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"O strudelreiches Meer der jammervollen Welt" - Über Daniel Casper von Lohenstein - von Matthias Pötzsch"O strudelreiches Meer der jammervollen Welt" - Über Daniel Casper von..."O strudelreiches Meer...

"O strudelreiches Meer der jammervollen Welt" - Über Daniel Casper von Lohenstein - von Matthias Pötzsch

Er gilt als einer der größten Dichter des deutschen Barockzeitalters - ein Sprachartist sondergleichen, fasziniert von der zerstörerischen Macht der Leidenschaften, der Vergänglichkeit des Daseins, der Widerstandskraft der menschlichen Seele und der Möglichkeit, all dies auf der Bühne und im Roman anschaulich werden zu lassen: Daniel Casper von Lohenstein. Spätere Generationen, vor allem die Aufklärer, haben seine Werke als überladen und schwülstig abgetan und verspottet. Wirklich überlebt hat keines von ihnen, obwohl ihr Autor nie so ganz in Vergessenheit geriet. Hier und da nimmt sich ein moderner Regisseur noch seiner an, zu einer wirklichen Lohenstein-Renaissance ist es allerdings nie gekommen. Dabei haben die Germanisten inzwischen längst die ihm begegnende Häme ad absurdum geführt und als zeitgebunden entlarvt.

 

Geboren wurde Lohenstein am 25. Januar 1635 als Sohn eines kaiserlichen Steuereinnehmers und Ratsherrn im niederschlesischen Nimptsch. Nach dem Jura-Studium und einer ausgedehnten Bildungsreise durch die Schweiz, die Niederlande und Ungarn ließ er sich als Rechtsanwalt in Breslau nieder. Als Syndikus im Rat dieser Stadt gelang es ihm, die Steuerstreitigkeiten mit dem kaiserlichen Hof in Wien beizulegen. Eine Karriere wie diese, verbunden mit einer umfassenden akademischen Ausbildung und einer weitreichenden politischen und diplomatischen Praxis, verschaffte ihm jene Erfahrungen, wie er sie für die "Haupt- und Staatsaktionen" in seinen dichterischen Werken benötigte. Dazu gehören nicht nur die an Senecas Tragödien geschulten Trauerspiele, darunter "Cleopatra" (1661), "Agrippina" (1665), "Epicharis" (1665), "Sophonisbe" (1669) und "Ibrahim Sultan" (1673), sondern auch der umfangreiche höfisch-historische Staatsroman "Großmüthiger Feldherr Arminius", mit dem Lohenstein einen Höhepunkt spätbarocker Romankunst erreichte. Als das 3000 Seiten umfassende Riesenwerk 1689/90 endlich im Druck erschien, war sein Autor bereits verstorben (28. April 1683 in Breslau).

 

Anders als die von komplizierten literarischen Voraussetzungen begleiteten Dramen erlauben die Gedichte Lohensteins noch am ehesten einen Zugang zu seiner Bild- und Gedankenwelt. Allerdings darf die darin mitschwingende Melancholie nur bedingt als persönliche Gefühlsäußerung des Verfassers aufgefasst werden. Worum es diesem, wie auch den anderen Dichtern seiner Zeit, ging, war das Typische, Verallgemeinerbare, zum moralischen Exempel Geeignete:

 

Dis Leben ist ein Kürbis/ die Schal' ist Fleisch und Knochen;

Die Kerne sind der Geist/ der Wurmstich ist der Tod;

Des Alters Frühling malt die Blüthe schön und roth/

Jm Sommer/ wenn der Saft am besten erst sol kochen/

So wird die gelbe Frucht von Kefern schon bekrochen/

Die morsche Staude fault/ der Leib wird Asch' und Koth;

Doch bleibt des Menschen Kern der Geist aus aller Noth/

Er wird von Wurm' und Tod und Kranckheit nicht gestochen.

Er selbst veruhrsacht noch: Daß eine neue Frucht/

Ein unverweßlich Leib aus Moder Asch' und Erde/

Auf jenen großen Lentz im Himmel wachsen werde.

Warumb denn: daß mein Freund mit Thränen wieder sucht

Die itzt entseel'te Frau? die Seel' ist unvergraben/

So wird er auch den Leib dort schöner wieder haben.

 

Die menschliche Existenz in all ihrer körperlichen Hinfälligkeit, das irdische Dasein als tränenreiches Jammertal, ertragbar nur durch eine stoische, vom christlichen Jenseitsglauben überwölbte Geisteshaltung - Lohenstein wurde nicht müde, diese Grundfigur barocken Lebensgefühls in seiner Dichtungen immer wieder neu zu variieren. Was heute vielleicht nur noch als Klischee taugt, besaß für die Zeitgenossen des Dreißigjährigen Kriegs und der schwierigen Jahrzehnte danach eine höchst aktuelle Brisanz. Und in seinen Dramen wußte Lohenstein dies mit allen Momenten an Machtgier, Mord, Intrigen, Sex & Crime auszustatten, wie sie die (bei ihm zumeist) römische Geschichte bereithält.

 

Da gibt es die Femme Fatale, die um ihres Aufstiegs willen über Männer- und Frauenleichen geht, ebenso wie den zynischen Machtmenschen, der seine besten Freunde je nach Lage der Dinge bedenkenlos über die Klinge springen läßt. Es sind Dramen der ganz großen Gefühle, und die Fallhöhe ist bodenlos. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind es nur Getriebene, die uns da in düsterer Umgebung begegnen, abhängig von ihren Leidenschaften, Süchten und Wahnvorstellungen. Wer heute noch oben ist, wird es morgen nicht mehr sein - und über den Erfolg im Machtpoker entscheidet nicht die moralische Qualität des Charakters, sondern das zynische Kalkül, wie man es seit der Renaissance aus den Schriften Machiavellis kannte.

 

Dass eine solch' effektvolle Dramaturgie nicht vermocht hat, die Lohensteinschen Theaterstücke für die Gegenwart zu retten, liegt an ihrem besonderen Kunstcharakter: Anders als das Drama Shakespeares entwickelt sich das barocke Trauerspiel nämlich nicht aus einer lebensvollen, prallen bis deftigen Figurendarstellung, sondern aus einer Fülle von gelehrten Anspielungen und Verweisen, mit denen nahezu pausenlos das Beispielhafte des gerade Gezeigten herausgearbeitet wird. Um all dem dabei aufgefahrenen und meist sehr entlegenen Bildungsgut gerecht zu werden, müßte ein heutiger Theaterbesucher ganze Bibliotheken verschollenen Wissens im Kopf haben. Tatsächlich feiert in Lohensteins Dramen der "Poeta doctus" wahre Triumphe, jener gelehrte Dichter also, der angetreten ist, um (aristotelisch gesprochen) die Menschheit weniger zu unterhalten als vielmehr zu bilden.

 

Hinzu kommt eine weit vom Alltäglichen abgehobene Sprechweise, die zwar allen Regeln der antiken Rhetorik nachgebildet ist, in ihrer bisweilen labyrinthischen Syntax aber die Bühnenfiguren kaum zu Leben und Atem kommen. Reichtum und Rätselhaftigkeit der Lohensteinschen Kunst lassen sich eindrucksvoll an einem seiner berühmtesten Bühnenmonologe ablesen, dem großen Auftritt der Cleopatra aus dem gleichnamigen Trauerspiel von 1661. Um ihren Thron zu retten, beschließt die ägyptische Herrscherin, sich dem römischen Kaiser Augustus zuzuwenden. Sie will den eigenen Freitod vortäuschen, um auf diese Weise ihren derzeitigen Geliebten Antonius in den Selbstmord zu treiben. Cleopatra kann zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass aufgrund einer raffiniert eingefädelten Intrige aus der geplanten Farce auch für sie selbst tödlicher Ernst werden wird... Die ungewöhnliche Schreibweise entspricht übrigens dem Originaldruck:

 

O Strudelreiches Meer der jammervollen Welt!

Di Segel stehn gespann't / di Netze sind gestellt

Uns in den sichern Port / ihn in das Garn zuführen.

Di Lorbern mögen stets di klugen Frauen zieren /

Für welchen Männer-Witz meist muß zuscheitern gehn!

Schaut: auf was Grunde nun di Libes-Ancker stehn /

Di durch Verleumbdungs-Wind schon auf den Trüb-Sand kamen.

Wo sind di Nebel hin / di uns das Licht benahmen?

Di Sonne der Vernunfft vertreibt den eiteln Dunst.

Anton gibt Thron und Kron für einer Frauen Gunst.

Jedoch wo segeln wir? sol Glück' und Zeit verrauchen?

Ein kluger Booßmann muß deß Wetters sich gebrauchen.

Anton ist zwar nunmehr durch unser Hold besig't /

Und durch der Schönheit-Reitz als schlaffend eingewigt.

Kan aber nicht ein West auch bald ein Sturmwind werden?

Ein flatternd Hertze gleicht mit Wanckelmuth den Pferden /

Di ein geschwancker Zaum bald recht- bald linckwerts lenckt.

Der für zwei Stunden ihm di Ehrsucht eingesenckt /

Kan / eh' Aurora wird di braunen Wellen küssen /

Ihm größre Fantasy in sein Gehirne gissen.

Di Natter / di man gleich mit süsser Milch zeicht groß /

Behält man dennoch nicht recht sicher in der Schooß.

Man muß den giftgen Fleck von den Verleumbdungs-Pfeilen /

Di Wunden des Verdacht's mit solchen Salben heilen:

Daß keine Narbe man / kein Merckmal man nicht schaut.

Denn / dem ist nicht zu trau'n / der gleichfalls uns nicht traut.

Gunst / Libe / Freundschafft gleicht sich zarten Berg-Kristallen /

Di keine Kunst ergäntzt / sind einmal sie zerfallen:

Stillt auch Versöhnung gleich zu weilen Wund und Blutt /

Sie bricht erhitzter auf und schärffet Gall' und Glutt /

Di in dem Hertzen kocht. Man trockne Sumpf und Lachen /

Ein linder Regen wird sie wider wäßricht machen.

Zu dem was ist uns nicht umb Kron und Zepter feil?

Du must Cleopatra / begehrstu Hülff und Heil

An's Keisers Gnaden-Port dein strandend Schiff anlenden

Und haben wir nicht schon des Keisers Hand in Händen?

Dis Sigel / diese Schrifft muß unser Leit-Stern sein.

Anton / durch deinen Todt fahrn wir in Hafen ein.

Wie aber werden wir das Steuer-Ruder lencken?

Geheimes Gifft und Dolch in seine Brust zu sencken /

Führt bösen Klang nach sich / und siht gefährlich aus.

Uns fällt was bessers ein zuretten unser Haus /

Und Ptolomaeus Stul. Anton ist itzt im Liben

Bis auf den höchsten Punct der blinden Brunst getriben /

Di ihn nach unserm Wunsch gar unschwer stürtzen kan

Auf den Verzweiflungs-Fels: wir woll'n uns stellen an:

Als hetten wir uns selbst das Lebens-Garn zerschnitten:

Wird ihn nun Lib und Leid auf einen Sturm umschütten;

So renn't sein schwacher Mast des Lebens Seegel-looß

Auch auf das todten-Meer. Denn ist di Kunst nicht groß /

Der / di den Julius für ihr sah' kniend ligen /

Durch süssen Libes-Reitz den Keiser zubesigen.

Nur Muth! Cleopatra! behertzt und weise sein /

Lägt zu dem Ehren-Thron' in Grund den ersten Stein.

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