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Schauspiel bei den Bregenzer Festspielen 2008

Josefstadt im Theater am Kornmarkt, Thalia Theater Hamburg im Shed8

"Die Buddenbrooks" und "Die Welt zu Gast bei reichen Eltern"

 

Macht und Familie, Patriarchat und Kapitalismus, Leben oder menschenverachtende Ökonomie – diese Fragen bestimmen das Schauspielprogramm der Bregenzer Festspiele 2008.

Die Firma ist die Familie

Theater in der Josefstadt mit Manns Buddenbrooks

Das Wiener Theater in der Josefstadt, im vergangenen Sommer mit Gefährliche Liebschaften in Bregenz sehr erfolgreich, gastiert ab 16. August 2008 mit einer Premiere im Theater am Kornmarkt: Auf dem Programm steht die Theaterfassung von Thomas Manns berühmtem Roman Buddenbrooks, der über vier Generationen hinweg den Aufstieg und Niedergang der Kaufmannsfamilie Buddenbrook schildert. Die Handlung des Buchs, das Mann 1929 den Nobelpreis für Literatur einbrachte, orientiert sich stark an Personen und Ereignissen aus Manns eigener Familiengeschichte und -tradition.

 

Schon der Untertitel des Roman "Verfall einer Familie" offenbart das dominierende Motiv der Buddenbrooks: Die zu Beginn so glänzend dastehende Familie verliert im Lauf der Jahrzehnte ihr Geld, ihre Macht und ihr Ansehen. Tatkraft und heiterer Unternehmensgeist schwinden von Generation zu Generation, dem persönlichen Verfall der Familienmitglieder geht der ökonomische Niedergang der Firma Buddenbrook voran, den die Geschwister Thomas, Christian und Tony nicht aufhalten können. Denn sie sind zwar reich, doch es lastet auch ein Credo auf ihnen, das ihnen von Kindheit an eingeimpft wurde: Die Familie ist die Firma und die Firma ist die Familie.

 

Geld - oder Leben?

Wieder und wieder wird das Vermögen bilanziert – ob Beerdigung, Verlöbnis oder Berufswahl, alles ordnet die Familie den Zahlen unter. Jede familiäre Entscheidung gerät zur geschäftlichen Transaktion. Dadurch stürzen die jeweiligen Patriarchen aber nicht nur ihre Kinder und Enkel ins Unglück – auch sie selbst leiden an ihrer Rolle, die sie zwingt, jegliche persönliche Neigungen zugunsten des "Geschäfts" zu verleugnen. Um das Unternehmen zu retten, heiratet Tony einen ungeliebten Bankrotteur, dem hypochondrischen Bohemien Christian bleibt nichts anderes übrig, als in die Firma einzutreten, und der innerlich zerrissene Thomas zwingt sich vergeblich dazu, die Rolle des rücksichtslosen Familienoberhaupts zu übernehmen.

 

Manns Jahrhundertroman liest sich wie eine exemplarische Verfallsgeschichte bürgerlicher Werte, die in grandioser Schärfe die Krankheit des kapitalistischen Jahrhunderts in seiner Wurzel diagnostiziert: Das Diktat der Ökonomie. Denn die Buddenbrooks sind nicht nur eine Familie, sie sind auch ein Unternehmen, und müssen daher als solches geführt werden. Sie zerbrechen schließlich am Widerspruch zwischen dem Grenzen sprengenden Organismus des Lebens und dem Zwang der wirtschaftlichen Notwendigkeit.

 

Dem renommierten Dramatiker und Romancier John von Düffel ist es in seiner Bearbeitung des Romans gelungen, den ungeheuren Stoff der Buddenbrooks auf das Schicksal weniger Personen zu verdichten, und damit ein eigenständiges und höchst bühnenwirksames Stück zu schaffen, das dennoch den Geist Thomas Manns atmet. Die Inszenierung der Buddenbrooks übernimmt Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, es spielen bekannte Schauspieler und Publikumslieblinge wie Sandra Cervik, Sona MacDonald, Toni Slama und Gabriel Barylli. Premiere ist am 16. August 2008.

 

 

 

Wie normal ist das Normale?

Thalia mit "Die Welt zu Gast bei reichen Eltern" im Shed8

Prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse sind das Thema des preisgekrönten deutschen Regisseurs und Dramatikers René Pollesch. Das Hamburger Thalia Theater gastiert im Sommer 2008 mit seinem neuesten Werk Die Welt zu Gast bei reichen Eltern im Shed8, einem Theaterabend über die Widersprüche der Familie in Zeiten eines unbegrenzten Kapitalismus.

 

Theorie als Steinbruch

Der 45jährige Pollesch verquickt in seinen atemlosen Theaterperformances das Ethos eines ungerührten Gesellschaftsbeobachters mit der Verve des Globalisierungskritikers: Seine selbst geschriebenen Stücke leben von der Ausschlachtung der Soap- und Fernsehwelten, er hinterfragt die "Normalität des Normalen" und demaskiert sie als Problem. Was uns selbstverständlich erscheint, wird von Pollesch auf seine Konstruktion hin untersucht. Er verwendet die Gesellschaftstheorien des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit seinen Schauspielern sozusagen als Steinbruch, als Werkzeuge, um damit die eigene Existenz besser oder anders bearbeiten zu können. "Wir wollen die Dinge, die verschwiegen werden und unter den Tisch fallen, auf die Bühne bringen. Deshalb bin ich gegen Klassiker, gegen das Geronnene", so Pollesch.

 

Schauspieler als Ko-Autoren

Den Schauspielern liefert der Dramatiker keine fertigen Texte, sondern nur eine Art "Partitur der Inszenierung". Jeder von ihnen hat das Recht, Sätze zu streichen oder zu verändern. So werden die Schauspieler zu Ko-Autoren: Weder spielen sie eine Rolle im herkömmlichen Sinn, noch müssen sie versuchen, möglichst authentisch zu sein. Und plötzlich ist auf der Bühne vieles möglich. Noch einmal René Pollesch: "Im Theater ist alles möglich, nur keiner traut sich das. Keiner bringt eine Premiere mit einer ungesicherten Kommunikation heraus, wo man nicht genau weiß, ob die Zuschauer dieses oder jenes entschlüsseln werden. Wenn ich sicher bin, dass die Zuschauer mich verstehen werden, wage ich nichts."

 

Dementsprechend schwierig ist es aber auch, vor der Uraufführung etwas über das jeweilige Werk des Dramatikers zu sagen oder zu erfahren: "Ich habe irgendwann gelernt, mit Texten, an denen ich gerade schrieb, und nicht mit fertigen Stücken zur ersten Probe zu kommen", sagt René Pollesch. "Das ging durch mein Vertrauen in die Schauspieler. Also kein Meisterwerk abliefern zu müssen zu Beginn der Proben, sondern erst an deren Ende. Wo das nicht mehr so große Autorität auf uns ausübt, wie das der Text im Theater normalerweise tut. Wir wollen keine Sklaven einer Theater-Literatur-Praxis sein. Das bekommt auch dem Ergebnis, wenn da nicht Erfüller und Dienstleister auf der Bühne stehen, sondern autonome Künstler."

 

 

Schauspiel am Kornmarkt und im Shed8

Theater in der Josefstadt

Thomas Mann: Die Buddenbrooks

Schauspiel von John von Düffel nach Thomas Mann

Premiere: 16. August 2008 – 19.30 Uhr

Weitere Aufführungen:

17. 19. 20. August - 19.30 Uhr

Theater am Kornmarkt

Inszenierung: Herbert Föttinger

Bühne und Kostüme: Rolf Langenfass

Musik: Christian Brandauer

Dramaturgie: Ulrike Zemme

Licht: Emmerich Steigberger

u.a. mit:

Konsul: Joachim Bißmeier

Konsulin: Else Ludwig

Thomas: Gabriel Barylli

Christian: Michael Dangl

Tony: Sandra Cervik

Gerda, Thomas' Frau: Sona MacDonald

Hanno, ihr Sohn: Junge

Grünlich: Siegfried Walther

Kesselmeyer, Bankier: Toni Slama

Permaneder: Peter Scholz

Morten: Bastian Wilplinger

Lina, eine alte Bediente: Maria Urban

Angelo: Jorge Bosicovich

Tony als Kind: Mädchen

Thomas als Kind: Junge (= Hanno)

Christian als Kind: Junge

Klavier: Christian Brandauer

Regieassistenz: William Vavken

Souffleur: Matthias Croy

Inspizienz: Claudio Hiller

Bühnenbildassistenz: Armella Müller

Kostümassistenz: Daniela Tidl

Kostümhospitanz: Eva Maria Lauterbach

Koproduktion mit dem Theater in der Josefstadt

 

Thalia Theater Hamburg

René Pollesch

Die Welt zu Gast bei reichen Eltern

Premiere: 21. August 2008 – 19.30 Uhr

Weitere Aufführungen:

22. und 23. August - 19.30 Uhr

Shed8

Inszenierung: René Pollesch

Bühne und Kostüme: Janina Ausick

Mit: Anna Blomeier, Judith Hofmann, Bernhard Schütz, Jörg Pose, Katrin Wichmann

Gastspiel des Thalia Theater Hamburg

 

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