Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Der schöne ScheinDer schöne ScheinDer schöne Schein

Der schöne Schein

"Die Fledermaus" von Johann Strauß in der Deutschen Oper am Rhein

Täuschungen über Täuschungen, Doppelmoral und Betrug. In der Operette „Die Fledermaus“ macht jeder jedem etwas vor, allein die schwungvolle Musik mit Wiener Walzerseligkeit täuscht darüber hinweg und versetzt in Champagnerlaune. Der Schaumwein fließt ja dann auch reichlich auf Orlowskys Fest.

 

Copyright: Hans Jörg Michel

Gern würde man wer anders sein, und ein Kostümfest bietet die ideale Möglichkeit, einmal eine neue Identität anzunehmen. Aber auch das gehört zu dem ausgeklügelten Plan des Dr. Falke, der titelgebenden Fledermaus, der alle Gäste dazu benutzt, um an seinem Freund Gabriel von Eisenstein Rache wegen eines üblen Streichs zu nehmen. Die Intrige, in der auch ein Weltraumbahnhof eine Rolle spielt, nimmt ihren Lauf.

In seiner Inszenierung für die Deutsche Oper am Rhein hat Axel Köhler den Text modernisiert und auch die Rollenzuschreibungen etwas abgewandelt, denn Kammerzofen gibt es heutzutage nicht mehr, sehr wohl aber Reinigungskräfte, die hier noch Putze genannt werden. Kein Wunder also, dass die studierte Haushaltswissenschaftlerin Adele auf dem Fest gerne als Künstlerin auftritt. Statt per Brief wird sie dazu per SMS eingeladen.

Diese „Fledermaus“ ist nicht in Wien, sondern in Düsseldorf verortet und das passt mit all dem Glitzer und Glamour auch hervorragend. Das Ambiente der von Eisensteichschen Wohnung mit Zebrafellbezügen und Kakteensammlung hat etwas Neureiches. Das Gefängnis ist die Justizanstalt NRW, wobei der Gefängniswärter Frosch aber wie eh und je mit Wiener Schmäh auftritt. Es sind auch nicht mehr die spottenden Straßenjungen, die an der Ehre kratzen, sondern die Bilder in der Presse, die blamieren, den Ruf ruinieren und eine Karriere verhindern. Das muss dann auch Gabriel von Eisenstein selbst erfahren, dem es nicht nur an Feingefühl, sondern auch an der Einsicht mangelt, dass er mit seinem Scherz zu weit gegangen und dass die Freundschaft zu Dr. Falke schon lange keine mehr ist.

Die Ausstattung überbietet sich selbst, da wird geklotzt und nicht gekleckert. Wird in den beiden ersten Akten noch mit Ironie das Geschehen geschildert, gesellt sich in dem verwahrlosten Bürozimmer des Gefängnisdirektors auch leise Melancholie dazu.

Unter der Leitung von Péter Halász musizierten die Düsseldorfer Symphoniker schwungvoll ohne in Süßlichkeit zu geraten. Gesanglich und schauspielerisch überzeugt diese Inszenierung auf ganzer Linie, hervorgehoben seien hier besonders Astrid Kessler als Rosalinde und Sophia Theodorides als Adele. Ganz erklärlich ist es daher nicht, dass der Funke nicht so ganz überspringen und sich nicht überschäumender Applaus einstellen wollte.

„Die Fledermaus“
Komische Operette in drei Akten
Text von Richard Genée nach der Komödie „Le Réveillon“ von Henri Meilhac und Ludovic Halévy in der deutschen Bearbeitung von Karl Haffner

Musikalische Leitung: Péter Halász
Inszenierung: Axel Köhler
Bühne und Kostüme: Frank Philipp Schlößmann
Beleuchtung: Volker Weinhart
Chorleitung: Patrick Francis Chestnut
Choreographie: Mirko Mahr
Dramaturgie: Hella Bartnig

Gabriel von Eisenstein: Jussi Myllys
Rosalinde: Astrid Kessler
Gefängnisdirektor Frank: Stefan Heidemann
Prinz Orlofsky: Sarah Ferede
Alfred: David Fischer
Dr. Falke: Jake Muffett
Dr. Blind: Johannes Preißinger
Adele: Sophia Theodorides
Ida: Anna Sophia Theil
Frosch: Wolfgang Reinbacher

Tänzerin
Chin-A Hwang, Tamara Gigauri-Laryea, Nathalie Gehrmann, Birgit Mühlram, Anna Roura-Maldonado, Anna Pawlowa-Lichtenwald, Chiara Jovy, Sofia Klein-Herrero

Düsseldorfer Symphoniker

23.10.2022–24.02.2023

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 17 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

"Krabat", Ballett nach einem Buch von Otfried Preußler von Demis Volpi in der Deutschen Oper am Rhein

Das 2013 in Stuttgart uraufgeführte Handlungsballett „Krabat“ nach dem beliebten Roman von Ottfried Preußler, in dem er eine sorbische Sage verarbeitet, hatte jetzt an der Deutschen Oper am Rhein…

Von: Dagmar Kurtz

Rocky Horror Picture Show trifft auf Homer

Heftiges Klopfen an der Tür. Es ist nicht der verstorbene Komtur, sondern ein junges Paar, das Einlass begehrt. In ihrer Inszenierung des „Don Giovanni“ für die Deutschen Oper am Rhein“ nutzt Karoline…

Von: Dagmar Kurtz

Der schöne Schein

Täuschungen über Täuschungen, Doppelmoral und Betrug. In der Operette „Die Fledermaus“ macht jeder jedem etwas vor, allein die schwungvolle Musik mit Wiener Walzerseligkeit täuscht darüber hinweg und…

Von: Dagmar Kurtz

„Vástádus eana/The answer is land“ von Elle Sofe Sara im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Hoch im Norden Europas lebt das indigene Volk der Samen. Mit ihrer Lebensart beschäftigt sich Elle Sofe Sara in ihrem Stück „Vástádus eana/The answer is land“ jenseits folkloristischer Attitude. So…

Von: Dagmar Kurtz

Nachdenklich, Lebhaft, Wütend, Wehmütig! Ballett am Rhein: „Vier Neue Temperamente“

DIE VIER TEMPERAMENTE George Balanchine PHLEGMATIC SUMMER Michèle Anne de Mey (Uraufführung) SANGUINIC: CON BRIO Demis Volpi (Uraufführung) CHOLERIC Hélène Blackburn (Uraufführung) FROM TIME TO…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑