Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Deutschsprachige Erstaufführung: "Kunstschwimmer" von David Drábek im Staatstheater WiesbadenDeutschsprachige Erstaufführung: "Kunstschwimmer" von David Drábek im...Deutschsprachige...

Deutschsprachige Erstaufführung: "Kunstschwimmer" von David Drábek im Staatstheater Wiesbaden

Premiere: Sonntag, 14. März 2010, 19.30 Uhr, Kleines Haus

 

Für Pavel, Kajétan und Filip gibt es nichts Schöneres als das Schwimmen. Genauer gesagt, das gemeinsame Schwimmen. Und noch genauer: Das Synchronschwimmen.

In regelmäßigen Abständen treffen die drei Freunde sich in einem abgelegenen Schwimmbad und gehen diesem eher ungewöhnlichen Hobby nach. Sie trainieren hingebungsvoll gemeinsame Formationen wie den „Flamingo“, die „Barracuda“ oder den „Albatross“. Die Übungen bieten ihnen Abwechslung vom zumeist unangenehmen Alltag und eine Flucht aus der Realität, die für jeden von ihnen längst zur Enttäuschung geworden ist. Dabei stehen die gemeinsamen Gespräche vor und nach dem Training natürlich mindestens genauso im Vordergrund wie die körperliche Ertüchtigung.

 

Pavel, der ehemalige Dissident, sieht sich in seinem erbitterten Kampf gegen die Kommerzialisierung der Gesellschaft von allen missverstanden. Kajétan moderiert die populäre Reality-Show „Zeigen Sie es ihnen“ und ist eine Art Berühmtheit geworden, fühlt sich angeödet von dem, was er tut. Filip, der sensibelste der Freunde, würde am liebsten ganz im Wasser bleiben – die Welt und die Menschen ergeben für ihn keinen Sinn mehr. Die Stille und Schwerelosigkeit des Wassers sind das Einzige, was für ihn noch Bedeutung hat.

 

Die Situation eskaliert schließlich: Kajétan provoziert während einer Live-Sendung seiner Show eine Prügelei mit einem Zuschauer, Pavel zertrümmert, nachdem seine Frau und sein Sohn ihn verlassen haben, seine Wohnung und Filip schließt sich im Schwimmbad ein, er verlässt das Wasser nicht mehr. Die „Normalität“ jenseits des Wassers ist zunichte geworden.

 

Fern von Macho-Gehabe oder Midlife-Crisis-Befindlichkeiten zeichnet „Kunstschwimmer” sich vor allem durch Leichtigkeit aus, durch einen Humor, der bei der Bewältigung der Enttäuschungen, die das Leben mit sich gebracht hat, hilft, und der häufig einen bitteren, manchmal auch einen zynischen Beigeschmack hat. Die nostalgische Grundstimmung wird von poetischen und surrealen Momenten abgelöst. Den hinreißenden Szenen, wenn die Männer im Schwimmbad mit großem Ernst ihre Formationen üben, stellt Drábek die Szenen aus dem „richtigen“ Leben gegenüber, einem Leben, mit dem sich keiner der drei mehr identifizieren kann.

 

David Drábek (*1970) studierte Theater- und Filmwissenschaft in Olmütz (Olomouc) in Tschechien. Schon in seiner Studienzeit gründete er das Studio „Brennende Giraffe“, das auf modernes Kabarett spezialisiert ist. Von 1996 bis 2001 war er Dramaturg am Mährischen Theater in Olmütz und leitete dort ab 2003 die alternative Bühne „Brennendes Haus“. Zu schreiben begann er bereits 1992, für sein Stück „Jana aus dem Park“ erhielt er den Alfred-Radok-Preis, die höchste Theater-Auszeichnung der Tschechischen Republik. 2003 wurde ihm dieser Preis erneut für „Kunstschwimmer“ verliehen. Die tschechische Uraufführung von „Kunstschwimmer“ wurde 2006 bei der Theaterbiennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA in Wiesbaden gezeigt. Drábeks Texte zeichnen sich durch anekdotische Qualitäten aus. Eine Hauptquelle seiner Inspiration wie seiner Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Gesellschaft sind Film und Fernsehen, deren Stil er in seinen grotesken und kabarettistischen Texten imitiert und parodiert. Sie sind auch Schlüsselthemen seiner Stücke: Kitsch, die Medienwelt, die kommerzielle Massenkultur. Als Autor, Regisseur und Dramaturg arbeitet Drábek vor allem für die Theater in Hradec Králové und Ostrava.

 

Ein besonderes Bonbon: Der Autor wird extra zur Premiere am kommenden

Sonntag anreisen.

 

Inszenierung Tilman Gersch

Bühne Andreas Auerbach

Kostüme Jelena Miletić

Dramaturgie Anika Bárdos

 

Mit: Michael Birnbaum (Filip), Michael Günther (Kajétan), Lars Wellings (Pavel), Evelyn M. Faber (Markéta/Frau Magda), Verena Güntner (Edita), Michael von Bennigsen (Ivan/Simon/Frau Magdas Sohn)

 

Weitere Vorstellungen:

Freitag, 19. März, Mittwoch, 24. März, Mittwoch 31. März 2010

jeweils um 19.30 Uhr im Kleinen Haus

 

 

 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 19 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Nachdenklich, Lebhaft, Wütend, Wehmütig! Ballett am Rhein: „Vier Neue Temperamente“

DIE VIER TEMPERAMENTE George Balanchine PHLEGMATIC SUMMER Michèle Anne de Mey (Uraufführung) SANGUINIC: CON BRIO Demis Volpi (Uraufführung) CHOLERIC Hélène Blackburn (Uraufführung) FROM TIME TO…

Von: Dagmar Kurtz

Hinter der Bühne

Adriana ist der gefeierte Star der Schauspielbühne. Aber auch Ruhm und Anerkennung schützen nicht davor, hintergangen zu werden. Und wenn zwei Frauen denselben Mann lieben, sind Eifersucht, Intrige…

Von: Dagmar Kurtz

Wie absurd ist das denn?

Die Volksbühne in Berlin kommt mit einer Uraufführung namens „SMAK! SuperMacho AntiKristo“ heraus, einer „hyperhybriden Hommage an den französischen Symbolisten Alfred Jarry“ und allerlei Anderes.  

Von: Stephan Knies

Zwei Außenseiter - "I am a problem" in der Deutschen Oper am Rhein: "Carmen“ "von Roland Petit und "Baal" von Aszure Barton

Der Kontrast könnte stilistisch nicht größer sein zwischen den beiden Choreografien, die an der Deutschen Oper am Rhein in „I am problem“ zu sehen sind. Und doch haben sie etwas gemeinsam, sie zeigen…

Von: Dagmar Kurtz

Ich hoffe, es wird recht lebendig

Die Zeit spricht eigentlich für eine neue Premiere der „Hedda Gabler“: In den nunmehr bald zwei Jahren der Beschränkungen haben so viele von uns die eigenen Lebensentwürfe grundsätzlich in Frage…

Von: Stephan Knies

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑