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"Southern Comfort" von Gregory Maqoma und "Bound" von Sidi Larbi Cherkaoui im Tanzhaus NRW Düsseldorf

Das Licht ist nicht richtig, der Tanzpartner bewegt sich nicht schnell genug, die drei Musiker machen nicht, was sie sollen. Shanell Winlock hat viel zu tun, um die Männer in Gregory Mansons Stück "Southern Comfort" dazu zu bewegen, ihren Anweisungen für die Probe einer Choreographie zu folgen. Ihr ständiges Herumgenörgle und ihren Kommandoton haben sie schnell leid. Anfangs sind die Versuche sich zu entziehen, noch harmlos, aber zunehmend macht sich Aggression breit, bis ihre Autorität schließlich ganz zum Erliegen kommt und alle ihr die Mitarbeit aufkündigen. Gregory Maqomas "Southern Comfort" ist ein wunderbar humorvolles Stück, dessen Heiterkeit sich unmittelbar auf den Zuschauer überträgt, wozu auch die kluge Musikbegleitung mit Tabla, Cello und Gitarre beiträgt. Die wirkliche Kunst des Stückes liegt aber darin, es nicht nur bei Heiterkeit zu belassen, sondern auf einer tieferen Ebene auf Rollenkonflikte hinzuweisen, die sich daraus ergeben, wenn eine Frau die Chefin spielt. Wobei die Entzugsmechanismen sicherlich bei einem männlichen Vorgesetzten dieselben sind. Für diese gelungen Parodie einer Tanzprobe gab es erwartungsgemäß begeisterten Applaus.

 

Nach der Pause war das gleiche Team mit Shanell Winlock und Gregory Maqoma (und den drei Musikern) in Sidi Larbi Cherkaouis "Bound" zu sehen. Auch hier ist das Thema das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Seile dienen dabei als Mittel das Beziehungsgeflecht zu verdeutlichen. Das Seil als Accessoire, als Fessel, die man sich selbst auferlegt, die der andere einem auferlegt, aus der man sich befreit, als Heimat, Schutz und Haus, als Kind, als Nebenbuhlerin, als verlassenes Haus, das auf einmal so leer wird, dass man sich selbst nicht wiederfindet. Cherkaoui findet eindringliche und zugleich zauberhafte Bilder für Emotionen, Wünsche und Sehnsüchte. Der wahre Zaubertrick besteht aber darin, dass er mit seiner Seilästhetik den Zuschauer dermaßen zu fesseln vermag, dass dieser gerne noch länger in dieser Bannung verharren möchte.

 

Beide Choreographien sind ein großer Wurf. Unbedingt sehenswert!

 

Konzept, Choreografie: Sidi Larbi Cherkaoui („Bound”) & Gregory Maqoma („Southern Comfort”); Materialsammlung, Tanz: Gregory Maqoma & Shanell Winlock („Bound“, „Southern Comfort“); Lichdesign: Willy Cessa („Bound”); Fabiana Piccioli („Southern Comfort”); Musik: Stefan Knapik (Cello), Giuliano Modarelli (Gitarre), Manjunath B. Chandramouli (Percussion).

 

Juni 2011

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