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Staatstheater Saarbrücken: Eine Frau soll`s richten

Ein Kommentar

Noch-Generalintendant Kurt Josef Schildknecht leitet seit vielen Jahren mit Umsicht und beträchtlichem Erfolg das Saarländische Staatstheater Saarbrücken. Das Theater erfreut sich in der Stadt und im ganzen Saarland, dessen einzige große Bühne es ist, einer anhaltenden Beliebtheit. Mit einem cleveren Spielplanmix aus Bewährtem und Neuem, aus Unterhaltendem und Anspruchsvollem baute es sich eine gute Auslastung durch ein treues und oft begeistertes Publikum auf.

 

Das hinderte allerdings die saarländische Staatsregierung nicht daran, dieses Theater wie auch andere Kultureinrichtungen immer brutaler mit Subventionskürzungen zu bedrängen.

2001 wurde kurzerhand und verantwortungslos die staatliche Schauspielschule geschlossen, die mit dem Theater eng verbunden war. Auch die Theaterzuschüsse selbst wurden immer wieder gesenkt. Die letzte Sparankündigung war so massiv, dass Kurt Josef Schildknecht öffentlich protestierte und erklärte, unter diesen Bedingungen sei ein Dreispartenbetrieb nicht aufrechtzuerhalten. Konsequenterweise kündigte er im April 2005 seinen Vertrag als Generalintendant, der bis 2009 laufen sollte, vorzeitig auf Mitte 2006.

 

Er hat ohnmächtig hinnehmen müssen, dass bereits in diesem Jahr eine Spielstätte (die Kammerbühne St. Arnual) geschlossen wurde, dass im Schauspiel fünf, im Musiktheater zwei geplante Neuproduktionen wegfallen, also ein Drittel dessen, was der Spielplan an Neuem bieten sollte. Dies bringt nicht nur Reduktion, sondern auch empfindlichen Bedeutungsverlust dieses Theaters. Zusätzlich wurde der Werbeetat reduziert, der nötig ist, um Zuschauer zu gewinnen. Insgesamt ergab sich 2005 eine Sparquote von 935000 Euro. Und in diesem Stil soll es weitergehen. Auf Kosten der künstlerischen Vielseitigkeit und Qualität.

 

Wie auch immer, Schildknechts Nachfolge ist nun gesichert. Dagmar Schlingmann, Intendantin des Stadttheaters Konstanz, wird ab Spielzeit 2006/2007 die Generalintendanz in Saarbrücken versehen.

Dagmar Schlingmann machte zu Beginn ihrer Laufbahn mit beachtlichen Regiearbeiten auf sich aufmerksam. Auch am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken gehört sie zur Riege geschätzter, immer wieder beschäftigter Regisseurinnen und Regisseure. Ich selbst habe dort 2001 eine Schlingmann-Inszenierung von „Kasimir und Karoline“ (Ödön von Horvath) gesehen, die von einem energischen und einigermaßen originellen Zugriff geprägt war.

Energisch und zupackend, diese Eigenschaften sind für eine Führungskraft besonders wichtig. Seit einigen Jahren ist Dagmar Schlingmann eine der immer noch wenigen Frauen auf deutschen Intendantensesseln, und das Stadttheater Konstanz ist unter ihrer Leitung frisch und kräftig aufgeblüht.

 

Ab 2006 wird sie nun also Generalintendantin in Saarbrücken sein. Sie wird kein leichtes Erbe antreten. Einerseits genießt ihr Vorgänger Kurt Josef Schildknecht großes Ansehen, andererseits wird sie tapfer gegen weitere Kürzungen ankämpfen oder sogar noch mehr schmerzhafte Einschnitte vornehmen müssen. Das wäre für das Kulturleben dieser in jeder Hinsicht nicht übermäßig reichen Gegend verheerend.

 

Man kann Dagmar Schlingmann nur Glück, Erfolg und ein großes Maß an Stärke wünschen!

 

Vera Forester, September 2005

 

PS, November 2005

Dagmar Schlingmann leitet ihre neue Intendanz mit dem gewohnten Schwung

in die Wege. Soeben hat sie die ersten wichtigen Personalentscheidungen für ihr Leitungsteam bekanntgegeben:

Mit Ursula Thinnes als neuer Chefdramaturgin und Berthold Schneider als neuem Operndirektor konnte sie zwei interessante Theaterpersönlichkeiten gewinnen, die in ihrer Vita internationale Erfahrung mit langjähriger Praxis an deutschen Bühnen verbinden.

Berthold Schneider (Jahrgang 1965) ist derzeit als Chefdramaturg der Oper Dortmund tätig. Von 1999 bis 2005 war er Künstlerischer Leiter der "staatsbankberlin" * einer vom Land Berlin geförderten freien Spielstätte für Oper, Schauspiel und Bildende Kunst im Zentrum der Hauptstadt. An diesem außergewöhnlichen Ort wurde ein Programm aus Eigenproduktionen und Kooperationsprojekten mit Partnern wie den Berliner Festspielen oder dem Konzerthaus Berlin realisiert. Die "staatsbankberlin" konnte sich unter Berthold Schneiders Leitung schnell ein klares künstlerisches Profil und international einen Namen als eine der zentralen Spielstätten in Berlin erarbeiten.

 

Im Anschluss an seine Ausbildung zum Pianisten an der Musikakademie Kassel absolvierte Berthold Schneider ein Studium der Musiktheaterregie an der University of Iowa (USA). Darauf folgte von 1992 bis '97 eine mehrjährige Tätigkeit als Musikdramaturg: am Staatstheater Braunschweig, an den Städtischen Bühnen Münster und dem Nationaltheater Mannheim. Neben Initiativen innerhalb des Theaters entwickelte Berthold Schneider eigenständige, meist großdimensionierte Projekte * oft im Grenzbereich zwischen Oper und Bildender Kunst. Besondere Beachtung fanden vor allem seine Inszenierung der Berliner Erstaufführung der Oper "Einstein on the Beach" (2001 und 2005), die Inszenierung "Mozart Polished Zauberflöte" sowie das Projekt "Der Ring des Nibelungen * Abenteuer in Stereo".

 

Ursula Thinnes ist eine langjährige Mitarbeiterin von Dagmar Schlingmann und seit 2001 als Chefdramaturgin am Theater Konstanz engagiert. Hier arbeitet sie schwerpunktmäßig in den Bereichen Spielplangestaltung und Produktionsdramaturgie und hat maßgeblich zur Profilierung des Theaters beigetragen. Zuvor war Ursula Thinnes als Dramaturgin am Landestheater Linz tätig. Hier begleitete sie als Produktionsdramaturgin Regisseure wie Falk Richter, Bernarda Horres, Gerhard Willert und Dagmar Schlingmann. Frühe Engagements im Bereich der Dramaturgie führten Ursula Thinnes ans Bayerische Staatsschauspiel in München, wo sie u.a. mit Gerd Heinz, Anselm Weber und Matthias Fontheim zusammenarbeitete sowie an das Body Politic Theatre in Chicago, einem uraufführungsorientierten Off-Loop-Theater, wo sie die Autoren-Reihe "The Unknown Playwright" betreute.

 

An der Universität Konstanz hält Ursula Thinnes einen Lehrauftrag im Fachbereich Germanistik.

 

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