Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Uraufführung: "Medea.Matrix", Ruhrtriennale 2016, Gebläsehalle, Landschaftspark Duisburg-Nord.Uraufführung: "Medea.Matrix", Ruhrtriennale 2016, Gebläsehalle,...Uraufführung:...

Uraufführung: "Medea.Matrix", Ruhrtriennale 2016, Gebläsehalle, Landschaftspark Duisburg-Nord.

Copyright: Julian Roeder

 

Die Regisseurin Susanne Kennedy und der Künstler Markus Selg lassen ihr Publikum auf dem Weg zum Zuschauerraum durch eine im Raum verteilte Installation laufen: Strandgut aus Zivilisationsmüll, Videoprojektionen mit Bildern von Wald und Bienen, dazwischen sitzend maskierte, schwarz verhüllte Frauen mit Plastikschüsseln. Sie tragen Schürzen, auf die Frauenakte aus der Kunst der Renaissance gedruckt sind, also wahlweise die biblische Eva oder antike Göttinnen. So weit so diffus. Genauso setzt sich das Stück fort:

 

Videos auf diversen Leinwänden, Monitoren und Fensternischen zeigen wieder Wald und Bienen, Augen, Mikroskopien von Spermien, Simulationen von Signale feuernden Nervenzellen, Föten, Kampfjets, Beute reißende Wölfe, Meeresbrandung, ein tanzendes Avatar-Pin-Up, antike Reliefs und Skulpturen von Göttinnen wie die vielbrüstige Artemis.

 

Eine bukolische Szene ziert das pyramidenförmige Podest, auf dem sich „Medea“ (Birgit Minichmayr) erhebt; bekleidet nur mit schwarzer Unterwäsche und rotgelockter Perücke. Sie steht statuenhaft da und wird sich bis zu ihrem Abgang nicht regen. Der Chor der schwarz verhüllten Frauen formiert sich an der Seite. Er ist Medeas Antwortgeber. Alle weiteren Texte kommt von Stimmen aus dem Off – teils mit Sounddesign bis zur Unverständlichkeit verfremdet.

 

12 Kapitel werden durchdekliniert, beispielsweise „Befruchtung“, „Ausschabung“, „Wehen“, mittels einer Fülle textlicher und bildlicher Belehrungen aus dem Biologiebuch, Userfragen aus Internetforen, Gesprächen beim Psychotherapeuten, christlichen Leitsätzen über Frauen und Sexualität, Bibelzitaten und aus diversen weiteren aus unterschiedlichsten und scheinbar beliebigen Quellen, die die Stichworte „Frau“, „Mutter“ oder „Geburt“ zutage fördern. Es endet mit dem Nietzsche-Titel der „Geburt der Tragödie“ und entlässt das Publikum nach 90 langen Minuten, ohne Applaus.

 

Für solch eine Inszenierung braucht es wahrhaftig kein antikes Drama als Aufhänger, kein Schauspiel und keine Birgit Minichmayr. Bei so viel Überfrachtung und gleichzeitiger Beliebigkeit helfen auch die pathetischen Begriffe von „Ritual“, „Kosmos“ und „Mystik“ im Programm der Ruhrtriennale nicht, die die fehlende Beschreibung ersetzen sollen und möglicherweise einfach der eigenen Ratlosigkeit geschuldet sind.

 

Regie, Konzeption: Susanne Kennedy

Konzeption, Raum, Video: Markus Selg

Video: Rodrik Biersteker

Sounddesgin: Richard Janssen

 

Weitere Vorstellungen: 23.,24.09.2016 20:00 Uhr

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 11 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„GESCHÖPFE“ von Ben J. Riepe im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Auf der dunklen Bühne stehen Bäume und Sträucher in Kübeln, die als erstes von einem Performer verrückt werden. An der rechten Bühnenseite finden sich aufgehäuft Körperteile von Schaufensterpuppen,…

Von: Dagmar Kurtz

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑