Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Landestheater Linz: GESPRÄCHE DER KARMELITINNEN von Francis PoulencLandestheater Linz: GESPRÄCHE DER KARMELITINNEN von Francis PoulencLandestheater Linz:...

Landestheater Linz: GESPRÄCHE DER KARMELITINNEN von Francis Poulenc

Premiere am Samstag, 24. März 2012 um 19.30 Uhr im Großen Haus. -----

Wer wünscht ihn sich nicht: einen gnädigen, „eigenen“ Tod, am besten sanft entschlafend, im heimischen Bette, umgeben von denen, die einem bis zum Ende die Liebsten sind und waren? So lässt es sich sterben.

Nur nicht bei einem Unfall ums Leben kommen: Der Tod durch einen Flugzeugsabsturz, ein Schiffsunglück oder einen Tsunami kränkt unsere Eitelkeit. Gott, so glauben (und wünschen es sich) viele, ist der, der uns als Individuen seinen Lebensodem einhaucht und uns auch als Individuen wieder abberuft, vielleicht sogar genau so, wie wir es verdient haben … Und dabei gäbe es kein Vertun, oder?!

Gott hat sich vertan. Diesen ungeheuerlichen Verdacht hegt in den Dialogen der Karmelitinnen, der 1957 in Mailand uraufgeführten Bekenntnisoper von Francis Poulenc, Schwester Constance, nachdem sie die Priorin des Ordens, Madame de Croissy – ein gestrenges Bollwerk des Glaubens wider den Atheismus der Französischen Revolution – auf dem Totenbett elendig ersticken sah, allen Gottvertrauens und aller Glaubenszuversicht beraubt, überzogen mit einer „wächsernen Maske“ aus namenloser Angst. Stirbt so die Erste ihres Ordens?

 

„Gott“, so mutmaßt Schwester Constance, „vergriff sich vielleicht in der Todesart, als er diesen Tod geschickt, so wie man Kleider auf der Kammer verwechselt. Ja, die Mutter“, folgert sie weiter, „starb den Tod einer anderen.“ – Aber wessen Tod? Schlummert nun unerkannt eine Heldin in den Reihen der Karmelitinnen, eine, die ihre eigene verzweifelte Todesangst der Priorin vermachte und die nun, als Folge des „Fehlgriffs in der Kleiderkammer“, dem eigenen Ende mit mutiger Todesverachtung entgegentreten wird?

 

Es gibt sie: Schwester Blanche von der Todesangst Christi. Ein junges Mädchen, dessen Ur-Angst schon in den Umständen seiner Geburt begründet liegt. Starb doch die Mutter, die Marquise de la Force, bei ihrer Geburt, nachdem unmittelbar zuvor deren vornehme Karosse vom in Panik geratenen Pöbel an der Weiterfahrt gehindert worden war. Blanches Angst ist die Angst vor dem Leben, die Angst vor dem Tod und die Angst vor einer Zeit, in der der Kopf des Königs nicht mehr wert sein wird als der Kopf eines Tollwütigen in einer Anstalt, der auf seine Hinrichtung wartet …

 

Blanche: Vater und Bruder versuchten, ihr den Eintritt in Kloster auszureden, die Priorin schien sie mit harten Worten abzuschrecken, aber in diesem Verbund von Gleichgesinnten – Frauen, die außerhalb der Welt und außerhalb jeder Bevormundung durch Männer leben – reift in ihr eine Kraft heran, die sie zu guter Letzt zu einer einzigartigen Tat befähigen wird: Nach der Zerschlagung des Ordens, der Verhaftung fast aller Nonnen (bis auf Blanche und Mère Marie) und der Verkündung des Todesurteils kehrt sie, während der Hinrichtungs-Prozedur, aus freien Stücken in die Gemeinschaft der Todgeweihten zurück und liefert sich als Letzte dem Fallbeil aus.

 

Musikalisch hat Francis Poulenc (1899 - 1963) die Partitur ausdrücklich vier Komponisten-Vorgängern gewidmet: Debussy, Monteverdi, Verdi und Mussorgsky. Verdi zollt er Respekt (wider Wagner) mit dem steten Vorrang der Stimme(n) vor dem Orchesterklang, Monteverdi und Debussy stehen Pate für einen zwischen rezitativischem und ariosem Stil sich fließend an die französischen Sprache anschmiegenden Wort-Ton-Duktus, während Mussorgskys Vorbild unmittelbar in der orchestralen Glockenimitatorik anklingt.

 

Dem Bekenntnis zur Tradition in den Mitteln entspricht das Bekenntnis zur Tradition im Inhaltlichen: Nach den Barbarei des Zweiten Weltkriegs und den Gräueln des Holocaust darf das „Credo“ der Karmelitinnen auch vor der konkreten historischen Folie der Französischen Revolution als ein „epocheübergreifender Garant für ein verbindliches Wertesystem“ (Robert Maschka) verstanden werden.

 

Dieses Wertesystem wird aber nicht verordnet, sondern entsteht aus den Glauben und Zweifel gleichermaßen widerspiegelnden „Gesprächen“ der Karmelitinnen: Christus gibt ihrer Suche den Inhalt, die (Dialog-)Form hingegen geht auf Sokrates zurück. Und die ketzerische Frage, ob Gott gar ein Totenkleid „verwechseln“ konnte – das Bild, in dem das Verhältnis der alten Priorin (Madame de Croissy) zu ihrer letzten Novizin (Blanche) so wunderbar gefasst wird – ist nicht frei von einem aufklärerischen Lächeln.

(Quelle: Theatermagazin März 2012 von

Wolfgang Haendeler)

 

Libretto vom Komponisten

nach dem zum Drama umgearbeiteten

Drehbuch von George Bernanos

auf die Novelle Die Letzte am Schafott

von Getrud von le Fort

 

In französischer Sprache

mit deutschen Übertiteln

 

Musikalische Leitung Dante Anzolini / Marc Reibel

Inszenierung Roland Schwab

Bühne David Hohmann

Kostüme Gabriele Rupprecht

Chorleitung Georg Leopold

Dramaturgie Wolfgang Haendeler

 

Blanche Myung Joo Lee

Marquis de la Force Seho Chang

Der Kerkermeister Franz Binder

Chevalier de la Force Jacques le Roux, Pedro Velázquez Díaz

Madame de Croissy Karen Robertson

Madame Lidoine Cheryl Lichter

Mère Marie de

l’Incarnation Larissa Schmidt

Sœur Constance

de Saint-Denis Elisabeth Breuer

Mère Jeanne Kathryn Handsaker

Sœur Mathilde Martha Hirschmann / Vaida Raginskyte

Der Beichtvater Matthäus Schmidlechner

1. Kommissar Hans-Günther Müller

2. Kommissar Leopold Köppl

Thierry Marius Mocan / Andrzej Ulicz

Javelinot und 1. Offizier Ville Lignell

 

Chor und Extrachor des Landestheaters Linz

Bruckner Orchester Linz

 

Weitere Termine 27. und 30. März; 13. und 19. April 2012

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 25 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Liebe in Zeiten des Krieges

In Großbritannien findet ein Bürgerkrieg statt: die Puritaner unter Oliver Cromwell kämpfen gegen die katholischen Royalisten. Das private Glück ist in Gefahr.  

Von: Dagmar Kurtz

Der Überfall

Gerade ist man noch fröhlich herumgehopst, da, eine heftige Attacke, und schon streckt es einen nieder. Ein Virus oder ein Bakterium hat seinen Weg in den Körper gefunden. Nun werden alle Kräfte…

Wir müssen‘s wohl leiden

Wie die ursprünglichen revolutionären Ansprüche nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die Entmachtung des Adels beinhaltet,…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑