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Giuseppe Verdis "Il trovatore" in Dresden

Premiere Sa 11.Oktober 2008, 18.00 Uhr in der Semperoper

 

Der alte Graf Luna hatte zwei Söhne. An der Wiege des Jüngsten stand eines Tages eine Zigeunerin. Danach wurde der Junge krank. Die Zigeunerin starb als Hexe auf dem Scheiterhaufen.

 

Sie hatte eine Tochter, die ihr Rache schwor. Der jüngste Sohn Lunas verschwand. In der Asche des Scheiterhaufens fand man Spuren eines Kindes. Der Vater starb mit der Hoffnung, dass dieser Sohn lebt und trug dem älteren auf, Bruder und Zigeunerin zu finden. «Sie erschien in Gestalt eines Uhus. Mit glühenden Augen schaute sie und ließ den Himmel durch einen tödlichen Schrei erzittern. Gerade als die Glocken Mitternacht schlugen!» Eine Glocke läutet Mitternacht. Sie holt die Schauergeschichte hinüber in die Gegenwart.

 

Die Vergangenheit ist lebendig geworden und alles, was sich von nun an ereignet, wurzelt in ihr. Die Hofdame Leonore und der Troubadour Manrico, Sohn der Zigeunerin Azucena, lieben sich. Der junge Graf Luna begehrt Leonore zur Frau. Manrico und Luna werden Todfeinde im Krieg und im Kampf um Leonores Liebe. Luna verhaftet Azucena und Manrico. Sie sollen gemeinsam sterben. Um Manrico zu retten, verspricht Leonore Luna die Ehe und bringt sich um. Der Betrogene lässt Manrico vor den Augen Azucenas töten. Sie schleudert ihm entgegen, dass Manrico sein Bruder war. «Du bist gerächt, o Mutter!»

 

Diese Handlung hat einen historischen Hintergrund. Die Figurenprofile von Luna und Manrico prägen geschichtliche Persönlichkeiten, ohne dass sie diesen in Rang und Namen entsprechen. Im Juni 1411 tobte in Spanien einer der zahlreichen Bürgerkriege in der Landesgeschichte. Fernando, Infant des Hauses Kastilien, und Graf Jaime aus dem Hause Urgel kämpften um die Thronfolge Aragons. Urgel unterlag und geriet in Gefangenschaft. In dem Drama «El Trovador» von Antonio García Gutiérrez, das Verdis «Il trovatore» zugrunde liegt, ist Graf Luna Fernandos Statthalter und militärischer Befehlshaber.

 

«Il trovatore» ist dennoch kein Historiendrama und zu der Zeit, in der die Vorgeschichte einsetzt, gab es die Zigeuner in Spanien noch nicht und die Troubadoure nicht mehr. In einem historisch fixierbaren Krieg findet ein fiktives Liebes- und Rachedrama statt.

 

Situationen persönlicher Verstrickungen, in denen alle schließlich zugrunde gehen, werden ausgetragen. Von dazwischen liegenden Ereignissen wird berichtet, so dass die Vorgänge ortbar sind. Liebe, Missverständnisse, Vorurteile und Hass machen das Schlachtfeld der Machtkämpfe zum persönlichen Schlachtfeld der Affekte. Der präsente Bürgerkrieg bekommt ein unheroisches Gesicht. Vor dem Hintergrund eines Thronfolgekrieges stehen gesellschaftliche Außenseiter, Etablierte und ihre Leidenschaften.

 

Die Frauengestalten handeln innerhalb einer patriarchischen Ordnung. Azucena spielt sie aus und macht leichte Beute. Wenngleich ihr die Erfüllung des Racheschwurs nicht leicht fällt. Sie ist Manrico eine liebende Mutter. Entschieden ausgeprägter, als es bei den Männerfiguren der Fall ist, trägt sie die Vorliebe für Doppelgesichtigkeit und Persönlichkeitsspaltung in den literarischen Stoffen des 19. Jahrhunderts in sich. Sie hätte Manrico retten können mit der rechtzeitigen Aufklärung seiner Herkunft.

 

Leonore bleibt in ihrer liebenden Aufrichtigkeit chancenlos. Manrico verdächtigt sie der Untreue, und Luna will sie zwingen. Mit ihrem frühen Selbstmord gibt sie Manrico den eigentlichen Todesstoß.

 

Die eine Frau handelt zu spät, die andere zu früh, womit sie gemeinsam – gewollt bzw. ungewollt – die Katastrophe perfekt machen.

 

Die züngelnden Flammen des Scheiterhaufens stehen Azucena unentwegt vor Augen. Wie ein Sinnbild für die aus Unwissenheit und Intoleranz in Flammen geratene Welt. Es war nicht die Hexe, die Unheil und Tod mit sich brachte.

 

Musikalische Leitung Fabio Luisi

Inszenierung Michael Hampe

Bühnenbild und Kostüme Carlo Tommasi

Licht Jan Seeger

Choreinstudierung Ulrich Paetzholdt

Dramaturgie Ilsedore Reinsberg

 

Besetzung:

Leonore Marina Mescheriakova

Inez Andrea Ihle

Graf von Luna Roberto Frontali

Ferrando Georg Zeppenfeld

Azucena Andrea Ulbrich

Manrico Carl Tanner

Ruiz Timothy Oliver

Ein alter Zigeuner Rainer Büsching

Ein Bote Angelo Antonio Poli

Es singt der Staatsopernchor

Es spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden

 

Weitere Vorstellungen

11.10.2008 Samstag 18:00

14.10.2008 Dienstag 19:00

17.10.2008 Freitag 19:00

19.10.2008 Sonntag 19:30

22.10.2008 Mittwoch 19:00

25.10.2008 Samstag 19:00

 

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