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Die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Stück von Lukas Bärfuss uraufgeführt in Basel

Auf dem Weg zum Schauspielhaus in Basel befiel mich an diesem Abend ein leises Herzklopfen. Denn ich gehöre zur Elterngeneration, Lukas Bärfuss ist ein junger Autor, und ich dachte, nun wird mir sicher gnadenlos vorgerechnet, was die Jungen als unsere seelisch-sinnlichen Verrenkungen bilanzieren.

So kam es, aber es kam auch ganz anders, und es war beeindruckend und wunderbar und hinreissend.

 

Es geht um Dora, ein geistig zurückgebliebenes junges Mädchen, das schlecht und recht in einem kleinen Gemüsegeschäft arbeitet. Dem gutmütigen aber etwas zudringlichen Chef muss es gehorchen, und den Eltern und dem Psychiater. Es begreift ja nichts so richtig und redet deshalb alles nach, was ihm vorgesagt wird. Alle meinen es gut, aber alle wollen Doras Leben nach ihrem eigenen Gutdünken regeln; und niemand will sich durch Dora allzusehr stören oder gar verstören lassen.

Das hat bis jezt einigermassen funktioniert. Doch plötzlich trifft Dora einen Mann, seines Zeichens Handelsvertreter, der sie nicht als Krankheitsfall, sondern als Frau zu sehen scheint. Er vergewaltigt sie mehr als dass er sie verführt, sie stellt ihm immer wieder nach, eine Art Beziehung entwickelt sich, und ab jetzt läuft alles anders als bisher. Denn Dora, die arme, geistig behinderte Dora hat etwas, was die anderen schon verloren haben: einen natürlichen, unverkrampften, freudigen, wenn auch primitiven Zugang zu ihrer Sexualität. Etwas Eigenes, Kostbares, das sie gegen alle Vorwürfe verteidigt.

 

Denn die Umwelt reagiert wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und versucht, der armen Dora ihre Liebesgeschichte auszureden. Als sie gar schwanger wird, zwingt man ihr eine Abtreibung auf. Aus "genetischen" Gründen. Dabei wünscht sich das Mädchen nichts sehnlicher als ein Kind, ein kleines Ebenbild, und hofft auf das nächste Mal. Aber der Aufstand gegen Doras freimütige Sinnlichkeit wird immer bösartigerer, auch ihr Geliebter steht letztlich nicht zu ihr, und dann greifen Eltern und Arzt zum schlimmsten Mittel und lassen Dora sterilisieren. Sie lässt es geschehen, weil sie als Behinderte keine Gegenwehr geltend machen kann.

 

Eine furchtbare Geschichte, die konsequent und ernst und doch mit einer fast schwebenden Leichtigkeit erzählt wird. In kurzen, aber nicht zu kurzen Szenen, die sich wie funkelnde Kettenglieder aneinanderreihen und die Handlung spannend, klar und schlüssig entfalten.

 

Dora ist eine grandiose Bühnenfigur, ihr Schicksal geht ans Herz des Zuschauers. Gleichzeitig ist Dora auch ein Brennspiegel für die Unzulänglichkeiten der "normalen Erwachsenen". Sie stecken voller Vorurteile gegen jeden, der von der allgemein anerkannten Norm abweicht, sie haben unter der dünnen Decke scheinbarer Toleranz geradezu faschistoide Vorstellungen von geistiger Behinderung und von "lebenswertem Leben". Ihre Sexualität ist verkrüppelt im täglichen Trott der gesellschaftlichen Kontrollen. Ein Restchen Verwegenheit versuchen sie zu retten und steigern sich in verkrampfte sexuelle Phantasien oder Eskapaden, deren Misere von Doras kreatürlicher Ehrlichkeit schmerzhaft entlarvt wird. Da schlagen sie zurück und stellen ihre "Ruhe" wieder her.

 

Lukas Bärfuss ist 32 Jahre alt und gehört schon zu den gefragtesten Schweizer Autoren. "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" ist sein zweites Auftragswerk für das Theater Basel, das wieder einmal sein untrügliches Gespür für hervorragendes Talent beweist. Wenn Bärfuss seine Arbeit so fruchtbar weiterentwickelt, kann er in der Nachfolge von Dürrenmatt und Frisch der nächste ganz grosse Schweizer Dramatiker werden.

 

Die Aufführung ist ein kongenialer Glücksfall. Barbara Frey hat behutsam und sensibel inszeniert, das Bühnenbild von Bettina Meyer zeigt vor der nackten Bühnenwand eine scheinheilig-saubere Landschaft aus weissen Polsterwürfeln und struppigen Koniferenpflanzen. Wenn am Schluss der Schnee so schrecklich lautlos auf Doras geschundenen Körper fällt, ist dies ein Moment von überwältigender Eindrücklichkeit, wie ich ihn im Theater schon lange nicht mehr erlebt habe.

Sandra Hüller hat sich in Dora verwandelt. Sie meistert die schwere Rolle mit einer atemberaubenden Brillanz. Auch die ganze spiessig-gefährliche Umwelt ist in jeder einzelnen Person ausgezeichnet besetzt und gespielt.

Ja, uns Eltern werden unsere eigenen Neurosen vorgeführt. Aber noch viel viel mehr. Nämlich das kleine Glück und grosse Unglück der Menschen auf dieser Welt.

 

Premiere am 13. Februar 2003 im Theater Basel.

 

Ein Stück von Lukas Bärfuss

in der Uraufführung am Theater Basel

 

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