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Staatstheater Wiesbaden: "Viva la Mamma!" von Gaetano Donizetti

Premiere Sonntag, 25. Januar 2009, 18.00 Uhr, Großes Haus

 

Es geht um die „Sitten und Unsitten am Theater“, so der Originaltitel der 1831 in Mailand uraufgeführten Opernparodie von Gatenao Donizetti, die liebevoll-ironisch einen Blick hinter die Kulissen – oder besser: hinter den Vorhang wirft, wo der Theateralltag vor einer Premiere von Eitelkeit, Eifersüchteleien, handfesten Krächen und Finanzschwierigkeiten bestimmt zu sein scheint.

Fast könnte man vermuten, wie im richtigen Leben. Doch gerade das virtuo-se ironische Spiel mit einerseits Typen und Plattitüden, andererseits wahren menschlichen Schwächen und Eigenheiten, das schon in den beiden zugrunde liegenden Komödien „Le Convenienze ed inconvenienze teatrali“ von Antonio Sografi das Theater auf dem Theater als Sinnbild der Bretter, die eigentlich die Welt bedeuten, vorführt, zeigt im turbulenten Durcheinander der Situationen den Doppelsinn von Schein und Sein. Im puren Chaos gera-ten die Dinge außer sich und sind doch von frappierender Wahrheit - und in der Tat ist diese verrückte Theaterwelt außer sich geraten, wenn die Primadonna ein schöneres Kostüm wünscht, der Tenor eine bessere Bravour-Arie fordert, die zweite Sängerin überhaupt mehr singen will, der Mezzosopran mit einem Kettenrondo brillieren muss, der Impresario nur sei-ne Inszenierung sieht und der Dirigent ohnehin einzig und allein an den Wert der Noten glaubt. Als dann noch Geldnöte ausbrechen, allmählich das ganze Ensemble empört abreist, der Impresario verzweifelt nach Ersatzstimmen sucht und die Theaterbelegschaft mit Streik droht, zeigt diese komische Oper ihr wahres Gesicht.

 

Denn manchmal geht es so zu am Theater – mal sittlich, mal unsittlich, aber immer sehr menschlich. Doch wenn die Theaternot aufs höchste steigt und der Mezzosopran abgereist ist, hat man im allgemeinen Chaos die Rechnung ohne Mama Agata gemacht, denn Mama wird’s schon richten und retten: Die selbstbewusste und engagierte Mutter der zweiten Sängerin kämpft ebenso beherzt wie handfest für die Rechte ihrer vernachlässigten Tochter und gegen den Ehemann der Prima-donna, übernimmt kurzfristig die Hosenrolle und schafft auch noch das fehlende Geld herbei. Belcanto hat bei ihr nicht nur mit musikalischem Talent zu tun. Ein starkes Muttertier mit ei-nem ein goldenen Herz, aber auch herzlicher Freude am Geld. Mama Agata siegt und singt im tiefsten Bass-Register im Brustton der Überzeugung, freilich mit einem etwas herben weiblichen Charme. Nicht zu Unrecht bricht die gerettete Theaterwelt schließlich in den Jubel „Viva la Mama!“ aus. Denn egal, was auch passiert - eine Regel ist den Künstlern und Mama Agata heilig bis zum heutigen Tag: der "Lappen" muss aufgehen! Egal ob gestreikt wird oder nicht.

 

Ursprünglich war Donizettis „Käfig voller Narren“ 1827 nur eine "Farce in einem Akt", als flinke Fingerübung geschrieben, um den Hunger des Publikums in Neapel nach neuen Opern zu stillen und dem Impresario Domenico Barbaja auch die vertraglich zugesicherten zwölf Opern zu liefern. Nicht zuletzt wollte Donizetti aber auch der Tochter eines römischen Advo-katen eine Hauptrolle verschaffen und war dabei ebenso wenig selbstlos wie Mama Agata. Der heimliche Blick hinter die Kulissen sollte eines der heiligsten, sinnlichsten und verhei-ßungsvollsten Mysterien des Lebens enthüllen: die Welt des Theaters. Im „Käfig voller Nar-ren“ irgendeines ‚Provinztheaters in Italien’, so wie die Ortsangabe im Libretto des Kompo-nisten heißt, geht es um Freud und Leid in der schönen, verkehrten, wahren Theaterwelt. Egal wo. Überall und nirgends. Vielleicht sogar am vertrauten Ort. Denn die Sorgen und Nöte des Theaters sind überall gleich. So wie das Theater auch nur ein Spiegel des Lebens ist, sei es im Realen oder Idealen. Mit der Travestierolle der Mama Agata hat Donizetti eine der schillerndsten und amüsantesten Figuren der italienischen Opera buffa geschaffen. Mit der virtuosen, komischen, oft fast ins Groteske kippenden Musik parodiert Donizetti den mal mit üppigen Fiorituren verzierten, mal schwärmerisch-pathetischen Kunstgesang des Belcanto – eine raffinierte Musik über Musik in einem Theater über das Theater.

 

In Wiesbaden inszeniert Donizettis komisches Meisterwerk Markus Bothe, der bereits mit Händels „Giulio Cesare“ sein Wiesbadener Debüt als Opernregisseur gegeben hat. Der freischaffende Regisseur ist Mitglied der künstlerischen Leitung der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ und inszenierte zuletzt für das Schauspiel u.a. am Theater Basel und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Operninszenierungen führten ihn u.a. an die Deutsche Oper Berlin, an die Wiener Volksoper, an die National Opera Washington und an die Staats-oper Stuttgart.

 

Musikalische Leitung Cornelius Heine

Inszenierung Markus Bothe

Bühnenbild Ricarda Beilharz

Kostüme Dorothea Katzer

Dramaturgie Bodo Busse

Choreinstudierung Christof Hilmer

 

Mit: Evgenia Grekova/Annette Luig (Daria, die Prima Donna), Reinhold Schreyer/Thomas de Vries (Procolo, ihr Ehemann), Simone Brähler/Anita Kyle (Luigia, Seconda Donna), Bernd Hofmann/Axel Wagner (Agata, ihre Mutter), Betsy Horne/Inga Lampert (Pipetta, Darstellerin der Hosenrolle), Jud Perry/Angus Wood (William, erster Tenor), Brett Carter (Vincenzo Biscroma, der Komponist und Maestro), Wolfgang Vater (ein promovierter Dra-maturg und Librettist), Adalbert Waller (der Impresario und Regisseur), Stefan Bieker (der Inspizient)

 

Chor und Orchester des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

 

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