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Uraufführung Theater Sycorax: "Ich bin wergessne Weiten", Theater im Pumpenhaus, Gartenstrasse 123, 48147 Münster

Mi 5.10. // Fr 7.10. // Sa 8.10. // So 9.10. // jeweils um 20:00 Uhr. -----

»Der Patient gibt zu, Stimmen zu hören«. Also mundtot machen. Wegschluss-Diagnose, Zwangseinweisung in die Psychiatrie Appenzell. Und aus warʼs mit dem Schreiben für Robert Walser, den verdecktesten aller Dichter.

»Wenn alles in uns schreit, bringen wir keinen Ton hervor«. Über 20 Jahre lang keine Zeile mehr vom großen Abseitigen, bis zum Tod 1956, beim Spazieren im Schnee. Im Nachlass des Schweizer Luftgängers allerdings fand man den Schatz. Über 500 Blätter, beschrieben in kaum entzifferbarem Mini-Sütterlin. Mikrogramme aus dem Stummel, die in schönster Walser-Manier das Munter-Abgründige

unter die Lupe nehmen.

 

Jetzt begibt sich das Theater Sycorax ins Bleistift-Gebiet. Die Spezialisten fürs wahre Leben im Verdrehten wandern durch den Kopf des Poeten. Lassen seine Prosa leuchten, finden Bilder für die Vagabundenseele, verwandeln sich in seine Traum-Figuren. Und bringen seine kinderweise Tragikomik zum Klingen. In Walsers Worten: »Uns sprengt beinahe das Lachen, obwohl wir selbstverständlich in Tränen stürzen möchten«.

 

ES SPIELEN Johannes Bayer, Marleen Böhm, Jens Dombrowski, Ewelina Hoffmann, Monika Horn,

Lawrence DeWinter, Jutta Nahamowitz, Hedwig Preiß-Berning, Konrad Schönberger, Simon Schwering, Anja Ziegeldorf

 

REGIE Paula Artkamp/Manfred Kerklau

KÜNSTLERISCHE MITARBEIT Jennifer Ocampo Monsalve

BÜHNE Leon Riminih

KOSTÜME Bettina Zumdick

LICHT Volker Sippel

ASSISTENZ Stefan Laspeyres

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT Rita Roring

GRAFIKDESIGN Verena Blom

PRODUKTION Theater Sycorax

KOPRODUKTION Theater im Pumpenhaus

FÖRDERER Kulturamt der Stadt Münster, Stiftung Siverdes, Kulturstiftung der Sparkasse Münster,

Förderkreis Sozialpsychiatrie e.V.

www.theatersycorax.de

 

Projektbeschreibung

Robert Walser , geb. 1878, starb am Weihnachtstag 1956 als leidenschaftlicher Spaziergänger auf seinem letzten, einsam im Schnee. Er gehört bis heute zu den rätselhaftesten Schriftstellern seiner Zeit. Der Schweizer publizierte in rascher Folge drei Romane und kam aufgrund einer psychischen Krise in die Heil- und Pflegeanstalt Waldau. 1933 wurde er gegen seinen Willen in die Psychiatrie nach Appenzell überführt. Er lebte insgesamt 26 Jahre als anonymer Patient -nicht mehr schreibend. Im Nachlass entdeckte man 526 Blätter, die vorher entstanden waren, in kleinster, geheimnisvoller Weise in

Sütterlin mit Bleistift beschrieben, die so genannten Mikrogramme, die nach 19 Jahren mühevoller Dechiffrierarbeit dann doch auf wundersame Weise publikationsfähig gemacht wurden.

 

Assoziativ dazu, begeben sich die Sycorax-Spieler, die Spezialisten in dieser Inszenierung der Doppelspitze Artkamp / Kerklau auf eine Wanderung durch Walsers Kopf und werden zu Figuren und Personifizierungen seiner Gedanken, Erinnerungen und Träume. Das Stück zoomt tief in unendlich viele Mikrokosmen der menschlichen Empfindungen. Über szenische Annäherungen an den Menschen, Dichter, Vagabunden, Außenseiter und Patienten Robert Walser tut sich eine Reise durch sein rätselhaftes Leben auf. Einige Themen, die Walser an – und umtrieben, wie sein Verhältnis zur Natur, das Fliehen vor den Frauen, der Wunsch wieder in Kinderschuhe zu passen und seine Zeit in der Schreibstube werden gestreift und schlaglichtartig in Bilder übersetzt. Am Ende bleibt, dass das Leben halt oft in der Achse verdreht ist und nach anderen Arten von Bewegung verlangt, zwischen bleistiftzartem Tanz und dem Klettern in vergletscherten Gipfeln.

 

„Ich war ein Traum mitten im Traum, wie ein Gedanke, gelegt in einen anderen. Ich war weniger Erscheinung als ein Sehnen, ich lebte nur im Sehnen und war, war nur ein Sehnen. Da ging ich also. Nein ich ging nicht, ich spazierte in der leeren Luft.“ (R. Walser)

 

Theater Sycorax

(gegr. 1996)

Sycorax, d.i. im Sturm von Shakespeare jene wilde Hexe, die einst die Insel Prosperos beherrschte und den Wechselbalg Caliban zur Welt brachte

• ist integrative und projektbezogene Theaterarbeit für Menschen, die psychische

Erkrankung oder Grenzerfahrungen erlebt haben

• weckt kreative Kräfte und baut Ressentiments ab

• ist eindeutig künstlerisch orientiert

• fördert Integration

• ist kein Medikament und hat positive Nebenwirkungen

• spielt mit Weltliteratur (Büchner, Kipphardt, Shakespeare) und schafft eigene Welten

• baut auf Ensemblespiel und Gruppenarbeit

• setzt deutliche Zeichen gegen die Stigmatisierung von psychischer Krankheit

 

Theater Sycorax unter der künstlerischen Leitung von Paula Artkamp und Manfred Kerklau arbeitet in der Schauspielführung und Inszenierung mit den besonderen Qualitäten der „„anderen, verborgenen Welten", die im Spiel der Darsteller und Darstellerinnen immer mitlaufen und hat Theateraufführungen mit einzigartiger Magie, Kraft und Poesie auf nationale und internationale Bühnen gebracht. Die Intensität und Ausdrucksfähigkeit ist bezwingend, anrührend und aufrührerisch. Erlebbar gemacht wird besonders emotionales, vollblütiges Theater mit einem hohen Maß an Authentizität und Dichte. Das Geheimnis, wie das zusammengeht, das Wilde, das Andersartige und das kunstvoll Beherrschte, bleibt.

 

2006 richtete Theater Sycorax das madness & arts worldfestival II in Münster aus. Ein internationales Forum für Kulturschaffende, die sich mit den kreativen Potentialen im Spannungsfeld von psychischer Gesundheit und Krankheit auseinandersetzen. Beim Madness and Arts World Festival 2003 in Toronto zählte Theater Sycorax mit der Produktion „„Woyzeck" zu einem der Höhepunkte. In Deutschland überzeugte Theater Sycorax mit Gastspielen in unterschiedlichen Städten und auf diversen Festivals.

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