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Stellungnahmen der deutschsprachigen und der israelischen Autoren zum Juryentscheid des Heidelberger Stückemarkts 2010

Die Entscheidung der Jury beim unlängst zu Ende gegangenen HEIDELBERGER STÜCKEMARKT, die Preissumme zwischen allen Autoren zu teilen, sie „Förderpreis“ zu nennen und in diesem Sinne zu vergeben. hat für Aufsehen und auch Kritik gesorgt: an der Auswahl der Stücke, an den Stücken und Autoren, aber auch an der Jury. Jetzt melden sich die betroffenen Autoren zu Wort.

1. Stellungnahme der deutschsprachigen Autoren zum Juryentscheid des Heidelberger Stückemarkts 2010

14.5.2010

 

Die Jury des Heidelberger Stückemarkts 2010 - Erik Altorfer, Christine Dössel und Nis-Momme Stockmann - erhofft sich von ihrer Nichtfestlegung auf einen oder mehrere Preisträger "auch einen Impuls für eine Diskussion über die Förderkultur deutschsprachiger Dramatik".

 

Wir gehen davon aus, dass eine Jury, die ihre unabhängige Funktion ernst zu nehmen gewillt ist, mit dem Förder- und Wettbewerbsgedanken der entsprechenden Veranstaltung vertraut und einverstanden ist. Falls nicht, erwarten wir die Weitsicht, die Unvereinbarkeit der eigenen Maßstäbe mit der formalen Vielfalt und Offenheit neuer Texte im Vorfeld zu erkennen und konsequenterweise die Aufgabe auszuschlagen. Oder, falls diese Erkenntnis erst während der Debatte über die Preisvergabe reift, zurückzutreten und die Entscheidung anderen zu überlassen.

 

Der Sinn einer Nachwuchsförderung besteht in unseren Augen nicht darin, pauschale Qualitätsurteile zu fällen, sondern an den eingereichten Texten Besonderheiten, Chancen und Stärken aufzuspüren, auch über etwaige Bedenken an anderen Punkten hinweg – um Entwicklung durch Zuspruch, fundierte Kritik und interessierte Auseinandersetzung zu gewährleisten.

 

Insofern überrascht uns (und die Frage würde lauten wozu er dienen und zu wessen Vorteil er sich Bahn brechen soll) der plötzliche Überdruss an der Förderung neuer Autoren.

 

Den Heidelberger Wettbewerb mit der Debatte um Dramatikerförderung zu verknüpfen, erscheint uns unangemessen. Sie hat auf dem Rücken der in diesem Wettbewerb stehenden Autoren nichts zu suchen. Ihre Thematisierung diskreditiert das Urteil ebenso wie die salopp vorausgeschickte Entschuldigung, dass "vielleicht eine schlechte Jury" an dieser Entscheidung schuld sei sowie der gesamte Vortrag der Erklärung allein durch den Vorjahressieger. Der angestrebte Diskurs wäre aus unserer Sicht mit den Entscheidungsträgern der Theater, den Intendanten, Dramaturgen, Schauspieldirektoren, der dramaturgischen Gesellschaft und nicht zuletzt dem Feuilleton zu führen - gemeinsam.

 

So bleibt für uns der Eindruck, dass diese Jury nichts entdecken wollte. Unter dem Mantel von Nachhaltigkeit und Qualität atmet ihr Urteil den Geist der Exklusion.

Eine inhaltliche Begründung wenigstens für den Nichtentscheid blieb - selbst auf Nachfrage - aus. Dies wäre jedoch Grundvoraussetzung, nicht nur für ein Verstehen des Urteils, sondern auch im Sinne einer seriösen Förderung.

 

Markus Bauer, Johan Heß, Ursina Höhn, Azar Mortazavi, Eva Rottmann

 

2.Offener Brief der israelischen Autoren, die am HEIDELBERGER STÜCKEMARKT 2010 teilgenommen haben

14.5.2010

 

Bei der Preisverleihung am 9.5. erhielten wir nach einem langen und aufregenden Aufenthalt beim diesjährigen HEIDELBERGER STÜCKEMARKT die überraschende Nachricht: Wie inzwischen bekannt sein dürfte, handelte es sich hierbei um die Nachricht, dass sich keines der Stücke würdig erwies, einen Preis zu erhalten. Was auf der Abschlussfeier des Festivals durch die Jurymitglieder Christine Dössel, Erik Altorfer und Nis-Momme Stockmann angekündigt wurde, löste ein heftiges Gefühl der Verwirrung aus. Wir, die ausgewählten israelischen Autoren, wurden von der Künstlerischen Leitung des Festivals und dem Co-Leiter und israelischen Dramaturgen Avishai Milstein eingeladen. Es war eine lange und spannende Reise, in deren Verlauf unsere Stücke ins Deutsche übersetzt und in Heidelberg bei szenischen Lesungen durch die Schauspieler des Heidelberger Theaters vorgestellt wurden.

 

Wir wissen, dass das Ergebnis ziemlich ungewöhnlich ist, da es niemals zuvor die Situation gab, dass kein Sieger benannt werden konnte. Wir fühlen uns ungerecht behandelt. Wir sind es gewohnt, für die ständigen Spannungen in unserem Land und die Komplexität des Konflikts in dem wir leben, kritisiert zu werden. Oftmals sind wir außerhalb Israels dazu gezwungen, uns nicht als Individuen zu präsentieren, sondern als politische Vermittler. Ab und an ist diese Situation vertretbar, wenn wir Fragen zur politischen Situation beantworten, um die Neugier Außenstehender zu befriedigen, aber in anderen Fällen leiden wir darunter, den Stempel „Israeli“ aufgedrückt zu bekommen. Wir wollen nicht durch Verallgemeinerungen bestraft werden, sondern als individuelle und professionelle Künstler angesehen werden.

 

Normalerweise wird einer der Preise, der „Europäische Autorenpreis“, an eines der Stücke aus dem jeweiligen Gastland verliehen. Diese Stücke sind Teil eines anderen Entscheidungsprozesses (siehe oben). Die Missachtung unserer Stücke durch die Jury hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, sowohl bei den Autoren, als auch bei den Organisatoren. Es fällt sehr schwer daran zu glauben, dass beide Auswahlgremien mit dem ausgewählten Material für das Festival gänzlich falsch lagen.

 

Die Tatsache, dass sich die Jury dazu entschied, alle Preise in einer einzigen Kategorie zusammenzufassen, wirft die Frage auf, ob die Entscheidung nicht verallgemeinert und unüberlegt getroffen wurde und die nötige Aufmerksamkeit vermissen lässt. Die Entscheidung ist für die Autoren eher demoralisierend als hilfreich. Anstatt für unsere Kunst ausgezeichnet zu werden, werden wir als Künstler schädigt. Anstatt stolz darauf zu sein, an diesem Festival teilnehmen zu dürfen, müssen wir uns schämen. Die Entscheidung der Jury entspricht nicht den Richtlinien des Wettbewerbs. Stattdessen entspricht sie den unreflektierten Zielen einiger weniger Personen. Ohne eine weitere Erklärung abzugeben, entschied sich die Jury keinen klaren Standpunkt zu beziehen, als dieser dringend nötig war. Stattdessen zog sie es vor, unsere Arbeit zu verwerfen, statt sich ihren eigenen Fragen zu stellen und zu lösen. Vermutlich war es keine einfache Entscheidung, die die Jury zu treffen hatte, aber die Leichtfertigkeit, mit der die Ergebnisse mitgeteilt wurden, legt nahe, dass sie auch nicht allzu schwer zu treffen war.

 

Wir hoffen, dass das Festival auch weiterhin als wichtige Plattform für junge Autoren dienen kann und dass die außergewöhnliche Entscheidung der Jury den fragilen Prozess der Weiterentwicklung einer ganzen Gruppe von Autoren nicht schädigen wird. Desweiteren hoffen wir, dass man einen Weg finden wird, um die qualitativ hochwertige Kunst, welche wir mit uns nach Heidelberg gebracht haben und an die wir glauben, wertzuschätzen und hervorzuheben.

 

Unterzeichnet von den israelischen Autoren Yaron Edelstein, Roni Kuban und Oded Liphshitz

 

 

3. Erklärung der Jury zum HEIDELBERGER STÜCKEMARKT 2010

 

„Die Jury ist nach sehr langer Diskussion zu dem Schluss gekommen, dass aus den zur Auswahl stehenden Stücken keine derartig heraus ragen, dass wir eindeutig und konsensfähig die zu vergebenden Preise – den „Autorenpreis“, den sogenannten „Innovationspreis“ und den „Europäischen Autorenpreis“ – verleihen können. Wir haben daher beschlossen, um dem fördernden Sinn des Wettbewerbs zu entsprechen, die Preissumme zwischen allen Autoren zu teilen, sie „Förderpreis“ zu nennen und in diesem Sinne zu vergeben.

 

Was auch immer der Grund sein mag: vielleicht eine schlechte Jury, eine schlechte Vorauswahl, ein mittelmäßiger Jahrgang – oder etwas ganz anderes: Tatsache ist, es war uns als Jury nicht möglich, zu einer eindeutigen Entscheidung bezüglich der Preisvergabe zu finden. Und die Jury findet es falsch, aus einer strukturellen Notwendigkeit heraus Preise zu vergeben.

 

Wir hoffen, auf diesem Wege auch einen Impuls für eine Diskussion über die Förderkultur deutschsprachiger Dramatik zu geben: zum Beispiel die Marktwirtschaftlichkeit von Förderinstitutionen und die Punktualität von Förderung zu hinterfragen, denn diese verdrängen manchmal – zugunsten der Profilierung von Theatern und der Vermarktung von Festivals – den eigentlichen Grund der Förderung. Wichtig wären: Qualität statt Novität! Nachhaltigkeit von Förderstrukturen und Langfristigkeit von Zusammenarbeit zwischen Theatern und Autoren!

 

Wir sind uns im Klaren darüber, dass wir diesen Ansprüchen innerhalb des Fördersettings selber nicht entsprechen können – auch nicht mit unserer Notlösung. Die Jury ist nicht glücklich mit dieser Entscheidung, hofft aber, innerhalb der Vergabemodalitäten eine den Umständen entsprechende Lösung gefunden zu haben.“

 

Christine Dössel, Erik Altorfer, Nis-Momme Stockmann am 9.5.2010

 

 

 

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