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Das Modellprojekt „GRIPS Fieber“ in Berlin: „Wir wollen Schüler aller Schichten mit dem Theatervirus anstecken!“ Das Modellprojekt „GRIPS Fieber“ in Berlin: „Wir wollen Schüler aller...Das Modellprojekt „GRIPS...

Das Modellprojekt „GRIPS Fieber“ in Berlin: „Wir wollen Schüler aller Schichten mit dem Theatervirus anstecken!“

Knapp jedes fünfte Kind in Berlin lebt in Berlin an der Armutsgrenze oder darunter. Neben vielen anderen Einschränkungen gilt für diese Kinder häufig, dass beispielsweise Theaterbesuche von den Eltern nicht finanziert werden können. Mit der Folge, dass ganze Schulklassen nicht ins Theater gehen können, weil die Lehrer nicht wissen, woher sie das Eintrittsgeld nehmen sollen. Ein unhaltbarer Zustand für den Künstlerischen Leiter des GRIPS Theaters Stefan Fischer-Fels.

„Dass der Theaterbesuch ganzer Schulklassen am Geld scheitert, das kann ich einfach nicht akzeptieren. Ein Theaterbesuch ist doch essentieller Bestandteil der kulturellen Grundversorgung, die im Kindesalter anfängt! Akzeptieren muss ich aber die Realität, dass durchschnittlich 20 % der Schüler einer Klasse einfach das Geld nicht haben und deswegen der Theaterbesuch der gesamten Klasse abgesagt wird!“

 

Zwar gibt es zur Förderung des Theaterbesuchs die seit Jahrzehnten bewährte Bezuschussung über „Theater‐der‐Schulen“ vom JugendKulturService, dennoch können zunehmend weniger Schüler die noch verbleibenden 4,‐ Euro (für Kinderstücke) oder 5,‐ Euro (für Jugendstücke) aufbringen. Eine Entwicklung der letzten Jahre, die im GRIPS Theater mit großer Sorge beobachtet wird. Zwar könnte der Theaterbesuch über das Bildungspaket beantragt werden, doch hilft

das ausschließlich Hartz‐IV‐Empfängern, nicht aber beispielsweise den vielen

Alleinerziehenden, die knapp über der Armutsgrenze leben.

 

Stefan Fischer‐Fels ist keiner, der lamentiert. Mit innovativen Ideen sorgte er schon vor einem Jahr für Gesprächsstoff, als er in Berlin „Theater auf Rezept“ einführte, bei dem dank des Sponsors Siemens‐Betriebskrankenkasse Berliner Kinderärzte ihren jungen Patienten mit einem Gutschein Theater verordnen. Gleichzeitig begann er vor einem Jahr, Sponsoren zu suchen für sein

Modellprojekt „GRIPS‐Fieber“, um Berliner Schulklassen den jährlichen Theaterbesuch zuverlässig, verbindlich und unbürokratisch zu ermöglichen. Mit der Hilfe von Kulturstaatssekretär André Schmitz und der Berliner GASAG als Mitinitiator wurden insgesamt fünf Sponsoren gefunden, die für die nächsten ein bis drei Jahre das Projekt GRIPS‐Fieber finanzieren.

 

Stefan Fischer‐Fels ist die Verbindlichkeit des Theaterbesuchs wichtig. Aus diesem Grund schließt er direkt mit den interessierten Schuldirektoren Kooperationsverträge mit einer dreijährigen

Laufzeit. GRIPS‐Fieber‐Schulen verpflichten sich, ein Mal pro Jahr mit allen Schülern das GRIPS Theater zu besuchen. Im Gegenzug sichert das GRIPS Theater zu, den Eintritt für alle sozial benachteiligten Kinder und Jugendliche zu finanzieren. Die Schule kann diesen garantierten Theaterbesuch für jedes Kind in ihr Profil aufnehmen, das GRIPS Theater unterstützt darüber hinaus die Profilbildung mit über den Theaterbesuch hinausgehenden Angeboten.

 

Ohne bis jetzt groß die Werbetrommel für „GRIPS Fieber“ zu rühren, sind bis Juni bereits 22 Schulen

– 18 Grundschulen, 2 Förderzentren, 1 Sekundarschule und 1 Gymnasium ‐ „GRIPS

Fieber“‐Schulen geworden. Die Schulen kommen u.a. aus den Bezirken Neukölln, Spandau, Steglitz, Mitte, Schöneberg und Charlottenburg. Knapp 9.000 Schülern wird somit der jährliche Theaterbesuch für drei Jahre gesichert, davon werden für 3.038 Schülern die Eintrittskarten finanziert von den fünf Sponsoren.

 

Noch können weitere Schulen bei „GRIPS Fieber“ aufgenommen werden, interessierte Schulen können sich einfach direkt im GRIPS Theater melden. Ob und wie weit sich „GRIPS‐Fieber“ erweitern lässt, hängt davon ab, ob noch mehr Sponsoren einsteigen werden.

 

Die erste Schule, die „GRIPS‐Fieber‐Schule“ wurde, ist die Moabiter Hansa‐

Grundschule. Kein Wunder, liegt sie doch nur einen Steinwurf vom GRIPS entfernt. Die Direktorin

Patricia Horeni war aber nicht nur wegen der direkten Nachbarschaft so schnell zur Stelle, sondern sie ist begeistert davon, dass dank „GRIPS‐Fieber“ ihre armen Schüler ins Theater gehen können, ohne sie als solche outen und stigmatisieren zu müssen, denn es genügt, wenn der Lehrer bei der Kartenreservierung die Zahl der zu finanzierenden Eintrittskarten nennt. 40% der Schüler der Hansa‐Grundschule bekommen nun dank „GRIPS‐Fieber“ den Theaterbesuch finanziert. Warum ist der Schuldirektorin eigentlich Theater so wichtig? „Das Theater hilft uns, uns über unsere Gefühle und Wahrnehmungen klar zu werden. Das brauchen die Kinder auch.“ so Patricia Horeni. „Wir als Lehrer haben mit Theater die Chance über Gefühle, Wahrnehmungen und Probleme mit den Schülern ins Gespräch zu kommen.“

 

Die zu finanzierende Schülerzahl schwankt innerhalb der bereits angemeldeten „GRIPS Fieber“-Schulen stark, der Durchschnittswert liegt bei 35% der Schülerschaft, es gibt eine Schule, die nur 8 % ihrer Schüler als bedürftig angemeldet hat. Ganz anders sieht es bei der Spandauer CHRISTIAN MORGENSTERN Grundschule aus, die mitten im sozialen Brennpunkt Heerstraße‐Nord liegt: 90% der Schüler können sich den Theaterbesuch nicht leisten, in Zahlen ausgedrückt heißt das: 360 von 400 Schülern. Die kulturelle Bildung läuft hier ausschließlich über die Schule, der Lebenshorizont beschränkt sich auf den Kiez: „Kinder, die sich einen Theaterbesuch nicht leisten können, werden von kultureller „Grundbildung“ ferngehalten,“ so der Schuldirektor Michael Ozdoba. „Sie machen keine Erfahrungen, die ihren Erlebnishorizont jenseits von Fernsehserien, Musikvideos oder Computerspielen erweitern. Gerade der gemeinsame Besuch von Kulturveranstaltungen, die gemeinsame Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Erlebten sind so wichtig für die emotionale, soziale und intellektuellen

Entwicklung.“

 

Dem stimmt Michael Frank, der Direktor der Leonardo‐da‐Vinci‐Schule zu. Seine

Schule ist das einzige Gymnasium, dass „GRIPSFieber“‐ Schule geworden ist. Gymnasien tun sich schwer mit der Selbstverpflichtung zum verbindlichen Theaterbesuch, der drohende Unterrichtsausfall ist das große Gegenargument. Verstehen kann das Michael Frank, der Direktor des Neuköllner Leonardo‐da‐Vinci‐Gymnasiums nicht, er hat an seiner kunstbetonten Schule bereits den jährlichen Museumsbesuch eingeführt.. „Mit der Teilnahme am „GripsFieber“ nehmen wir als Gymnasium unseren Auftrag zur kulturellen Bildung unserer Schüler wahr.“ so Michael Frank. „Wenn die Besuche im Theater entsprechend vor- und nachbereitet werden, ist es kein verlorener Unterrichtstag im Gegenteil werden Schüler an das Theater herangeführt, deren Elternhaus dieses nicht unbedingt leistet.“ Schon im September fahren alle Klassen des 7. Jahrgangs seiner Schule ins GRIPS, um sich das Jugendstück DIE BESSEREN WÄLDER anzusehen, als gemeinsames Erlebnis ein wichtiger Baustein im Gruppenfindungsprozess für die

neuen Klassen.

 

Wer Stefan Fischer‐Fels kennt, ahnt natürlich, dass er mit seinem Projekt „GRIPSFieber“ noch mehr im Schilde führt. „Indem wir mit diesem Angebot von Partnerschaftsverträgen auf Berliner Schulen zugehen, schaffen wir ein Bewusstsein dafür, dass junge Menschen neben Mathematik, Deutsch und Englisch auch Kulturelle Bildung brauchen.“ Er geht noch weiter: „Der verbindliche Theaterbesuch könnte doch der Einstieg in ein neues Projekt „Kultureller Rucksack“ sein, den es in den skandinavischen Ländern schon längst gibt. Ist das weniger sinnvoll als die Pflicht zum Physik,

Biologieund Sportunterricht?“ fragt er, ganz offensichtlich eine konkrete Vision vor Augen. Man

wird sehen, was in der Kulturstadt Berlin noch alles möglich sein wird.

 

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