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Die ersten Schauspielpremieren der neuen Spielzeit im Staatstheater Wiesbaden

1."Glaube Liebe Hoffnung" von Ödön von Horváth

Premiere: Freitag, 25. September 2009, 19.30 Uhr, Kleines Haus

2. "Romeo und Julia" von William Shakespeare

Premiere: Samstag, 26. September 2009, 19.30 Uhr, Großes Haus

3. "Offene Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo

Premiere: Sonntag, 27. September 2009, 20.00 Uhr, Wartburg

 

 

 

1. "Glaube Liebe Hoffnung" von Ödön von Horváth

 

Inszenierung Manfred Beilharz

Bühne und Kostüme Bernd Holzapfel

Dramaturgie Dagmar Borrmann

 

Mit: Verena Güntner (Elisabeth), Sebastian Münster (Ein Schupo, Alfons Klostermeyer), Rainer Kühn (Präparator), Franz Nagler (Oberpräparator / 3. Schupo), Michael Günther (Baron mit Trauerflor / Kamerad), Evelyn M. Faber (Irene Prantl / Arbeiterfrau), Monika Kroll (Frau Amtsgerichtsrat), Uwe Kraus (Herr Amtsgerichtsrat / Invalide / Vizepräparator (5. Bild)), Eva-Maria Damasko (Maria), Sebastian Muskalla (Kriminaler / Oberinspektor / Vize-präparator (1. Bild) / Lebensretter Joachim)

 

Horváths Stück beruht auf einem authentischen Fall, den ihm der Gerichtsreporter Lukas Kristl 1932 erzählte: eine junge Frau gerät wegen der sogenannten „kleinen Paragrafen“ in eine soziale Abwärtsspirale. Horváth griff diese Anregung auf. Sein Stück ist dennoch kein Dokumentardrama, sondern ein tragikomisches Werk von überzeitlicher Gültigkeit. Die Aus-wirkungen der Weltwirtschaftskrise im Übergang zur Herrschaft der Nationalsozialisten ge-ben für „Glaube Liebe Hoffnung“ lediglich die Folie ab. Horváth zielt vielmehr auf das Exem-plarische solch einer „Karriere nach unten“, deren Auslöser ein ganz geringfügiger Anlass ist. Eine „Notlüge“ bringt Elisabeth ins Gefängnis, die Vorstrafe versetzt sie ins soziale Abseits.

 

Dabei ist Elisabeth eigentlich ein grundoptimistischer Mensch. Selbstbewusst und burschikos trotzt sie den kleinen und großen Miseren des Lebens. „Mir graust es noch lange vor nichts“ sagt sie, und versucht, dem Anatomischen Institut ihren Körper schon zu Lebzeiten zu ver-kaufen, weil sie das Geld dringend braucht. Der Präparator weist das zurück, borgt ihr aber das Geld. Als er erfährt, dass sie ihm den wahren Verwendungszweck verschwiegen hat, zeigt er sie an.

 

Nachdem Elisabeth ihre Gefängnisstrafe verbüßt hat, lernt sie den Polizisten Alfons kennen und verliebt sich in ihn. Mit ihm scheint sich ihr Schicksal zum Guten zu wenden. Doch Al-fons bleibt ihre Vorstrafe nicht lange verborgen; er bricht die Beziehung ab. Elisabeth sieht keinen Ausweg mehr.

 

Horváth versteht es, seine Figuren mit subtiler sprachlicher Meisterschaft zwischen Schein und Sein, zwischen nacktem Ego und vorgetäuschter Selbstlosigkeit, zwischen sozialem Kitsch und kalter Realität durchschaubar zu machen, ohne sie jemals bloß zu stellen. Er be-schreibt Figuren, die in der Krise mit allen Mitteln um ihre Existenz ringen – und dieser Kampf hat nicht nur tragische, sondern auch komische Seiten - bis hin zur Groteske und zum Schwank. Die Inszenierung liegt in den Händen des Intendanten Manfred Beilharz, der im Schauspiel zuletzt erfolgreich Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ inszenierte.

 

Weitere Vorstellungen:

Mi 30.9. um 19.30 Uhr im Kleinen Haus

 

 

2. "Romeo und Julia" von William Shakespeare

Deutsch von Thomas Brasch

 

Inszenierung Tilman Gersch

Bühne und Kostüme Miriam Grimm

Musik Fred Kerkmann

Dramaturgie Carola Hannusch

 

Mit: Michael von Burg (Romeo), Friederike Ott (Julia), Jörg Zirnstein (Bruder Lorenzo), Michael Birnbaum (Mercutio), Michael von Bennigsen (Benvolio), Lars Wellings (Tybalt), Jürg Wisbach (Capulet), Susanne Bard (Lady Capulet), Benjamin Krämer-Jenster (Montague), Florian Thunemann (Graf Paris), Doreen Nixdorf (Amme), Tobias Randel (Peter)

 

Romeo, Sohn des Montague, verliebt sich in Julia, Tochter des Erzfeindes Capulet. Es ist Liebe auf den ersten Blick – und schon ein Blick zuviel. Denn zu groß ist der Hass zwischen den beiden Familien, als dass eine Verbindung möglich wäre. Die jungen Liebenden aber geben nicht auf und heiraten heimlich. Als jedoch die Fehde neu entbrennt und Romeo in der Hitze des Gefechts selbst zum Mörder und darauf¬hin verbannt wird, steht die junge Liebe vor dem endgültigen Aus. Noch dazu, weil Julia die Zwangsheirat mit dem Grafen Paris droht. Bruder Lorenzo hat eine wag¬halsige Idee, dies zu verhindern und Zeit zu gewinnen. Doch der Plan misslingt. Romeo und Julia werden erst im Tode wieder vereint sein.

 

Romantisch und wild, tragisch und komisch, anrührend und spannend – eine bunte Gefühls-palette bietet William Shakespeare in seiner 1597 veröffentlichten Tragödie, die sich zur wohl berühmtesten Liebesgeschichte der Weltliteratur entwickelt hat. Verständlicherweise, denn wie hier Liebe, Hass, Macht und Tod zu einer dramatischen Geschichte verflochten werden, ist wahrlich meisterhaft. Und es ist zeitlos. Nach wie vor rebellieren junge Menschen gegen eine „erwachsene“ Welt der Macht und Profitorientierung. Sie setzen in einer Phase persön-licher Orientierungslosigkeit Gefühle gegen Kalkül, Leidenschaft gegen Pragmatismus. Lei-der scheitert ihr romantischer Traum oft der unbedingten Liebe an der bitteren Wirklichkeit.

 

Die Liebe von Romeo und Julia erblüht (und erstirbt) in der Inszenierung von Tilman Gersch in einer kühlen Eislandschaft (Bühnenbild: Miriam Grimm): mächtig-schön und todeskalt zu-gleich. Selbst hier, am Ende der Welt, regiert jener Hass, der aus Ansprüchen und Machtge-lüsten entsteht. Es ist schwer für die Heranwachsenden, in dieser Kälte etwas zu fühlen; Frust mündet in Gewaltausbrüchen oder Todessehnsüchten. Romeo und Julia aber setzen der Gefühlskälte ihrer Umgebung ein radikales Programm der reinen Gefühle entgegen. Doch ihre Sehnsucht nach tiefer Liebe wird zu einer gefährlichen Expedition. Die poetischen Liebesschwüre des jungen Paars könnten Eisberge zum Schmelzen bringen; an der Mauer zwischen den verfeindeten Familien prallen sie jedoch wirkungslos ab. Erst am Grab der Kinder reichen die Eltern einander die Hände. Ein zu später Triumph der Liebe.

 

Regisseur Tilman Gersch ist fester Regisseur am Staatstheater Wiesbaden und Mitglied der Schauspielleitung. In Wiesbaden hat er u.a. Shakespeares „Was ihr wollt“, Kleists „Die Fami-lie Schroffenstein“‚ „Nathan der Weise“ von Lessing sowie in der letzten Spielzeit Dea Lohers „Das letzte Feuer“ inszeniert. Tilman Gersch arbeitet u.a. in Dresden, Leipzig und Göttingen und Schwerin.

 

 

3. "Offene Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo

Deutsch von Renate Chotjewitz-Häfner

 

Inszenierung Tobias Materna

Bühne und Kostüme Till Kuhnert

Musik Ernst August Klötzke

Dramaturgie Anika Bárdos

 

Mit Franziska Werner und Wolfgang Böhm

 

Das italienische Theatertraumpaar Franca Rame / Dario Fo hat mit „Offene Zweierbezie-hung“ eine pointenreiche Farce geschrieben, die den Geschlechtern – dem starken wie dem schwachen – einen höchst amüsanten und gleichzeitig bitterbösen Beziehungsspiegel vor-hält. Da wird, angeblich zur Rettung der schwer beschädigten Ehe, die offene Zweierbezie-hung ausgerufen. Jeder darf alles. Mit jedem, bzw. jeder. Doch im Gegensatz zu ihrem Mann leidet Antonia bis zur Selbstzerstörung unter dessen Eskapaden. Bis sie selbst auf den Ge-schmack kommt: Eigene Wohnung, eigener Job, eigener Liebhaber, und – wer hätte das gedacht? – der Spieß sich umdreht.

Tobias Materna, der ehemalige Leiter der Wartburg und Regisseur von u.a. „Stairways to Heaven“, „Funkenflug“ und „Clockwork Orange“, inszeniert den Komödienklassiker rasant, modern und spielerisch mit allen Mitteln des Theaters. Franziska Werner und Wolfgang Böhm spielen das Paar zwischen vermeintlicher Toleranz und rasender Eifersucht, zwischen Theorie und Praxis von Beziehungsalltag und Ehe-Showdown auf der Suche nach der Ant-wort auf die Frage, wie offen eine Beziehung wirklich sein kann – wenn überhaupt. Während nebenbei sehr unterhaltsam mit der Illusion des Theaters gespielt wird, bleibt bei der deftig-ironischen Abhandlung mit einem derart zeitlosen Thema natürlich kein Auge trocken.

 

 

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