschaftler erstattet Bericht über einen kürzlich unter seltsamen Umständen verschwundenen älteren Professor für Religionswissenschaft. Der Professor hatte gerade begonnen sich ihm anzuvertrauen und ihn teilhaben lassen an seinem früheren ausschweifenden Leben, seiner jetzigen Isolation, und Verzweiflung an der Liebe, an - dadurch ausgelöst - seinen Abfall von Gott. .

 

Aus diesem Bericht erahnen wir immer deutlicher: Vielleicht waren die Episoden des ersten Teils Bruchstücke aus dem Leben des so scheuen liebenswürdigen Professor, vielleicht waren sie es, die ihn dazu führten, nicht mehr an Liebe oder Gott zu glauben, sondern einzig an die biologischen Grundbedürfnisse des Körpers. Wie die aus dem Paradies Ausgesperrten in der Bibel schaut der

junge Muslim durch das Fenster der Erzählungen des Alten ins Paradies ekstatischer Welterfahrung. Es ist, als ob der Christ zuviel über die Liebe erfahren hat, mehr als ein Körper aushält. Wer die Bibel kennt, weiß, dass Erfahrung, also Erkenntnis, immer mit dem Verlust des Paradieses bestraft wird.

 

Damit öffnet sich das Thema nochmals, damit vertiefen sich nach Art eines schnellen Zooms auch die Fragen des ersten Teils: Was, wenn uns Gott die Begierde, den Wunsch nach Verschmelzung nur eingepflanzt hat, um uns zu

quälen, um uns damit schon die Hölle au Erden zu bereiten? Was, wenn er kein liebender, kein lieber Gott ist, sondern selbst auf die kurzen Momente unser Glücks nur neidisch ist wie ein eifersüchtiger Nebenbuhler?

 

Der Bericht des Muslims klärt diese Fragen des Christen nicht. Stattdessen erzählt er von der zunehmenden Nähe der beiden Männer, die - ohne dass sie es ahnen oder wollen – in einen blutigen Kampf mündet.

 

Die Schauspieler

Frank Büttner

Carmen Dalfogo

Christian Kerepeszki

Oktay Khan

Katharina Linder

Textfassung Stefan Otteni/ Ina Schott/Sonja Bachmann

 

Inszenierung Stefan Otteni

Dramaturgie Ina Schott/ Sonja Bachmann

Licht Peter Meier

Ausstattung Peter Scior/ Sonja Albartus

Produktionsleitung Karin Müller

Regieassistenz Romy Sydow

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Lesezeit für diesen Artikel: 25 Minuten



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