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Schauspiel Leipzig: Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee I-V“

Premiere: 10. Oktober 2014, 19:30, Hinterbühne. -----

Wie kann ein Kämpfer für Gerechtigkeit und Emanzipation in einer Welt agieren, die Gerechtigkeit und Emanzipation nicht zulässt? Die Paradoxien unserer Zeit sind ebenso in diesem Stück zu finden wie die des Herbst 1989, als es am 1.11. im Leipziger Schauspiel erstmals in einer Gesamtinszenierung aufgeführt wurde.

Die Inszenierung von Philipp Preuss feiert – fast genau 25 Jahre später Premiere. Die fünf Texte, aus denen „Wolokolamsker Chaussee I–V“ besteht, beginnen 1941 kurz vor Moskau und enden Mitte der 1980er Jahre in Ost-Berlin. Zwischen diesen Punkten liegt fast ein halbes Jahrhundert. Abermillionen Geschichten von Widerständigkeit und Aufbäumen, vom Sog der Systeme, von der Nachbereitung der Geschichte, vom individuellen Glück und Unglück liegen in dieser zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschüttet.

 

Heiner Müller begibt sich in seinen Texten auf eine literarische Quellensammlung und Zusammenführung. Er erarbeitet die einzelnen Teile seines Werkes aus Motiven, Texten und Vorlagen von Alexander Bek, Anna Seghers, Franz Kafka und Heinrich von Kleist. Er verarbeitet und bezieht die literarischen Grundmotive auf die Jetztzeit seines Schreibens und gibt ihnen eine neue Form, einen neuen Ausdruck. Von den Versuchen russischer Soldaten, die deutsche Wehrmacht vor Moskau zurückzuschlagen, bis hin zur Entscheidung, die DDR zu verlassen um jeden Preis.

 

Müller knüpft ein poetisches Netz, in dem sich Figuren gegenüberstehen, die mit extremen asymmetrischen Machtverhältnissen umgehen müssen, aber doch immer mit ähnlichen Ängsten des Versagens, des Scheiterns ausgestattet sind. Die Figuren, die fast zombieartig das eigene Untotsein mit Überleben verwechseln, sind bei Müller nicht auf die klassische Heldenreise geschickt, sondern stehen am Anfang einer Entscheidung immer auch schon am Ende, am Abgrund.

 

Der Text, schon im Herbst 1989 in Leipzig aufgeführt, stellt persönliche Entscheidungen und Biographien in einen systemischen politischen Kontext. Die Fragen der eigenen Begrenztheit und des eigenen Handlungsspielraums, die Fragen nach Willkür, Zufall und den Konsequenzen politischen Handelns sind dabei aktueller denn je.

 

Philipp Preuss wurde 1974 in Bregenz geboren. In der vergangenen Spielzeit inszenierte er erstmals am Schauspiel Leipzig, die Stückcollage „Der Reigen oder Vivre sa vie“. Er studierte Regie und Schauspiel am Mozarteum Salzburg und arbeitet seit 2001 als freier Regisseur und bildender Künstler. Seine Inszenierungen liefen u. a. am Schauspielhaus Bochum, am Theater Dortmund, am Schauspiel Frankfurt und am Deutschen Theater Berlin. Er war 2005 zum Festival „Radikal jung“ eingeladen und wurde unter anderem 2012 mit dem Publikumspreis und dem Preis der Jugendjury des NRW-Theatertreffens, 2007 mit dem Förderpreis des Landes NRW und 2003 mit dem Preis der Internationalen Bodenseekonferenz für Bildende Kunst ausgezeichnet. Seine Ausstellungen waren unter anderem in Bregenz, Wien und Mailand zu sehen. Philipp Preuss inszeniert in der Spielzeit 2014/15 außerdem am Schauspiel Frankfurt „Amerika“ nach Franz Kafka und am Residenztheater München Goethes „Torquato Tasso“.

 

Regie & Video: Philipp Preuss

Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht

Dramaturgie: Alexander Elsner, Christin Ihle

Licht: Ralf Riechert

 

Mit

Daniela Keckeis

Lisa Mies

Denis Petković

Felix Axel Preißler

Mathis Reinhardt

Sebastian Tessenow

 

Fr, 17. Oktober 19:30 Hinterbühne

So, 26. Oktober 19:30 Hinterbühne

Do, 06. November 19:30 Hinterbühne

Fr, 14. November 19:30 Hinterbühne

So, 07. Dezember 19:30 Hinterbühne

Sa, 24. Januar 19:30 Hinterbühne

So, 08. Februar 19:30 Hinterbühne

So, 15. März 19:30 Hinterbühne

 

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