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Brennende Fragen - die Spielzeit 2006/2007 im schauspielfrankfurt

unter dem Motto: SELIG SIND DIE ARMEN IM GEISTE - WO BLEIBT DAS HIMMELREICH?

wird das schauspielfrankfurt in die sechste Spielzeit unter der Intendanz von Dr. Elisabeth Schweeger gehen, die sich so zu ihrem Prograqmm äußert:

 

Glauben Sie noch, was Sie hören, was Sie sehen, was Sie lesen? Was nennen wir eigentlich heute noch Realität? Wie gehen wir mit ihr um? Das sind die brennenden Fragen, die sich ein Theater immer wieder stellt. Wo früher aufklärerische Prinzipien die Welt zu verstehen und zu ordnen versuchten, werden heute Welt und damit auch ihre Konflikte qua Medienallmacht künstlich konstruiert. Wir bekommen ein Bild von Realität vorgesetzt bzw. wir machen uns ein Bild davon. Wie kam es dazu, daß wir diese nicht mehr aufklärerisch hinterfragen können?

Die Aufklärung diente in ihrer historischen Entstehung der Befreiung. Durch Rationalisierung von Gefühlen, Emotionen, Erinnerung und Fantasie wurde Selbstkritik möglich. Und Kunst und Wissenschaft verhalfen, die Menschen aus ihrer »selbst verschuldeten Unmündigkeit« zu entlassen. Die sichtbarste Folge davon war die Säkularisierung der Gesellschaft im europäischen Raum mit genau definierten Wertmaßstäben für die bürgerliche Gemeinschaft. Was bleibt nun nach diesen so wichtigen Schritten übrig? Max Frisch sprach schon vor einigen Jahrzehnten vom Ende der Aufklärung, an deren Stelle das goldene Kalb getreten sei. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob der Motor des globalen Turbokapitalismus nicht schon längst zu stottern begonnen

hat und keine Garantie mehr für eine freiheitlich demokratische Grundordnung darstellt.

Zieht man also Bilanz, so ist das Ergebnis des aufgeklärten Geistes ernüchternd: Übertriebener Rationalismus, totale Abstraktion von Gefühl und Emotion, die mit nur rechnendem Verstand als störend abgewertet werden, Bilderfluten, die nur noch Simulacren bilden, führen unsere Gesellschaft in kühlen Ökonomismus, in die Aufblähung des letztlich einsamen Ichs und den Zerfall sozialer Verbände. Ein Ich, das sich selbst nur noch zum Inhalt nimmt, erklärt sich auch als einzigen Maßstab und vergißt darüber den anderen und muß schlußendlich verlieren.

Bereits Adorno diagnostizierte, daß die »vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils strahlt«, denn die Aufklärung führte einerseits zur Überbelichtung der Realität, in der diese konturlos verschwindet, andererseits zu einer Verklärung des Menschen, dem zugetraut, aber auch zugemutet wird, Realität nur noch für sich selbst zu konstruieren. Die Balance zwischen Verstand und Gefühl, zwischen lebendigem kulturellem Gedächtnis und nüchternem Datenvermerk in elektronischen Medien ist aus dem Lot. Keineswegs jedoch wäre eine Umkehr in das Gefühlige, Kultische oder in die ausschließlich tröstliche Erbauung ein Ausweg. Theater verhält sich hierzu antipodisch, als lebendiges und auf Zusammenkunft setzendes Medium. Es arbeitet der irrigen Annahme entgegen, Erinnerung wäre ein zu musealisierender Gegenstand, arbeitet mit Emotionen und Grenzüberschreitungen, versetzt Verstand und Gefühl in ein zu diskutierendes Verhältnis, manchmal verstörend, manchmal erbauend. Auf jeden Fall

versucht es, der kulturellen Amnesie, der fortschreitenden geistigen Verarmung, die soziale Kompetenz und Verantwortung ausblendet, entgegenzuwirken. Rund um diesen Verlust an kulturellen Werten kreist unsere Spielzeit und hinterfragt auch die Hintergründe und wie es dazu kommen konnte. Die einstige Glücksverheißung »Selig sind die Armen im Geiste« erscheint heute pervertiert und verweist auf eine gesellschaftliche Unruhe und einen sich andeutenden Zerfall sämtlicher Kulturen, der sich nicht nur auf das ökonomische Elend, das jeden von uns treffen kann, bezieht, sondern auch auf den drohenden Verlust von kulturellem Gedächtnis, Verlust von sozialen Beziehungen, Verlust der Kultivierung unserer Gefühle, unserer Emotionen, unserer Sinne und unserer Wahrnehmung. Wenn die einseitige Aufklärung uns die Leere, die Inhaltslosigkeit beschert hat und wir bereits von einer Oberflächentextgesellschaft sprechen können, so bietet das Theater, gegen die strahlenden zweidimensionalen Pixelflächen des Computerbildschirmes, Begegnung, Berührung, persönliche Kommunikation und emotionale Auseinandersetzung. Und vielleicht auch den Mut, gemeinsame Utopien zu ersinnen und die soziale Phantasie der Zuschauer anzuregen und zu bereichern.

 

/ Produktionen Spielzeit 06/07

 

DIE JUNGFRAU VON ORLEANS

/ Eine romantische Tragödie von Friedrich Schiller

/ Regie: Simone Blattner

/ ab 15. September 2006 / Großes Haus

 

HÖRST DU MEIN HEIMLICHES RUFEN

/ von Thomas Jonigk / Uraufführung

/ Regie: Tina Lanik

/ ab 16. September 2006 / Kleines Haus

 

..WENN ICH MICH UMDREHE … (ARBEITSTITEL)

/ Ein Projekt in 12 Etappen

/ Konzept und Regie: Wanda Golonka

/ ab 17. September 2006 / Verschiedene Spielorte

 

FAHRENHEIT 451

/ nach dem Roman von Ray Bradbury

/ Regie: Florian Fiedler

/ ab 30. September 2006 / schmidtstrasse12

 

KLEINER MANN, WAS NUN?

/ nach dem Roman von Hans Fallada

/ laiensclub / Textfassung und Regie: Alexander Brill

/ ab 7. Oktober 2006 / Kleines Haus

 

DIE ORESTIE

/ von Aischylos

/ Regie: Karin Neuhäuser

/ ab 14. Oktober 2006 / Großes Haus

 

KÖNIG ARTHUR

/ für Kinder und Jugendliche ab 8 Jahren

/ von Wolfgang Deichsel nach dem Original von John Dryden

mit Musik von Henry Purcell

/ Regie: Corinna von Rad

/ ab 4. November 2006 / Großes Haus

 

HEXENJAGD

/ von Arthur Miller / Regie: Martin Nimz

/ ab 24. November 2006 / Großes Haus

 

LIEBESRUH

/ von Jan Neumann / Regie: Jan Neumann

/ ab 25. November 2006 / Kleines Haus

 

PERDITA DURANGO

/ nach dem Roman von Barry Gifford / Uraufführung

/ Regie: Sebastian Baumgarten

/ ab 30. November 2006 / schmidtstrasse12

 

PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG

/ von Heinrich von Kleist / Regie: Armin Petras

/ ab 21. Dezember 2006 / Großes Haus

/ schauspielfrankfurt in Koproduktion mit dem

Maxim Gorki Theater Berlin

 

TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN

/ Stück in zwei Akten und einem Requiem von Arthur Miller

/ Regie: Florian Fiedler

/ ab 22. Dezember 2006 / Kleines Haus

 

MAX BLACK

/ Musiktheater von Heiner Goebbels

nach Texten von Paul Valéry, Georg Christoph Lichtenberg,

Ludwig Wittgenstein und Max Black

/ 29. – 31. Dezember 2006 / Großes Haus

/ Gastspiel des Théâtre de Vidy-Lausanne E.T.E.

 

DIE DREIGROSCHENOPER

/ Ein Stück mit Musik

von Bertolt Brecht und Kurt Weill / Regie: André Wilms

/ ab 17. Januar 2007 / Großes Haus

// GOTTHELM ODER MYTHOS CLAUS

/ Eine Trophobie von Michael Lentz / Uraufführung

/ Regie: Christiane J. Schneider

/ ab Januar 2007 / Kleines Haus

 

KÖNIG HEINRICH IV.

/ Ein Fallstaff-Projekt nach William Shakespeare

/ Regie: Peter Kastenmüller

/ ab Februar 2007 / Großes Haus

 

ZAUBERBERG. POSITIONEN AM ABGRUND

/ von Friederike Heller und Marcel Luxinger

nach dem Roman von Thomas Mann / Uraufführung

/ Regie: Friederike Heller

/ ab Februar 2007 / Kleines Haus

 

DER AUFTRAG

/ von Heiner Müller

/ Regie: Martin Nimz

/ ab Februar 2007 / schmidtstrasse12

// KASIMIR UND KAROLINE

/ Volksstück von Ödön von Horváth

/ Regie: Christof Nel

/ ab März 2007 / Großes Haus

 

ROBERTO ZUCCO

/ von Bernard-Marie Koltès / Regie: Corinna von Rad

/ ab März 2007 / Kleines Haus

// DIE FAMILIE SCHROFFENSTEIN

/ Projekt nach Heinrich von Kleist / Regie: Simon Solberg

/ ab März 2007 / schmidtstrasse12

 

DIE QUELLE

/ von Marcel Luxinger / Uraufführung

/ Regie: Marcel Luxinger

/ ab März 2007 / Glas Haus

/ schauspielfrankfurt in Koproduktion mit dem

Hebbel-am-Ufer (HAU) Berlin u.a.

 

TARTUFFE

/ Komödie von Jean-Baptiste Molière / Regie: Simone Blattner

/ ab April 2007 / Großes Haus

// ROBINSON CRUSOE

 

ODER WIE GEHT FREIZEIT?

/ Ein Projekt von Robert Lehniger

/ ab April 2007 / schmidtstrasse12

// DAS TRUNKENE SCHIFF

/ von Paul Zech / Regie: Florian von Hoermann

/ ab Mai 2007 / Kleines Haus

 

NACH D – ERLEBNIS RELIGION

/ von Anja Gronau und Marcel Luxinger

nach August Strindberg / Uraufführung

/ Regie: Anja Gronau

 

BETWEEN WORK AND PARADISE

/ Alexander Paul Englert / Fotoprojekt

/ Kuratorin: Leonore Leonardy

/ September 2006 – Juni 2007

/ schauspielfrankfurt und Außenraum

// FRANKFURTER DIALOGE:

 

GEISTIGE ARMUT – KULTURELLE AMNESIE

/ Philosophische Salons von und mit Wolfgang Engler

/ Glas Haus

 

FEEL@HOME – DER KONGRESS

/ Kunst und Theorie zu Heimat heute

/ Kurator: Matthias von Hartz

/ Frühsommer / Foyers Großes Haus

/

NACHTSCHWÄRMER

/ HART AM RAND DER HIRNRINDE

/ Stücke und Projekte über den freien Willen, inszeniert von

Assistenten und Ensemblemitgliedern des schauspielfrankfurt

/ Zwischendeck

 

BUCOVINA CLUB

/ präsentiert von Shantel und schauspielfrankfurt

/ Foyers Großes Haus

 

/ Änderungen vorbehalten

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