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"Der Auftrag" von Heiner Müller im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin

Premiere am Freitag, 17. November 2006 um 19.30 Uhr im E-Werk.

Nachdem der Bürger Debuisson um 1800 gemeinsam mit dem bretonischen Bauern Galloudec und dem Schwarzen Sasportas den Auftrag erhielt, von Frankreich aus die Revolution nach Jamaika zu bringen, erfährt er, dass es den Auftraggeber nicht mehr gibt, da die Revolution in Frankreich beendet ist und Napoleon gegen Europa Krieg führt.

Debuisson kehrt zurück in den Schoß seiner Familie und entscheidet sich für den
ökonomisch sicheren Weg, Sklavenhalter in der Karibik zu sein. In dem Moment, wo sich die Utopie vom Export einer politischen Revolte als nicht realisierbar erweist, "ist alles Alte besser als alles Neue". Mit diesem Fazit trifft Heiner Müller, der seinen 1979 entstandenen Text in Ostberlin und Bochum selbst inszenierte, das Dilemma jeder revolutionären Aktion: sie macht müde. Der Rückzug in die Privatsphäre ist tödlich für die politische Avantgarde.
Im "Auftrag" wird der Intellektuelle Debuisson zum Verräter. Indem er sich aus dem "Theater der Revolution", wie es bei Müller heißt, ausklingt, weichen politische Ideale und humanitäre Visionen für die Dritte Welt der Angst, die Revolte mit dem eigenen Leben bezahlen zu müssen. Ein bitterer Beigeschmack haftet dem Rückzieher an: "Ich fürchte mich vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein."
1979 untertitelt Heiner Müller "Der Auftrag", der nach Motiven der Erzählung "Das Licht auf dem Galgen" von Anna Seghers entstand, mit "Erinnerung an eine Revolution". Auch wenn es sich bei der Revolution, die Müller (1929-95) in seinem Text thematisiert, um die Französische handelte, attestierte er der DDR einen "Geburtsfehler", an dem der Staat und mit ihm seine Einwohner seit seiner Gründung litten: Durch den Ausgang des Zweiten Weltkrieges musste auf dem Territorium der Sowjetischen Besatzungszone die "sozialistische Revolution" ohne "Auftraggeber" im eigenen Land auskommen.
Knapp 30 Jahre ist dieser Text alt und hat keinerlei Verfallsspuren: Müllers analysiert sprachlich brillant, mit träumerischer Phantasie und intellektueller Weitsicht einen mechanischen Kreislauf in der Weltgeschichte: Die Welt ist überall anders. Fraglich bleibt die Zulässigkeit und der Sinn von Ideologieexport und Missionierung der Welt durch eine politische Weltmacht.


Regie: Peter Dehler Bühne und Kostüme: Hyun Chu
Es spielen: Brigitte Peters, Bettina Schneider, Antje Charlotte Sieglin,
Jochen Fahr, Jakob E.G. Kraze, Stéphane Maeder, Jörg Zirnstein

Kartentelefon: 0385 / 5300 – 123; kasse@theater-schwerin.de
Pressekarten sind unter Tel. 03 85 / 53 00 – 202, Fax 03 85 / 53 00 – 137
oder unter presse@theater-schwerin.de erhältlich.

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