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„Madame Bovary“ – Gustave Flauberts Meisterwerk in der Fassung von Tine Rahel Völcker im Theater Heilbronn

Premiere am 5. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großes Haus. -----

Emma ist eine Bauerntochter aus einfachsten Verhältnissen. Ihre Mutter hat ihr alles beigebracht, was es braucht, um einen Mann von guter Stellung zu kriegen. So begegnet sie Charles Bovary, dem Landarzt, der sich in die junge und äußerst schöne Frau verliebt und sie nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet.

Er liebt sie wirklich, sie ist das „Beste, was ihm je passiert ist“. Sie erhoffte sich von dieser Ehe gesellschaftlichen Aufstieg, Freiheit und Glück. Aber Emmas Hunger nach einem Leben in Leidenschaft, wie sie es aus ihren Romanen kennt, ist groß. Als Arztgattin im kleinbürgerlichen, ländlichen Umfeld vermag sie ihn nicht zu stillen. Die Ermahnungen von Charles’ Mutter, wie sie sich als Ehefrau zu verhalten habe, tun ihr Übriges. Immer mehr verfällt Emma in Phasen von Lethargie und Depression. Ein Umzug in die Stadt soll ihrem Leben wieder einen neuen Sinn geben. Charles willigt ein, obwohl er weiß, wie schwer es wird, beruflich wieder Fuß zu fassen. Dann bekommen sie ein Kind - ein Mädchen. Dabei hatte Emma so sehr auf einen Jungen gehofft. Denn Frauen, so sieht sie es, sind auf das „Leben einer Stubenfliege reduziert“.

 

Emma will raus aus diesem öden, normierten Leben, flüchtet sich in die Arme ihrer Liebhaber Rodolphe und Leon. Und kehrt doch immer wieder zurück, konditioniert sich als gute Ehefrau und Mutter – es gelingt nicht. Sie betäubt ihre Sehnsucht mit immer neuen Luxuseinkäufen bei der Händlerin Lheureuse. Eine Suchende wird zur Süchtigen und Emmas Leben endet im Ruin.

 

„Flaubert ist einer der größten Seelenkenner der Weltliteratur“, würdigte Carl von Ossietzky den berühmten Literaten zu dessen 100. Geburtstag. Für seinen ersten veröffentlichten Roman „Madame Bovary“ (1857) wurde ihm in Frankreich wegen „Unmoral“ der Prozess gemacht. Zugleich begann „Madame Bovarys“ Ruhm als der vollkommenste Roman der Geschichte und Gründungsroman der literarischen Moderne. Tine Rahel Völcker hat mit ihrer Bühnenbearbeitung den Konflikt der Emma Bovary ins Heute übertragen. Die Situation der Frau habe sich zwar gewandelt, die Bilder aber wenig, beschreibt sie ihre Motivation. Auch heute seien die Frauen unfrei und in ein Korsett von gesellschaftlichen Spielregeln gezwungen – welche Rolle sie auch immer einnehmen.

 

Tine Rahel Völckers Bühnenbearbeitung von Gustave Flauberts „Madame Bovary“ orientiert sich in der Fabel am Original und ist in der Sprache sehr heutig. Sie zeigt, wie gegenwärtig dieser Stoff geblieben ist. Der Niedergang von Madame Bovary wird hier nicht unter dem Blickwinkel der moralischen Schuld verhandelt. Emma Bovary ist vielmehr ein Mensch, der nicht weiß, in welche Rolle er gehört und darum verschiedene probiert, um darin etwas Lebenswertes zu finden: Die Gattin, die Mutter, die Liebhaberin, die Duldende, die Trotzige, die Mutige. Keine der Rollen ermöglicht ihr die Erfüllung, nach der sie sucht. Völcker betrachtet die Entwicklung der Hauptfigur aber nicht aus Perspektive des Kampfes um die Befreiung der Frau, sondern vielmehr desillusioniert in Zeiten des Postfeminismus. Emma wird eine Suchende nach ihrem ganz persönlichen Glück, die zwischen eigenen Sehnsüchten und Fremdbestimmung zerrieben wird.

 

Tine Rahel Völcker

* 1979 in Berlin

studierte dort Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Im Rahmen des Uraufführungstheaters des Staatsschauspiels Dresden kamen 2001 und 2002 ihre ersten Stücke "Fünf Kerzen für M." und "Kreuzotter" in einer szenischen Lesung zur Aufführung. Für "Kreuzotter" erhielt Tine Rahel Völcker den Förderpreis der Kulturstiftung der Dresdner Bank. In der Spielzeit 2005/2006 war sie Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. Hier kamen die Stücke "Frau Vivian bestellt eine Coca" und "Charlotte sagt: Fliegen" zur Uraufführung. Im Januar 2007 wurde "Steppenglut", ein Auftragswerk der Landesbühne Niedersachsen Nord, in Wilhelmshaven uraufgeführt.

2009 erarbeitete sie gemeinsam mit Nora Schlocker, Hausregisseurin am Weimarer Nationaltheater, in einem Autoren-/Regieprojekt zwei Inszenierungen zur Deutschen Seele. 2010 schrieb Tine Rahel Völcker im Auftrag des Maxim Gorki Theater Berlin eine Bühnenbearbeitung des Romans „Madame Bovary“, die Nora Schlocker 2011 zur Uraufführung brachte, ebenso wie das in enger Zusammenarbeit entstandene Stück „Kein Science-Fiction“, das das Duo zuletzt am Düsseldorfer Schauspielhaus realisierte. Seit dem Sommer 2011 lebt Tine R. Völcker in Düsseldorf.

 

Regie: Axel Vornam

Ausstattung: Tom Musch

Dramaturgie: Johannes Frohnsdorf

 

Mit: Christina Dom (die alte Madame Bovary, Charles Mutter), Susan Ihlenfeld (Emma Bovary), Katharina Voß (Madame Lhereuse), Nils Brück (Homais), Oliver Firit (Charles Bovary), Peter Volksdorf (Leon Dupuis), Sebastian Weiss (Rodolphe Boulanger)

 

 

 

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