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"Die Brüder Karamasow" von Fjodor M. Dostojewskij im Wiener Burgtheater"Die Brüder Karamasow" von Fjodor M. Dostojewskij im Wiener Burgtheater"Die Brüder Karamasow"...

"Die Brüder Karamasow" von Fjodor M. Dostojewskij im Wiener Burgtheater

Premiere am 22. Dezember 2007 im Akademietheater

 

Am Anfang war Gott-Vater, jedenfalls wenn man dem christlichen Mythos folgt. Am Anfang der "Brüder Karamasow" aber steht - hundert Jahre vor der Erfindung des Begriffs von der "vaterlosen Gesellschaft" - ein Vater, der seine Rolle nicht ausfüllt:

er ist ein versoffener Hedonist, der sich mit ethischer Prinzipienlosigkeit und umso größerer Vitalität durchs Leben schlägt. Er lebt exzessiv die "karamasowsche Niedertracht", trinkt, nimmt sich die Frauen, wie er sie braucht, auch wenn er sie mal dem eigenen Sohn ausspannen muss, macht skrupellos Geld und hat sich zeitlebens nicht um seine drei Söhne gekümmert. Er hat das Leben kategorienlos auf das pure Leben reduziert.

 

Der Roman ist auch ein Krimi um den Vatermord. Zur Hälfte begeht ihn Dostojewskij selbst, wenn ihm die traditionelle Autoritätsfigur zu einer ebenso lächerlichen wie gefährlichen Hanswurstfigur gerinnt. Die andere Hälfte des "Ur-Verbrechens" besorgt einer der Söhne, die von ihrem verantwortungslosen Vater sowohl real wie auch im übertragenen Sinne auf eine Odyssee ohne jegliche Perspektive geschickt wurden.

 

Wenige Jahrzehnte nach den "Brüdern Karamasow" wird Freud den Vatermord in den Kontext des zivilisatorischen Prozesses stellen. Dostojewskij zieht Parallelen zum metaphysischen Überbau: "Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt," sagt der Karamasow-Sohn Iwan - auch der Vatermord? Einen richtenden und schützenden Gott gibt es nicht mehr. Der Schock darüber ist die Energie, die Dostojewskijs maßlosen Roman vorantreibt und im Prozess um den Vatermord bezeichnenderweise in einem Fehlurteil mündet. Dostojewskij hat das "Drama der Freiheit" beschrieben und die Sehnsucht nach einer Autorität, die uns vor der Selbstüberforderung schützen könnte.

 

Regie führt Nicolas Stemann, der in den vergangenen Jahren in Wien neben Jelineks "Babel" und "Das Werk" Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" und Schimmelpfennigs "Ende und Anfang" inszenierte.

 

Regie: Nicolas Stemann

Bühne: Katrin Nottrodt

Kostüme: Aino Laberenz

Musik: Thomas Kürstner/Sebastian Vogel

Licht: Rainer Caspar

Video: Claudia Lehmann

Dramaturgie: Joachim Lux

 

 

 

 

 

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