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Städtische Bühnen Münster: EXODUS TAGE

Die EXODUS TAGE vom 23. bis 26. September 2010 eröffnen die spartenübergreifende Beschäftigung der Städtischen Bühnen Münster mit dem Thema „Exodus“ in der Spielzeit 2010/11.

Exodus – Auszug –, das Zweite Buch Mose im Alten Testament, schildert die Geschichte eines Volkes, das im Sklaventum fern der Heimat leben muss. Das Volk bricht aus, um die ersehnte und erträumte Heimat zu erreichen. Doch bis dahin ist es ein steiniger und mühevoller Weg.

 

Auch in unseren Tagen verlassen Millionen Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen ihre bisherige Heimat oder sind gezwungen, ihr Leben neu zu erfinden. Beheimatete werden durch Ideologie, Krieg, Verschiebung von Grenzen, machtpolitisches Kalkül oder gesellschaftliche Umwälzungen zu Heimatlosen.

 

Die EXODUS TAGE widmen sich mit den Mitteln des Theaters den Geschicken schicksalhaft umgetriebener Individuen und vertriebener Völker in einer Welt ständiger Veränderung. Große und kleine Erzählungen beleuchten die Utopien von Menschen, die ihren Kindern eine Zukunft und ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen wollen. Sie künden von Abschieden für immer, aber auch vom Willen zur Veränderung, von der Versöhnung mit den neuen Heimaten und von menschlicher Zähigkeit, die existentiellen Bedrohungen trotzt.

 

Ein Premierenreigen eröffnet die EXODUS TAGE: Die Uraufführung von Ulla Lachauers Roman „Paradiesstrasse“ und Inszenierungen von Joseph Roths Roman „Hiob“, dem Klassenzimmerstück „20. November“ von Lars Norén sowie eine szenische Lesung von Harald Muellers „Totenfloss“ werden ergänzt durch ein Programm mit Liedern und Texten aus Terezín sowie die Licht- und Klanginstallation „In terram bonam“ in der Jugendkirche effata!. Zum Tagesausklang ist Aischylos’ „Prometheus, gefesselt“ – in der Übertragung von Peter Handke – in der Theaterruine zu sehen. Ab dem zweiten Tag erweitert die Inszenierung „Die Comedian Harmonists“ das Programm.

 

 

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Uraufführung: 23. September 2010,

St. Johannes-Kapelle, Bergstraße 36–38, Münster

Paradiesstraße

Fassung von Barbara Wachendorff und Ulla Lachauer

nach dem Buch von Ulla Lachauer

 

„Ich bin ein Glückskind. An einem Sonntag bin ich geboren, den 19. Juni 1910, morgens, gerade in die Sonne hinein.“ So beginnen die Lebenserinnerungen der Bauerntochter Lena Grigoleit, die am äußersten Rand Ostpreußens zur Welt kommt und dort auch 1996 stirbt. Dazwischen liegt ein ausgefülltes Leben mit glücklicher Kindheit und Jugend in der Paradiesstraße, in der in Lenas Kindheit Litauer, Deutsche und Juden friedlich zusammenleben. Lena wird in der Schule „auf deutsch erzogen“, ist gerade zwölf Jahre alt, als Litauen 1923 das Land nördlich der Memel besetzt. Anderthalb Jahrzehnte später – im Jahre 1939 –, inzwischen ist Lena Mutter einer Tochter, hat Hitler ihr Heimatdorf durch den Hitler-Stalin-Pakt wieder „heim ins Reich“ geholt. Das Leben im Dorf vergiftet sich. Die Gestapo versucht, sie und ihren Mann als Spitzel anzuwerben. Lena muss mit ansehen, wie die Juden deportiert werden. Ende 1944 geht sie mit der Familie auf den Treck nach Westen, kehrt aber schon 1945 in ihr zerstörtes Dorf zurück, das jetzt zu Russland gehört. 1951 wird die ganze Familie nach Sibirien umgesiedelt und lebt dort unter ärmlichsten Verhältnissen. 1956 kehren alle noch lebenden Familienmitglieder nach Bittehnen zurück, wo sie nun die einzigen Deutschen sind und ihr Hof zu einer Kolchose gehört. Und 1991, als wieder Panzer durch ihr Dorf rollen, denkt Lena nur: „Halt dich am Zaun, der Himmel ist hoch.“

 

Das ist die erstaunliche Geschichte einer mutigen Frau, die allen Widerwärtigkeiten des 20. Jahrhunderts ausgeliefert war, und trotzdem ihrer Heimat treu geblieben ist, lebensbejahend und eigenständig, und damit stellvertretend für die unendlich vielen Flüchtlinge in aller Welt steht, die heutzutage ihre Heimat verlassen und in der Fremde neu anfangen müssen.

 

Die Journalistin Ulla Lachauer hat die Erzählung aus Interviews, Briefen und handschriftlichen Aufzeichnungen zusammen mit Lena Grigoleit montiert und ihr mit diesem Porträt ein Denkmal gesetzt.

 

Regie: Barbara Wachendorff

Kostüme: Anke Drewes

Mitwirkende: Regine Andratschke

 

Weitere Vorstellungen im September:

Freitag, 24. September, 17.15 Uhr, St. Johannes-Kapelle, Münster

Samstag, 25. September, 17.15 Uhr, St. Johannes-Kapelle, Münster

Sonntag, 26. September, 14.30 Uhr, St. Johannes-Kapelle, Münster

Mittwoch, 29. September, 19.30 Uhr, St. Johannes-Kapelle, Münster

 

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Tageskarten für die EXODUS TAGE sind zum Preis von 20,- € | ermäßigt 15,- € (23. und 25. September) und 28,- € | ermäßigt 21,- € (24. und 26. September) erhältlich. Im Preis der Tageskarten inbegriffen ist jeweils ein Tellergericht inklusive nicht-alkoholischem Getränk. Darüber hinaus können an der Theaterkasse für alle Veranstaltungen Einzelkarten erworben werden.

 

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