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Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Alexander Riemenschneiders Inszenierung von Florian Zellers Theaterstück „Vater“ am Schauspielhaus Bochum läuft in der zweiten Spielzeit.

 

„Und ich? Wer bin nun ich?“ fragt André, der Vater, gegen Ende des Stücks. Er ist verloren gegangen, er hat sich selbst verloren in seiner fortschreitenden Demenz. Um deren Verlauf geht es im Stück, das den Verlauf der Erkrankung auf fünf Tage konzentriert. Fünf Tage, in denen die Menschen, die André umgeben, beständig ihre Identitäten wechseln, in denen sich beständig deren Kontexte, Zugehörigkeiten und Geschichten verschieben. Mal hat Andrés Tochter Anne einen Mann, mal nicht, mal will sie nach London ziehen, mal nicht, mal ist die Wohnung, in der alles spielt, seine eigene, mal nicht.

 

Für Andrés zunehmende Orientierungslosigkeit und Irritation finden Alexander Riemenscheider (Regie) und David Hohmann (Bühne) so einfache wie eindrucksvolle Bilder: Die Wohnung – minimalistisch weiße Möbel im schwarzen Bühnenraum – wird beständig umgeräumt, Anne, der Schwiegersohn Pierre und die Pflegerin Laura werden jeweils von wechselnden Schauspielern gespielt.

 

Nur André (Bernd Rademacher) bleibt eindeutig; angestrengt um das Aufrechterhalten seiner Würde bemüht, seiner Erkrankung jedoch immer verzweifelter ausgeliefert. Er versucht, sich Anne zu erklären, aber es ist kompliziert: „Du würdest das nicht verstehen“. So werden wir Zuschauer in Andrés Perspektive Zeugen seiner Gefühle. Sein Misstrauen, seine Angst, Verwirrung und Wut sind nachvollziehbar. Dabei zeigen sein Charme, Witz, seine entwaffnende Logik und fast brutale Ehrlichkeit eine weitere Seite seiner Persönlichkeit, die ihren Verlust umso dramatischer macht.

 

Eindrucksvoll vollzieht sich Andrés Hinausgleiten aus dem, was wir Wirklichkeit nennen. Die Außenstehenden halten mit aller Kraft, ungeduldig, verständnis- und hilflos an ihren Denkmustern und Gesetzen, ihren Maßstäben und Sichtweisen fest. Dieser Graben zwischen der Wirklichkeit des Dementen und der der Anderen ist es, womit dieses höchst konzentrierte Kammerspiel auf sensible Weise die Schmerzgrenze der Zuschauer erreicht. Es ist ein bewegender Abend.

 

André: Bernd Rademacher

Anne: Xenia Snagowski

Pierre: Roland Riebeling

Laura: Sarah Grunert

Eine Frau: Kristina Peters

Ein Mann: Nils Kreutinger

Regie: Alexander Riemenschneider

Bühne: David Hohmann

Kostüme: Lili Wanner

 

Premiere: 13. Februar 2016, Kammerspiele Schauspielhaus Bochum

Nächste Vorstellungen: 28.10.2016, 20 Uhr; 18.11.2016, 19:30 mit einer Einführung in das Stück um 18:45 im Theater Unten

 

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