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"Orfeo ed Euridice" von Christoph Willibald Gluck in Insbruck

Premiere am Samstag, 3. März 2007, 19.30 Uhr im Tiroler Landestheater, Großes Haus.

Die Gestalt des Sängers Orfeo, eine der tragischsten der griechischen Mythologie, inspirierte durch alle Jahrhunderte hindurch Künstler immer wieder zu neuen Werken. Auch Gluck und der Librettist Calzabigi griffen in ihrer Bearbeitung (Uraufführung 1762 in Wien) auf die bekannte Geschichte zurück, um die im Erstarren begriffene opera seria des 18. Jahrhunderts, deren Schema die Libretti Metastasios entscheidend geprägt hatten, zu erneuern.

 

Die Stoffwahl ist nicht verwunderlich, steht doch die überwältigende Macht der Musik in diesem Werk im Vordergrund. Denn Orfeo überwältigt die Götter der Unterwelt nicht allein aufgrund seiner Trauer, sondern vor allem durch seinen Gesang, in den er diese Trauer einfließen läßt.

 

Mit diesem Werk, das zum ersten Mal in der Operngeschichte kein Auftragswerk war, leiteten Gluck und Calzabigi die wohl bedeutendste Opernreform ein. Die Figuren sollten „wahrhaft menschlich“ agieren und entgegen der Konvention keine Abziehbilder der aristokratischen Gesellschaft oder mythische Figuren mehr sein. Gemäß der französischen Aufklärung sollten Natürlichkeit, Einfachheit und menschliche Empfindung vorherrschen. Das Libretto verzichtet daher auf Nebenfiguren und beschränkt die Handlung auf wesentliche Szenen. Gluck und Calzabigi distanzieren sich mit dieser neuen Form ebenfalls von den antiken Dramen, indem sie die Überzeugung demonstrieren, daß einem scheinbar unabwendbaren Schicksal durch die Kraft des Individuums zu entrinnen ist. So gewinnt auch das „lieto fine“, der von der antiken Vorlage abweichende glückliche Ausgang, seinen Sinn und ist mehr als ein bloßes Zugeständnis an die Opernkonventionen.

In seiner Musik beschritt Gluck neue Wege, indem er sich gegen die bis dato übliche Verzierungskunst wandte. Er vertrat die Auffassung, Musik als Sprache der Natur zu sehen und schrieb Melodien von berückender Einfachheit und Schönheit, die die innere Befindlichkeit der Figuren ganz direkt und unverstellt zum Ausdruck bringt. Das Ballett gewann ebenfalls an Bedeutung und wurde zum integrierenden Bestandteil des Werkes, ebenso wie der Chor, der neben den drei Solosängern als weiterer wichtiger Handlungsträger fungiert.

 
Der Sänger Orfeo und seine Frau Euridice sind Teil einer Versuchsanordnung, in welcher der Frage nachgespürt werden soll, welche Kraft die Liebe hat. Euridice wird ihm geraubt, doch Orfeo bekommt die Chance, sie wiederzugewinnen.

 
Gelehrte, Wissenschaftler, Ärzte, Götter in Weiß befinden sich in einer heftigen Diskussion. Die einen sind sich sicher, er werde sich nicht umdrehen, auch Liebe kann geplant werden. Die anderen: wer so stark liebt, daß er alle Prüfungen besteht, der kann dann nicht widerstehen.

Es gibt Freiheiten, die die Menschen niemals nutzen können. Dies sagen sie ohne ein Risiko, mit einem Lächeln. Die einen verhöhnen den göttlichen Funken. Kunst ist seit jeher Menschenwerk. Sonst hätte Gott es sich zunutze gemacht. „Ketzerei“, schreien die anderen. In der Kunstbegabung des Menschen zeigt sich die Offenbarung des Göttlichen.


Orfeo begreift: Euridice ist für ihn verloren. Plötzlich ist er sich seiner starken Liebe wieder ganz bewußt. Das Alltägliche hatte es zu oft verschüttet. Erinnerungen quälen Orfeo. Wieviele Momente im Leben hat es gegeben, in denen er Euridice nicht angesehen hat. Nur noch einmal nicht hinzuschauen muß funktionieren…


Inszenierung & Choreographie: Birgit Scherzer; Musikalische Leitung: Nikolaus Netzer; Bühne: Manfred Gruber; Kostüme: Alexandra Bentele; Choreinstudierung: Nikolaus Netzer

 
Mit:

Euridice

Christine Buffle / Anja Scholz

Orfeo

Eva Vogel

Amore

Renate Fankhauser / Debra Fernandes

 

Tiroler Symphonieorchester Innsbruck; Chor des Tiroler Landestheaters; Tanztheaterensemble des TLT

 

Weitere Vorstellungen:

März: 8., 14., 18., 23.

April: 19., 22.

Mai: 3., 20., 23., 25.

 

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