HomeBeiträge
"Der dressierte Mann", Komödie von John von Düffel nach dem gleichnamigen Bestseller von Esther Vilar - Städtische Theater Chemnitz"Der dressierte Mann", Komödie von John von Düffel nach dem gleichnamigen..."Der dressierte Mann",...

"Der dressierte Mann", Komödie von John von Düffel nach dem gleichnamigen Bestseller von Esther Vilar - Städtische Theater Chemnitz

Premiere: 27. Januar 2018, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz

Der Mann heißt Bastian und die Frau Helen. Alles ist gut zwischen ihnen, beide streben eine Beziehung auf Augenhöhe an, beide machen Karriere bei derselben Bank, er kocht für sie, der Nachwuchs wird langsam Thema und sie möchte die Seine werden. Aber eines Abends gerät alles aus den Fugen. Sie eröffnet ihm, dass sie neues Vorstandsmitglied beim gemeinsamen Arbeitgeber wird und damit auf der Karriereleiter bei zehnfachem Gehalt an ihm vorbeirauscht. Das hält der stärkste Mann nicht aus – er zieht seinen geplanten Heiratsantrag zurück und der Haussegen hängt schief.

 

Damit kommen die Mütter ins Spiel. Seine ist Hardcore-Feministin und ihre eine mit allen Finessen weiblicher Schattenkriegsführung beschlagene Zahnarztgattin. Beide munitionieren Helen für den Kampf gegen das andere Geschlecht auf. Mit der geballten Weiblichkeit konfrontiert, gerät Bastian außer Rand und Band. Und er tut, was Männer in solchen Fällen immer tun: Er betrinkt sich maßlos. Die Frauen helfen ihm dabei, denn sie haben einen Plan. Um das eheliche Glück noch irgendwie zu retten, soll Bastians Festplatte gelöscht und Helen in ein Weibchen von der Art ihrer Mutter verwandelt werden. Dann alles auf Anfang! Doch die Frauen haben die Rechnung ohne Bastian gemacht. Er überrascht sie alle.

Esther Vilars (*1935) Streitschrift „Der dressierte Mann“ erschien 1971 und war für die feministische Bewegung ein Affront. Vilar hielt es für unter ihrer Würde, Frauen allein in der Opferposition zu sehen. Sie deckte Mechanismen weiblicher Machtausübung auf und sabotierte die Mär vom bösen Mann. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, wurde die Autorin von Teilen der Presse scharf attackiert, in der Bayerischen Staatsbibliothek von vier jungen Frauen verprügelt und sogar mit dem Tode bedroht. Einen Eindruck von den verhärteten Fronten der damaligen Zeit vermittelt das legendäre TV-Duell Alice Schwarzer vs. Esther Vilar aus dem Jahr 1975. – Nahezu zwei Generationen später stützt sich John von Düffel auf Vilars Thesen und lotet in seiner Komödie mit großem Vergnügen die alte Frage neuerlich aus: Wer dominiert wen? Die Komödie kommt letztlich zum Schluss, dass die alten Ideologismen nicht mehr so recht greifen, ihnen etwas Anachronistisches anhaftet. Hier setzt das Lachen ein.

Die Autorin Esther Vilar
Die Schriftstellerin wurde 1935 als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten in Buenos Aires geboren. Sie vagabundierte durch halb Amerika, Afrika und Europa – als Sekretärin, Fabrikarbeiterin, Verkäuferin, Dolmetscherin und Vertreterin. Nach Abschluss eines Medizinstudiums in Argentinien studierte sie ab 1960 Psychologie und Soziologie in Deutschland. Anschließend arbeitete sie als Krankenhausärztin, später als Übersetzerin und Rundfunkautorin. Voller Zorn schrieb sie 1971 „Der dressierte Mann“ und wurde nach der Fernsehsendung „Wünsch dir was“ schlagartig berühmt. Sie lieferte sich eine erbitterte Fehde mit der feministischen Bewegung (siehe Fernsehduell mit Alice Schwarzer 1975), in deren Folge sie Deutschland verließ. Doch sie hatte ihr Thema gefunden. Sie lotete das Machtverhältnis zwischen Frau und Mann in „Das polygame Geschlecht“ und „Vom Ende der Dressur“ weiter aus, setzte sich mit Ibsens „Nora“ auseinander, dem Lieblingsstück der Feministinnen der damaligen Zeit, und schrieb Theaterstücke (z. B. „Helmer oder Ein Puppenheim. Variation über ein Thema von Henrik Ibsen“) sowie Romane (z. B. „Rositas Haut“, „Eifersucht. Roman für drei Faxmaschinen und ein Tonbandgerät“). Immer wieder mischte sie sich in gesellschaftliche Diskurse ein: Sie diskutierte über Freiheit (Menschen neigen dazu, Verantwortung an andere zu delegieren), schlug ein neues Arbeitszeitmodell vor (25-Stunden-Woche) und wendete sich gegen die Ehe als Institution. Esther Vilar war zweimal verheiratet. Sie ist Mitglied im Beirat der aufklärerischen Giordano-Bruno-Stiftung.

  • Regie: Herbert Olschok
  • Bühneund Kostüme: Alexander Martynow
     
  • Mit: Seraina Leuenberger, Ulrike Euen, Marko Bullack und Christine Gabsch

    Die nächsten Vorstellungen: 2. + 17. Februar 2018, je 19.30 Uhr / 11. Februar 2018, 15.00 Uhr

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 20 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Geld regiert die Welt

Biblische Stoffe als Grundlage für eine Oper hatten es nicht nur um 1870 schwer, überhaupt aufgeführt zu werden, sondern scheinen auch heute das Publikum nicht allzu sehr zu reizen, wenn man die…

Von: Dagmar Kurtz

Amerikanische Avantgarde

Mit gleich vier Stücken amerikanischer Choreographen der Moderne, die die amerikanische, aber auch die internationale Tanzszene erheblich beeinflussten, wartet der b40-Ballettabend an der Deutschen…

Von: Dagmar Kurtz

Kein Ort. Nirgends.

Ein goldener Läufer, golden wie eine Rettungsdecke, nimmt die Mitte der Bühne ein. Im Hintergrund liegt ein Mensch in eine graue Wolldecke gehüllt. So beginnt Raimund Hoghes Stück "Lettere amoroso".…

Von: Dagmar Kurtz

Ende einer Spaßgesellschaft

Eine reiche, leicht exzentrische Gesellschaft trifft sich in Hollywood zur Poolparty auf einem luxuriösem Anwesen. Sie hat sich in Schale geworfen, trägt nette 50er Jahre Sommerkleidung. Nur Hermann…

Von: Dagmar Kurtz

Clubnacht

Die Bühne schwarz, der Bühnenboden mit dunkler Erde und Plastikbechern bedeckt. Eine Frau kommt aus dem Dunklen und bewegt sich ganz langsam wie in Zeitlupe vorwärts. Nach und nach kommen weitere…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

 

Hintergrundbild der Seite
Top ↑