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BLACKBIRD von David Harrower im Theater Basel

Premiere: Montag, 24. April 2006, 21.00 Uhr im K6, Klosterberg 6

„Blackbird“ erzählt die Begegnung zweier Menschen, die 16 Jahre zuvor eine kurze, aber intensive Beziehung gehabt haben. Die Besonderheit liegt darin, dass Una damals zwölf Jahre alt war, während Raymond 38 war. Was die beiden damals als sehr besondere Liebe erlebt haben, war für Aussenstehende ein klarer Fall von sexuellem Missbrauch Minderjähriger.

Ihrer beider Leben hat sich seitdem stark verändert: Ray kam ins Gefängnis und hat versucht, ein ganz neues Leben beginnen. Er lebt an einem anderen Ort, hat einen neuen Namen, einen Job, eine Frau. Una blieb in ihrem Heimatort und ging in Therapie.

Das Stück setzt am Punkt der Wiederbegegnung nach 16 Jahren ein. Una hat Ray aufgesucht mit Fragen, die nur er ihr beantworten kann. Sie will begreifen, welche Verantwor-tung er übernimmt, für sich, für sie, für das Geschehene. Was wie eine Abrechnung, fast wie eine Gerichtsverhandlung beginnt, wird zu einer Verhandlung über die grundlegenden Gesetze der Liebe.

 

Regisseurin Agnese Cornelio über das Stück: „David Harrower vollzieht mit seinem Stück eine Bewegung, die mich als Leser menschlich involviert. Ich bewege mich von meiner klaren und eindeutigen moralischen Position immer weiter auf die Menschen in dieser Geschichte zu, und je näher ich ihnen komme, desto weniger kann ich mich auf Prinzipien zurückziehen. Ich muss sehen, dass der Mensch und seine Beziehungen viel komplizierter sind als Gesetze und eindeutige moralische Positionen. Ich habe eine ähnliche Erfahrung während der Arbeit am Gefängnis-Theaterprojekt „Schällemätteli“ in Basel gemacht. In der direkten Begegnung mit Menschen, die in ihrer Vergangenheit sehr grundsätzliche Regelverstösse begangen haben, die auch meine persönlichen morali-schen Werte verletzt haben, wurde es möglich, diesen Menschen trotzdem als Mensch zu begegnen. Und umgekehrt: Ich musste einen mir heute sehr sympathischen Menschen mit einer für mich ungeheuerlichen Tat in der Vergangenheit zusammenbringen, die ich absolut ablehne.

Die beiden Menschen der Geschichte behaupten trotz aller Therapien, dass sie sich da-mals geliebt haben, sogar, dass sie nie wieder einen Menschen so sehr geliebt haben, wie damals einander. Das ist schwer zu glauben. Sobald ich einen Schritt zurücktrete, muss ich diese Liebe ablehnen, und das ist auch gut so. Aber dass die Wahrheit dieser beiden Menschen für mich in den Bereich des Möglichen rückt, ist wichtig, um sie als Menschen ernst zu nehmen.

David Harrower stellt Fragen nach der persönlichen Freiheit. Hat Una damals eine Wahl gehabt hat, sich für oder gegen diese „Liebe“ zu entscheiden? Ist es heute ihre freie Entscheidung, Raymond aufzusuchen oder nicht? War es womöglich ihre erste freie Ent-scheidung überhaupt? Ist es damals Rays freie Entscheidung gewesen, ein pubertieren-des Kind zu lieben? Ist es heute seine freie Entscheidung, seine Vergangenheit von sich zu schieben oder nicht? … Diese Begegnung nach 16 Jahren wird das zukünftige Leben der beiden nicht verändern, wird es nicht glücklicher oder schwerer machen. Sie erlangen keine Gewissheit über eine Wahrheit, ausser der, dass sie einander niemals loswerden, sich nie mehr näher kommen werden.

 

Regie Agnese Cornelio

Raum Daniel Schulz

Kostüme Katharina Galsterer

 

Mit: Jörg Schröder (Raymond), Lilly Marie Tschörtner

(Una), Solène Stucker, Lorine Wachsmuth (Mädchen)

 

 

 

Weitere Vorstellungen:

 

Donnerstag, 27.04.2006, 21.00 Uhr

Sonntag, 14.05.2006, 20.00 Uhr

Samstag, 20.05.2006, 21.00 Uhr

 

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