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Zwei Premieren am Schauspiel Chemnitz

"Stella", Ein Schauspiel für Liebende von Johann Wolfgang von Goethe

Premiere: 4. März 2016, 20.00 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz, Ostflügel

und

"Caligula", Schauspiel von Albert Camus

Premiere: 5. März 2016, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz, große Bühne

 

 

Stella, Ein Schauspiel für Liebende von Johann Wolfgang von Goethe

Premiere: 4. März 2016, 20.00 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz, Ostflügel

 

Wenn zwei Frauen den gleichen Mann lieben, kann das tragisch enden. Das Objekt der Begierde ist der Offizier Fernando. Er hat seine Frau Cäcilie und die gemeinsame Tochter Lucie verlassen und sich in die Baronesse Stella verliebt. Für die junge Stella ist Fernando die große Liebe. Doch nach fünf Jahren seligen Glücks verlässt Fernando auch sie und zieht in den Krieg. Eines Tages erscheint Cäcilie mit ihrer Tochter Lucie zufällig bei der jungen Baronesse, um gerade in ihrem Haus für Lucie eine Anstellung zu erbitten. Noch wissen beide Frauen nicht, welche Leidens- und Liebesgenossinnen sie sind, und freunden sich an. Als dann Fernando aus dem Krieg zurückkehrt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Es wird geliebt und gelitten. Unbändige Liebe, Sehnsüchte, Begehren und Zweifel treiben fortan die Figuren an. Gibt es einen anderen Ausweg als den Tod?

 

Goethes „Stella“ hält einen modernen und zugleich provokanten Gegenentwurf parat: Eine offene Dreiecksbeziehung – die Ehe zu dritt statt Tod und Verzweiflung. Goethe schrieb „Stella“ 1775. Ein Jahr zuvor hatte ihn die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern berühmt gemacht. Im „Werther“ erzählte er noch das Drama eines Mannes, der sich in die Frau seines Freundes verliebt und am Ende keinen anderen Ausweg sieht als den Selbstmord. Nun wählte Goethe die Perspektive der Frau. Stella und Cäcilie lieben Fernando. Das macht sie zu Schicksalsgefährtinnen, die einen ungewöhnlichen Weg gehen: Statt auf den zurückgekehrten Fernando zu verzichten, verzichten sie auf den Wunsch, ihn für sich allein zu besitzen und stellen sich damit gegen die Konventionen. Für Goethes Zeitgenossen war das ein Schock und ein so unvorstellbarer Ausgang, dass Goethe seinem Stück 1806 einen anderen Schluss geben musste: Fernando wählte den Freitod durch die Waffe und Stella durch Gift. So war die bürgerliche Ordnung zumindest für das Publikum wieder hergestellt.

 

Sind wir heute bereit für derartige Modelle? Inwieweit empfinden wir diese – in Zeiten von Patchwork-Familien und polyamoren Lebensentwürfen – überhaupt noch verwerflich? Ganz sicher nicht im gleichen Maße wie Goethes Zeitgenossen. Aber sind wir wirklich bereit, uns von Besitzansprüchen und Verlustängsten zu lösen? Oder gibt es nicht in jedem von uns diesen kleinen Teufel namens Eifersucht, der sich immer dann einschleicht, wenn wir glauben, nicht genug zu bekommen – nicht genug Liebe, Aufmerksamkeit, Begehren …?

 

Regie: Alexander Flache

Bühne und Kostüme: Anja Furthmann

 

Mit: Magda Decker (Stella), Maria Schubert (Cäcilie), Jan Gerrit Brüggemann (Fernando), Lysann Schläfke (Lucie), Pia-Micaela Barucki (Verwalterin)

 

******

 

Caligula, Schauspiel von Albert Camus

Deutsch von Uli Aumüller

Premiere: 5. März 2016, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz, große Bühne

 

Der polnische Regisseur Robert Czechowski, Intendant des Lubuski Teatr w Zielonej Górze / Polen, inszeniert mit Camus‘ „Caligula“ einen Text, der wegen seiner Sinnlichkeit, seiner Irrwitzigkeit sowie der Reflexion absurder Philosophie inspiriert und provoziert. Albert Camus (1913-1960) nutzte den Stoff vom maßlos brutalen römischen Kaiser Caligula als Steilvorlage, um im Angesicht der Barbarei Hitlerdeutschlands die schreckliche Absurdität menschlichen Seins zu reflektieren.

 

Nach dem Tod der geliebten Schwester Drusilla verschwindet Caligula aus Rom und bleibt unauffindbar. Doch er kehrt zurück – als ein anderer. Freigebrannt von jeglicher Bindung zum Menschen, gleichgültig gegenüber dem Tod – dem eigenen wie dem anderer – fordert er die Eliten Roms heraus, deren Ängste, Lügen und zwanghafte Begierde nach Sicherheit er verachtet: Des einen Frau macht er zur Hure, des anderen Kind tötet er, dem dritten nimmt er den Vater und alle enterbt er zugunsten der Staatskasse.

 

Immer brutaler lässt Caligula die Oberschicht zu angstvollen Zuschauern seiner Macht werden. Wie in einem Theaterstück – er selbst in der Rolle des unvorhersehbaren Schicksals – provoziert er sinnfrei und grausam. Seine klügeren Gegenspieler erkennen die intellektuelle Herausforderung, die im Handeln Caligulas liegt, begreifen, dass der Kaiser provoziert, um die Menschen zu sich und ihrer Freiheit zu führen. Gleichermaßen wissen sie aber, dass sich ohne ein Quantum an berechenbarer Sicherheit schwerlich leben lässt, dass absolute Freiheit aller ins Chaos führt. Damit diskutiert Camus einen Leitbegriff unserer Zeit, den medial ausgehöhlten und allzu oft demagogisch verwendeten Begriff der Freiheit. Wenn Caligula am Ende scheitert, wird er erkennen, dass seine Freiheit nicht die richtige war.

 

Regisseur Robert Czechowski verlegt den Handlungsort in ein luxuriöses Altenheim. Dessen Insassen, 150-jährige Greise, werden mit der neuesten medizinischen Technologie am Leben erhalten. Obwohl die Alten nutzlos und parasitär geworden sind, umgibt sie immer noch der Hauch der Macht, die sie einst besessen haben und die sie gegen ihre Untergebenen immer noch wie Parasiten ausnutzen. Die Alten werden von Pflegern betreut, die ihnen alle – auch die ausgefallensten oder perversesten – Wünsche erfüllen. Caligula revoltiert gegen diese offensichtlich überlebte und ekelerregende Welt, gegen das kleinbürgerliche Gehabe und das Festhalten an den Pfründen. Ist das Leben und Lebendigkeit? Sieht so menschliche Freiheit aus? Caligula will das Außergewöhnliche, er will seine Freiheit nutzen und ein Leben verstehen, das so viel Unglück für die meisten bereithält. Aber dem allmächtigen Kaiser ist nicht zu trauen. Seine Provokation schlägt in Willkür um. Allein, er regt zum Nachdenken an, wie es sein Gegenspieler, der kluge Chereia, formuliert. Und zur Revolte.

 

Der historische Kaiser Gaius Caesar Augustus Germanicus (12-41 n. Chr.), genannt Caligula, beherrschte von 37 bis 41 das Römische Reich. Seine militärisch wie politisch unbedeutende Regierungszeit war in ihrer zweiten Hälfte von zahlreichen Exzessen sowie Demütigungen und Todesurteilen gegen die Eliten Roms geprägt. Die Prätorianergarde setzte seiner Gewaltherrschaft schließlich ein Ende.

 

Regie: Robert Czechowski

Choreografie: Pawel Matyasik

Bühne: Wojciech Stefaniak

Kostüme: Adam Królikowski

 

Mit: Stefan Migge (Caligula), Michel Diercks (Scipio), Philipp Otto (Cherea), Philipp von Schön-Angerer (Helicon), Ulrike Euen (Caesonia), Shana Sophie Brandl* (Drusilla), Wolfgang Adam, Andreas Manz-Kozár, Martin Valdeig, Christian Ruth, Stefan Schweninger (Patricius, Senectus, Öepidus, Mereia, Mucius), Dominik Förtsch, Stella Goritzki*, Christopher Schulzer*, Paul-Louis Schopf*, Anna Bertram** (Pfleger)

 

* Mitglieder des Chemnitzer Schauspielstudios

** FSJ am Chemnitzer Schauspielhaus

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