Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
WOHNEN. UNTER GLAS von Ewald Palmetshofer - Wuppertaler BühnenWOHNEN. UNTER GLAS von Ewald Palmetshofer - Wuppertaler BühnenWOHNEN. UNTER GLAS von...

WOHNEN. UNTER GLAS von Ewald Palmetshofer - Wuppertaler Bühnen

Premiere 10. November 2012, 20:00 Uhr im Kleinen Schauspielhaus. -----

Babsi, Jeani und Max, alle in den Dreißigern – eigentlich in der Blüte ihrer Jahre –, wollen sich nach längerer Zeit der Trennung für ein Wochenende im Hotel treffen. Gemeinsam verbrachte man die Jahre der Adoleszenz – teilte nicht nur die Wohnungen und Betten, sondern gründete seine Zukunft auch gemeinsam auf kritische ideologische Ideen.

Nun möchte man an die Vergangenheit anknüpfen. Doch was als fröhliches Cliquen-Revival gedacht war, entpuppt sich als krampfhafter Versuch, den Faden wieder aufzunehmen, der längst gerissen ist. Selbstquälerei, da sich die hohen Erwartungen ans Leben nicht erfüllt haben, und Scham ob der verpassten Chancen überwuchern jede Empathie mit den anderen. Jeder zieht für sich bereits ‚Lebensbilanz’, denkt, dass die Zeit für eine Verwirklichung seiner Hoffnungen und Sehnsüchte aus der Jugendzeit längst abgelaufen und der flache Zenit der Liebes- und Berufskarrieren bereits überschritten ist – vermeintlich ganz im Gegenteil zu vielen Altersgenossen.

 

So weicht bei dem Wiedersehen im Hotel die angespannte Aufgeregtheit schnell einer ironisch durchsetzten Tristesse. Max, der immer noch das Kräftefeld beherrscht, ist derart gefangen in seiner Torschlusspanik und den sinnlosen Selbstbespiegelungen, dass ihn die Frauen nur noch an verpasste Gelegenheiten erinnern. Die exzessive Selbstreflexion führt bei den dreien zunehmend in die Erschöpfung und eine Annäherung an den anderen ist allein mit dem Kalkül denkbar, das Leben werde ihnen ja eh nichts besseres mehr bieten. Unter dem Verdikt einer verpatzten Lebenskunst wühlt man in den Wunden, die das Leben jedem der drei zugefügt hat. An die früheren Ideale erinnert man sich vornehmlich, um sich den Verrat zu vergegenwärtigen, den man an ihnen verübt hat.

 

Mit wohnen. unter glas hat Palmetshofer, der zu den meistgespielten Gegenwartsautoren gehört, das Psychogramm einer Generation geschrieben – in einer einzigartigen Sprache, die die Brüchigkeit der Protagonisten wie die der ganzen Zeit zum Ausdruck bringt. Dass der Text bei dieser Vivisektion einer Generation den Humor nicht verliert, ist eine der Stärken von Ewald Palmetshofer. Er hat die Metapher vom ‚unbehausten Mensch’ zu einer Generationsanalyse ausgebaut, bei der die Wohnfrage zur Seinsfrage schlechthin wird.

 

Inszenierung und Bühne: Frank de Buhr

Kostüme: Svenja Göttler

Dramaturgie: Sven Kleine

 

Mit: Heisam Abbas, Hanna Werth, Julia Wolff

 

Die nächsten Vorstellungen sind am 16. und 17. November sowie am 12., 21. und 23. Dezember 2012 im Kleinen Schauspielhaus.

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 12 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Liebe in Zeiten des Krieges

In Großbritannien findet ein Bürgerkrieg statt: die Puritaner unter Oliver Cromwell kämpfen gegen die katholischen Royalisten. Das private Glück ist in Gefahr.  

Von: Dagmar Kurtz

Der Überfall

Gerade ist man noch fröhlich herumgehopst, da, eine heftige Attacke, und schon streckt es einen nieder. Ein Virus oder ein Bakterium hat seinen Weg in den Körper gefunden. Nun werden alle Kräfte…

Wir müssen‘s wohl leiden

Wie die ursprünglichen revolutionären Ansprüche nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die Entmachtung des Adels beinhaltet,…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑