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Ich hoffe, es wird recht lebendig

Das Theater Ulm versinkt mit „Hedda Gabler“ kollektiv in Agonie

Die Zeit spricht eigentlich für eine neue Premiere der „Hedda Gabler“: In den nunmehr bald zwei Jahren der Beschränkungen haben so viele von uns die eigenen Lebensentwürfe grundsätzlich in Frage stellen müssen, da sollte Hendrik Ibsens Bildungsbürger-Dauerbrenner zum Thema viele Aha-Momente schaffen. Und wenn man das – à propos Beschränkungen – mit 50% ausverkaufte große Haus am Theater Ulm betritt, sieht man sofort: das kann ein toller Abend werden.

 

Copyright: Mark Lontzek

Das großartige

Bühnenbild

von Susanne Harnisch jedenfalls gibt dazu den perfekten Rahmen – das Innere einer zeitlos edlen Designer-Villa, mit Holz, Glas und vermeintlicher Weite, in der jede Figur im zentralen Salon schutzlos unseren Blicken ausgeliefert ist. (Susanne Weiskes Kostüme, so wird sich später zeigen, liefern den Rollen die nicht minder gelungene Haut). Und dann?

Dann geht leider das Licht aus – und eine schier unglaubliche Agonie nimmt vier Akte lang ihren Lauf. Im Drama um die femme fatale Hedda, gelangweilte Tochter aus bestem Hause, die aus Feigheit dem rechtschaffenen und eben langweilenden Kulturwissenschaftler Jørgen Tesman die Ehe gewährt hat, gibt es ja etliche eigentlich schwer zu verfehlende Wendepunkte. Zum Beispiel, wenn der Nebenbuhler um Job und Frau, Eilert Løvborg, ohne Vorwarnung alle Masken fallen lässt und frei heraus sagt: Ich will dich besiegen in der öffentlichen Meinung. Wenn Hedda beschließt, ihn zu zerstören, schlicht indem sie ihn als soeben nicht mehr trockenen Alkoholiker zu Richter Bracks Party schickt. Alleine schon, wenn sie beschließt, Tante Tesman zu beleidigen.

An diesem Abend passiert an derlei Punkten: nichts. Timing, Temperatur, Tonfall bleiben zäh wie überall sonst auch. Will Regisseur Andreas Nathusius den Stillstand in Heddas Seele pauschal zeigen, ist das das Konzept? Wenn ja, ist dann so Kleinkram wie Entwicklung, Fallhöhe, Zuspitzung (hey, es wird drei Tote geben!) nicht auch nötig, um zweieinhalb Stunden Weltliteratur gelungen zu servieren?

Die Schauspielerinnen und Schauspieler wirken völlig auf sich gestellt, alleine gelassen mit sich und jeweils einer einzigen Schrulle. Die so wundervoll elegant gewandete Maria Luisa Kerkhoff in der Titelrolle muss in Stimme und Bewegungen hauptsächlich Phlegma zeigen, Maurizio Miksch als Tesman ausschließlich grenzenlose Naivität, in der nichtmal dem berühmten Tick, ein „was?“ an jeden Satz dranzuhängen, irgendeine Ausgestaltung zuteil wird, und Alexandra Ostapenko als Thea muss so verspannt rumlaufen, dass man ihr weder die Sorge um Løvborg noch die Bewunderung für ihn abnimmt. Und dieser selbst (Frank Röder) lässt aber auch gar nichts von der genialisch-animalischen Energie erkennen, die das Stück doch eigentlich vorantreibt.

Was ist da passiert? Zum Glück gibt es Markus Hottgenroth als Richter Brack. Auch er hat mit der dirty-old-man-Zunge im Mundwinkel einen Tick zu spielen, aber er setzt sich souverän darüber hinweg, stemmt alleine den Rhythmus der Szenen, in denen er auf der Bühne ist, zeigt sich als Einziger jederzeit glaubhaft, souverän und dabei differenziert. Und deshalb ist es nur stimmig, dass er ganz zum Schluss für die sogar hier verunglückte Regie einspringt und dem Publikum signalisiert, wann das Stück zu Ende ist und es seinen höflichen, ratlosen Applaus abliefern darf. Vor seiner Party wünscht sein Brack sich ja: Ich hoffe, es wird recht lebendig. Das kriegt er sicher dann bei der nächsten Premiere.

Hedda Gabler
von Hendrik Ibsen
Inszenierung: Andreas Nathusius, Bühne: Susanne Harnisch, Kostüme: Susanne Weiske, Licht: Johannes Grebing, Dramaturgie: Christian Katzschmann.
Mit: Maurizio Miksch, Maria Luisa Kerkhoff, Anne Simmering, Alexandra Ostapenko, Markus Hottgenroth, Frank Röder.
Premiere am 13. Januar 2022
Dauer: 2 Stunde 25 Minuten, eine Pause

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