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"Dantons Tod" von Georg Büchner im Theaterhaus Jena

Premiere; 12.10.06, 20 Uhr.

Verarmt, verroht, verdreckt, verunsichert. Frankreich in der Zeitenwende. Im Jahre 5 der Revolution. 1794. Die Revolution ist im Stadium der Reorganisation angelangt. Das Volk hungert und murrt und verlangt nach Brot und Köpfen für die Guillotine.

Mit der Einrichtung des Wohlfahrtausschusses beginnen radikale republikanische Gruppen systematisch über Notstandsmaßnahmen ein diktatorisches Regime zu errichten, das in knapp eineinhalb Jahren rund 16.500 offizielle Todesurteile vollstreckt. Der König war nur einer von vielen auf der Guillotine.

Die einstigen Anführer und gefeierten Helden des Umbruchs sind zerstritten.

Blut ist der Dünger der Schreckensherrschaft. Und wer sich behaupten will, muss strenger, radikaler und blutrünstiger sein als seine Konkurrenten. Das hat Robespierre erkannt und erklärt die »Gräber der Toten an den revolutionären Schuhsohlen« für unvermeidbar. Sein Programm lautet Tyrannei der Vernunft und meint nichts anderes, als die systematische Ausschaltung politischer Gegner. Danton hingegen hat das Kämpfen satt. Er weiß: »Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht.« und fordert einen gemäßigteren Kurs, die Beendigung der Schreckensherrschaft, eine Normalisierung der Revolution nach innen und die Beendigung des Krieges nach außen. Zu spät. Der Wohlfahrtsausschuss hat bereits begonnen, in den Reihen der Revolutionäre zu morden. Dantons Tod ist unausweichlich. Ein letztes Mal wird er sich erheben gegen das Kraftwerk der »Terreur«, und wir schauen zu, wie die Revolution ihre eigenen Kinder frisst …

Georg Büchner (1813-1837) ist nicht älter als 23 Jahre, 4 Monate und 2 Tage geworden. Unheilbar an Typhus erkrankt, ereilt ihn der Tod in einem Alter, in dem für andere das Leben erst beginnt. In dieser kurzen Zeit wird er nicht nur Doktor der Medizin, sondern setzt mit sezierender Genauigkeit in der Beobachtung auch neue Maßstäbe für das moderne Drama (Dantons Tod, Leonce und Lena, Woyzeck). Er revolutioniert nicht nur die deutsche Dichtung, sondern sucht durch seine provozierenden Schriften auch die politischen Verhältnisse in seinem Land zu verändern. Er gründet nicht nur eine »Gesellschaft der Menschenrechte«, sondern reklamiert auch für sich selbst das Recht, seine Überzeugung gegen alle Widerstände zu leben.

In der Inszenierung von Christine Eder (sie brachte am Theaterhaus Jena im vergangenen Jahr Leonce und Lena heraus) wird es vor allem um eines gehen: Transparenz. Das Ensemble ist gegenwärtig, jeder sieht jeden. Jeder hört jeden. Permanent. So entspinnt sich das Geflecht aus Paranoia, Intrigen, Misstrauen und Missgunst direkt vorm Auge des Zuschauers. Und wirft die zentralen Fragen direkt in die Arena zurück: Wie weit kann und muss politisches Engagement gehen? Wo hört das Recht auf Widerstand auf und fängt der Terror an? Ist es möglich, eine Revolution zu führen?

 

Es spielt das Ensemble des Theaterhauses Jena, Regie: Christine Eder.

Weitere Vorstellungen: 13. / 14. / 19. / 20. / 21.10.06

 

Kartentelefon: 03641/886944, Kartenvorverkauf: Tourist-Information Jena, www.theaterhaus-jena.de

 

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