Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Grenzenlos Kultur Theaterfestival | Staatstheater Mainz inklusiv + dadaistischGrenzenlos Kultur Theaterfestival | Staatstheater Mainz inklusiv + dadaistischGrenzenlos Kultur...

Grenzenlos Kultur Theaterfestival | Staatstheater Mainz inklusiv + dadaistisch

Das Theaterfestival Grenzenlos Kultur feiert vom 22. September bis 1. Oktober 2016 seine 18. Ausgabe und den 100. Geburtstag der Dada-Kunst.

 

Ist Dada gaga oder wer gaga ist, Dada? In diesem Jahr wird Dada, die Kunst des Unsinns, 100 Jahre alt. Grenzenlos Kultur feiert darum in seiner 18. Ausgabe die Kunstrevolution made in Rheinland-Pfalz. Schließlich wurde Hugo Ball, der 1916 in Zürich zusammen mit seiner Partnerin Emmy Hennings das legendäre Cabaret Voltaire gründete, in Pirmasens geboren.

 

Rund 150 Künstler mit und ohne Behinderungen kommen aus England, Mosambik, Österreich, der Schweiz, Spanien, USA, Deutschland und anderen Ländern ins Staatstheater Mainz. Die 21 Veranstaltungen gehen von Theater, Tanz, Revue, Performance, Film bis zum Symposium. Am 17. September, fünf Tage vor Festival-Beginn, gestaltet das Festivalteam wieder das beliebte inklusive Kinder-Kulturfest "Kraut & Rüben" im Rahmen des Theaterfestes.

 

Das Festival verneigt sich vor der kürzesten und - gemessen an dieser Kürze - einflussreichsten aller Avantgarde-Strömungen, indem es lauter Dada-Enkel nach Mainz bittet. Etwa den Bühnenmagier Thom Luz, der in When I die von einer älteren Dame erzählt, die sich von verstorbenen Komponisten wie Liszt und Beethoven ungeschriebene Werke diktieren lässt. Dabei zerlegt er das Theater in seine Einzelteile - und setzt sie leicht verschoben wieder zusammen. Einen schrägen Blick auf die Welt probt seit Jahren auch die Puppentruppe Das Helmi, die in Mainz längst Kultstatus genießt. In ihrer Dada-Revue Die letzte Lockerung huldigen die Publikumslieblinge dem anarchistischen Geist des Dadaismus. Eine Puppe steht auch in Meet Fred vom Hijinx Theatre im Mittelpunkt - das kleine Kerlchen muss sich in einer reichlich schwankenden Welt orientieren. Auf eine poetische Art schwankend sind auch die Texte von Ernst Herbeck, die das Berliner Theater Thikwa in seiner Theaterperformance Hindernisse auf der Fahrbahn zusammen mit Musik und Bildern zu einem intensiven Abend kombiniert, der sanft an den Festen der Welt rüttelt. Ähnlich verschoben und verschroben wirken die Alltagsgespräche, die Martin Clausen und Kollegen in Come Together musikalisch in die Komik treiben. Wenn vom Wortsinn nur noch die Satzmelodie bleibt und absurde Choreografien den Witz kitzeln, umarmen sich Dada und gaga herzhaft.

 

Ebenso musikalisch verneigt sich das Theater RambaZamba mit seiner Dada-Diven-Revue vor den historischen Vorbildern. Dass das Berliner Ensemble mit Gisela Höhnes Inszenierung Der gute Mensch von Downtown auch das Festival eröffnet, hat viele gute Gründe. Der Abend mit Bühnenlegende und Tatort-Kommissarin Eva Mattes steht einerseits in der Dada-Tradition, die Verrücktheit der Welt mit Verrücktheit zu kontern. Andererseits stellt er mit Bertolt Brecht die Frage, ob ein gerechtes Leben in einer ungerechten Gesellschaft möglich ist. Auch die Frage, wie wir mit den Flüchtenden umgehen, birgt den Dada-Verweis: Dada wurde von Menschen erfunden, die in Zürich Zuflucht vor dem Ersten Weltkrieg suchten. Während das Cabaret Voltaire zum Treffpunkt der Emigranten wurde, fielen in Verdun und an der Somme eine Million Soldaten. 100 Jahre später sieht es nicht besser aus in der Welt, beschäftigt uns das Thema Flucht und die Reaktion Europas darauf jeden Tag. Vor diesem Hintergrund stellt Der gute Mensch von Downtown wichtige Fragen.

 

Das "grenzenlos" in Grenzenlos Kultur galt immer schon für die Kunst- und Theatersparten, wie auch in diesem Jahr die fließenden Übergänge zu Musik und Bildender Kunst beweisen. Tanz ist eine Disziplin, die von Anfang an dabei war und mit der Unsinnfrage reichlich Erfahrung hat. Der tanzende Körper sucht ständig nach neuen Formen, er gebiert unmittelbar Sinn und löst ihn ebenso unmittelbar wieder auf. Im Tanzjahr 2016 wird es deshalb bei Grenzenlos Kultur auch einen Tanzschwerpunkt geben: Panaibra Gabriel Canda lotet in einem Doppelabend die Sprache der Körper aus. Während sich in Metamorphoses Zuschreibungen wie "behindert" und "nicht behindert" auflösen, wird Candas Körper in den Marrabenta Solos zum Gradmesser gesellschaftlicher Umbrüche in Mosambik. Michael Turinsky choreografiert in my body, your pleasure den Tänzer*innen die Spasmen des eigenen Körpers auf den Leib. Danza Mobile aus Spanien fragt mit ihrer inklusiven Compagnie Where is down? Und Jeremy Wade untersucht in Together Forever zusammen mit dem Publikum, wie es um unsere Hilfs- und Fürsorgebereitschaft steht. Parallel zum Tanzschwerpunkt steht die Für-Sorge auch im Zentrum des internationalen Symposiums Who Cares?, das Wissenschaftler und Experten zusammenbringt, um über die Möglichkeiten und Grenzen eines selbstbestimmten Lebens und (Kultur-)Arbeitens mit Behinderung zu diskutieren. In Workshops, Lectures und Performances werden Theoretiker*innen, Aktivist*innen und Künstler*innen aus Wirtschaft, Kunst und Sexarbeit ihre kritischen Positionen zu Fragen der Für-Sorge zur Diskussion stellen.

 

Alle Termine und Aufführungen

 

Samstag, 17. September

Inklusives Kinder-Kultur-Fest Kraut & Rüben 11.00-18.00 h Staatstheater

 

Donnerstag, 22. September

Theater RambaZamba (D) Der gute Mensch von Downtown 19.30-22.00 h Kleines Haus

 

Freitag, 23. September

Michael Turinsky (AUT) my body, your pleasure 19.30-20.30 h U17

Theater RambaZamba (D) Der gute Mensch von Downtown 19.30-22.00 h Kleines Haus

Maximilian Haslberger (D) Die Menschenliebe 22.15-23.50 h Kleines Haus

 

Samstag, 24. September

Symposium Who Cares? 10.00-18.00 h Glashaus

Jeremy Wade (D/USA) Together Forever 19.30-22.30 h U17

 

Sonntag, 25. September

Symposium Who Cares? 10.00-15.00 h Glashaus

Danza Mobile (ES) Where is down 18.00-19.00 h Kleines Haus

Jeremy Wade (D/USA) Together Forever 19.30-22.30 h U17

 

Montag, 26. September

Panaibra Gabriel Canda (MOZ) Metamorphoses // Time and Spaces:

The Marrabenta Solos 18.30-20.30 h U17

 

Dienstag, 27. September

Panaibra Gabriel Canda (MOZ) Metamorphoses // Time and Spaces:

The Marrabenta Solos 19.30-21.30 h U17

 

Mittwoch, 28. September

Theater RambaZamba (D) DADA Diven 19.30-20.30 h Kleines Haus

Theater Thikwa (D) Hindernisse auf der Fahrbahn 21.00-22.00 h U17

Meine Damen und Herren (D) Eine lange Strecke ist zu weit für mich 18.30-19.00 h Tritonplatz

Thom Luz (CH) When I die 19.30-21.00 h Kleines Haus

Martin Clausen und Kollegen (D) Come Together 21.15-22.30 h U17

 

Freitag, 30. September

Meine Damen und Herren (D) Eine lange Strecke ist zu weit für mich 18.30-19.00 h Tritonplatz

Hijinx Theatre (GB) Meet Fred 19.30-20.50 h U17

Samstag, 1. Oktober

Hijinx Theatre (GB) Meet Fred 19.30-20.50 h U17

Das Helmi (D) Die letzte Lockerung 21.00-22.30 h Kleines Haus

 

Das alles gibt es ausführlich beschrieben in der Programmbroschüre und zum Nachlesen mit Kritiken, Porträts und Interviews im Festivalblog blog.grenzenlos-kultur.de.

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 31 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Ich will was bewegen! Das Stadttheater Fürth zeigt mit dem Dreifach-Monolog „Niemand wartet auf dich“ von Lot Vekemans, dass Theater relevant und nahbar ist.

Einer Schauspielerin mal in die Seele und über den Schminktisch schauen – wäre das nicht schön? Auch das ist ja eine Möglichkeit, die im Fachsprech „vierte Wand“ genannte Distanz zwischen Bühnenrampe…

Von: Stephan Knies

Gescheiterte Utopie - "La Clemenza di Tito" von Wolfgang Amadeus Mozart in der Deutschen Oper am Rhein

Lässt sich ein Staat nur mit Milde und Gnade regieren? Das klingt reichlich utopisch, und in der Inszenierung von "La Clemenza di Tito" in der Deutschen Oper am Rhein stellt Michael Schulz das auch in…

Von: Dagmar Kurtz

Gefühl in Tönen - Familienkonzert „Beethovens Donnerwetter“ im Konzerthaus Heidenheim

Nach einer Tour durch elf Schulen im Landkreis Heidenheim fand das Projekt „Beethovens Donnerwetter“ mit dem Familienkonzert im dortigen Konzerthaus seinen krönenden Abschluss. Die Produktion der…

Von: Silke von Fürich

Im Weihnachtswunderland - "Der Nussknacker" von Demis Volpi und weiteren Choreograph*innen in der deutschen Oper am Rhein

Heiliger Abend in einer großbürgerlichen Familie: Kinder spielen in einem Zimmer Gummitwist. Hinter der Tür zum Wohnzimmer tut sich was. Durch die Milchglasscheibe sieht man, wie ein Weihnachtsbaum…

Von: Dagmar Kurtz

Ausbruch mit Jacke - Gelungener Saisonstart im Theater Pfütze in Nürnberg mit Christina Gegenbauers Dramatisierung „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“

Wenn es während der Vorstellung unwichtig wird, für welche Zielgruppe eine Theaterproduktion gemacht wurde, ist das immer ein gutes Zeichen. Mit „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“ nach dem…

Von: Stephan Knies

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑