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Staatsoper im Schiller Theater Berlin: Miss Donnithorne's Maggot | Infinito nero

Premiere 4. Okt 2010 | 20.00 Uhr

Zwei Einakter von Peter Maxwell Davies und Salvatore Sciarrino

 

DIE GRENZEN DES VERSTANDES

Zwei Frauen haben sie hinter sich gelassen

 

 

1856, vier Jahre nach dem Tod ihres Vaters, der Richter der East India Company in Bengalen gewesen war, wollte Miss Donnithorne heiraten. Einen Marineoffizier. Die Braut war festlich gekleidet, die Festtafel gedeckt. Die Hochzeitsgäste hatten sich versammelt, und die Kutschen warteten darauf, die Gesellschaft zur Kirche zu fahren. Nur einer fehlte: der Bräutigam. Miss Donnithorne sollte ihn nie wieder zu Gesicht bekommen. Wohin er verschwunden war, ist bis heute ein Rätsel.

 

Wie unsere Heldin mit diesem Schlag fertiggeworden ist? Allem Anschein nach hat er ihr den Verstand geraubt. Sie wurde zur Einsiedlerin. Die Vordertür ihres Herrenhauses war mit einer Kette gesichert, sodass sie nur einige Zoll breit geöffnet werden konnte. Wenn es unumgänglich war, dass die Herrin des Hauses mit einem Besucher sprach, wurde die Unterhaltung durch die fast geschlossene Tür geführt. Als sie starb, fand man das Hochzeitsmahl auf ihrem Esstisch stehen – zerfallen zu Staub. Selbst die Tischtücher waren morsch und zerfallen. Als ich an ihre Türe klopfte, wurde sie einen Spalt weit geöffnet, und es erschien eine ältliche Bedienstete, die mich fragte, was ich wünschte. Hinter ihr sah ich Miss Donnithorne, groß, stattlich, ganz in weiß gekleidet, im Flur oder der Halle stehen. Sie trug bis zum Tag ihres Todes ihr Brautkleid – so heißt es zumindest. Ihre Beerdigung war ihr erster Ausflug seit dreißig Jahren.

 

Randolph Stow

 

Maria Maddalena de' Pazzi war eine Verrückte, die mystische Visionen hatte. Sie hat nicht »gesprochen « – die Worte sind aus ihr förmlich herausgeschossen, wie bei einem Maschinengewehr, und dann verfiel sie plötzlich in langes Schweigen. Das sind nicht mehr einzelne Wörter, es entsteht ein Wortschwall, ein Fluss von Wörtern. Fluss im Sinne von Fließen, aber auch von beeinflussen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schreiben könnte, diesen Anfang mit dem Atemrhythmus. Ist es das eigene Herz, was man da hört, oder der Atem – man weiß es nicht. Die Askese ist ja nichts anderes als das Schweigen. Alle Sprach- oder Erlebnisformen, wenn sie beschränkt werden, verändern sich, verlieren ihre Normalität. Es reicht ein einziger Klang, um zu verstehen, was der Klang und was das Schweigen ist.

 

Salvatore Sciarrino

 

Musikalische Leitung

Arno Waschk

Inszenierung

Michael von zur Mühlen

Ausstattung

Christoph Ernst

Licht

Irene Selka

Video

Thomas Zengerle

Dramaturgie

Jens Schroth

 

Miss Donnithorne

Hanna Dóra Sturludóttir

Maddalena de' Pazzi

Sarah Maria Sun

 

 

05 Okt 2010 | 20.00 Uhr

07 Okt 2010 | 20.00 Uhr

09 Okt 2010 | 20.00 Uhr

11 Okt 2010 | 20.00 Uhr

13 Okt 2010 | 20.00 Uhr

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