Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Generationenwechsel im Figurentheater ChemnitzGenerationenwechsel im Figurentheater ChemnitzGenerationenwechsel im...

Generationenwechsel im Figurentheater Chemnitz

Manfred Blank geht, Gundula Hoffmann kommt, die Vielfalt bleibt. -----

In mehr als 30 Jahren, davon fast 20 als Direktor, hat Manfred Blank das Figurentheater Chemnitz geprägt. Ende Januar 2015 verabschiedet er sich in den Ruhestand. Wie er will auch seine Nachfolgerin Gundula Hoffmann Stücke für Kinder wie Erwachsene bieten.

Eigentlich wollte sich Manfred Blank beim Puppentheater Karl-Marx-Stadt, wie es damals hieß, nur ein Jahr über Wasser halten. Angefangen hatte das 1953 in Schwerin geborene Multitalent nach der Schauspielschule in Berlin am Schauspielhaus in Karl-Marx-Stadt, das ihm aber nicht die erhofften großen Rollen bot: „Ich wollte, wie jeder junge Schauspieler, den Hamlet spielen und habe ihn nicht gekriegt.“ Also machte er zwei Jahre lang Rocktheater mit der Leipziger Band „Schwarzer Pfeffer“, die aber mit ihren unbotmäßigen Texten aneckte: „Die DDR hatte einen Trick – sie zog drei von uns gleichzeitig zur Armee ein, damit war es vorbei.“ Zufällig traf Blank den damaligen Direktor des Puppentheaters Manfred Stopf, der ihm einen Vertrag anbot.

 

Der Neue setzte gleich Impulse: Stücke für Erwachsene, die es vorher nur sporadisch gab, etablierte er als feste Größe im Spielplan. Und statt weiter leichte Kost zu bieten, wagte er sich im Mai 1983 sofort an die Einakter „Striptease“ und „Auf hoher See“ des polnischen Dramatikers Slawomir Mrozek, der in seinen satirischen Stücken den staatlichen Unterdrückungsapparat kritisierte. „Er war mal verboten, mal erlaubt, je nachdem, was er gerade in Paris gesagt hatte“, erinnert sich Blank. „Wir mussten einen Antrag beim Ministerium für Kultur stellen und durften ihn spielen – wahrscheinlich glaubte man, das würden nur ein paar Hanseln sehen. Stattdessen gab es Pilgerfahrten aus der ganzen DDR.“

 

Nach der Wende blieb zunächst das nun mit Unterhaltungsangeboten überfütterte Erwachsenenpublikum weg, und in ihrem Interimsquartier im Luxorpalast, der in erster Linie ein Kino war, konnten die Puppenspieler nur selten Abendtermine anbieten. Seit dem Umzug ins Schauspielhaus 2011 setzte Blank wieder ein Erwachsenenstück pro Spielzeit an. Inzwischen war er längst Direktor. 1993 hatte sich das vorher eigenständige Puppentheater den Städtischen Theatern als Sparte angegliedert und musste mit einer veränderten Struktur umgehen. Blank: „Ich wusste, dass Manfred Stopf sich mit der Absicht trug, in den Ruhestand zu gehen. Ich hatte den Eindruck, dass er etwas müde geworden war – er hatte mir immer mehr Aufgaben übertragen. Und 1995 hat er mich provoziert: ‚Du hast doch über Jahre gemeckert und auch viel verändert. Jetzt kannst du Chef werden und noch mehr bewegen.‘ Ich hatte Ängste, wollte genauso gern wie ich nicht wollte, habe mich dann aber entschieden, es zu machen.“

 

Blanks Initiative war es auch, dass das Puppentheater 2001 seinen Namen änderte und zum Figurentheater wurde: „Ich hatte mich international auf Festivals umgesehen und das Objekt- und Materialtheater entdeckt. Unbeleckte Zuschauer erwarteten anderes als das, was sie hier häufig zu sehen bekamen, und schrieben Briefe, das sei doch gar kein Puppentheater. Solche Diskussionen waren nach der Namensänderung vorbei. Zufällig habe ich nach einer Vorstellung ein Gespräch von zwei Damen mitbekommen. Die eine sagte: ‚Das war doch gar nichts mit Puppen‘, die andere antwortete: ‚Es ist ja auch Figurentheater.‘“ So entstehen in Blanks „Rotkäppchen“-Version die Figuren aus Flaschen und Topflappen – auch den Kindern, die immer sein Hauptpublikum blieben, erzählt er die alten Märchen neu und unkonventionell. Dafür hat er mit Vorliebe eigene Stückfassungen geschrieben: „Mich interessiert weniger das ‚Es war einmal‘ als das ‚Es ist noch so‘. Ich frage immer nach dem Anker eines Stoffs in unserer Gegenwart, unserer Wirklichkeit, in der Welt, in der die Kinder leben.“

 

Ende Januar geht Manfred Blank nun in den Ruhestand, am 3. Februar laden die Theater Chemnitz zu einem „Abschiedsfeuerwerk“ für ihn ein. Seine Nachfolge tritt die 1977 in Erfurt geborene Gundula Hoffmann an, die von 1998 bis 2003 Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim sowie anschließend Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin studierte. Ihre nachhaltige Erfahrung aus dieser Zeit: „In Berlin hatten wir den Raum, über Konflikte das gegenseitige Vertrauen aufzubauen. Das ging in den eigenen Projekten schon mit der Entscheidung los, welche Puppenart genutzt wird. Die Erste baute eine Maske, der Zweite nutzte eine Handpuppe und die Dritte ließ einen Schuh zum Schiff werden. Dieser vielfältigen Kreativität möchte ich in Chemnitz Raum zur Entfaltung bieten. Dabei hilft mir auch mein Studium der Kulturwissenschaften, in dem ich unterschiedliche Kunstformen wie Musik, bildende Kunst und Performance aus anderen Kulturbereichen kennenlernen durfte.“

 

Bereits während des Studiums spielte Gundula Hoffmann von 2005 bis 2007 am Studio des Puppentheaters Halle, dann von 2008 bis 2010 am Puppentheater Bautzen und von 2010 bis 2014 am Puppentheater Plauen-Zwickau. 2013 übernahm sie dort die Leitung; in dieser Zeit begann sie auch Regie zu führen. Immer wieder den Blickwinkel zu ändern, wie es diese Entwicklung mit sich brachte, ist ihr wichtig: „Dadurch können wir ganz neue Perspektiven entdecken und Erkenntnisse gewinnen. So haben wir in einer Produktion, bei der die Spielerinnen ihre Figuren selbst entwickelt hatten, kurz vor der Premiere die Spielerrollen getauscht. Das war so befruchtend, dass eine ganz neue Dynamik in das Stück kam.“ Auch als Direktorin hat sie sich in mehrere Sichtweisen zu versetzen: „Als künstlerische Leiterin muss ich die Perspektive des Publikums in eine Produktion genauso einbeziehen wie die Bedürfnisse der Künstler und Künstlerinnen. Bei der Gestaltung des Spielplanes muss ich erkennen, ob er noch ein Kinderstück braucht oder ob wir dem Publikum noch eine experimentelle Erwachsenenproduktion anbieten können. Zentral dabei ist, dass wir als Haus immer wissen müssen, was wir wollen: Was wollen wir erzählen? Wie wollen wir das erzählen? Was brauchen Spieler und Spielerinnen und wie kann es das Theaterpublikum annehmen?“

 

Multiperspektivisch will Gundula Hoffmann denn auch das Figurentheater ausrichten: „Das heißt zum einen, dass sich das Ensemble an den künstlerischen Prozessen beteiligen soll und auch an Ausstattungen oder Textfassungen mitwirken kann. Zum anderen wollen wir mit unterschiedlichsten Materialien und Puppen arbeiten.“ Der bereits von der künftigen Direktorin gestaltete Spielplan zeigt das: „In ‚Die Schuhe der Meerjungfrau‘ haben wir mit Mitteln des Objekttheaters gearbeitet – da wird eine Wäscheleine zum Meeresspiegel oder Puppenbeine zum schönen Prinzen. In der Inszenierung ‚Brüderchen und Schwesterchen‘ arbeiten wir mit Stabpuppen, in denen sich Stilelemente des Manga und Anime wiederfinden. Diese Vielfältigkeit soll ein heterogenes Publikum ansprechen und damit auch eine diverse und moderne Stadt wie Chemnitz widerspiegeln.“ Gundula Hoffmanns Ziel ist: „dass die Besucher, die aus unseren Vorstellungen kommen, sich spüren. Das kann passieren, wenn sie von der Geschichte berührt werden, wenn sie ein verzaubertes Kinderlächeln sehen oder ein nachdenkliches und persönliches Gespräch im Anschluss an die Vorstellung haben. Dann haben wir das Figurentheater richtig ausgerichtet.“

 

Wie ihr Vorgänger Manfred Blank will Gundula Hoffmann Jung und Alt ansprechen: „Puppentheater ist eine der ältesten Theaterformen für alle Altersklassen. Mein Anspruch ist es, dass die Lebenswelten jeder Generation sich auf der Bühne widerspiegeln. Das heißt, wir müssen unsere Themen so wählen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene sich im Spielplan wiederfinden und für das Neue in der Geschichte interessieren.“ Für die Allerkleinsten bringt die neue Direktorin ihre eigene Inszenierung „Erst blau, dann gelb, dann grün“ nach Chemnitz mit, wo sie am 7. März Premiere hat: „Sie holt die jungen Zuschauer in ihrer Erfahrungswelt ab, indem das alltägliche Umfeld sinnlich erlebbar gemacht wird – Farben, Gegensätze wie kalt und warm, laut und leise, nass und trocken.“ An Kinder ab 6 Jahren richten sich Produktionen wie „Odyssee“ und „Die Schuhe der Meerjungfrau“. Gundula Hoffmann: „Natürlich wissen wir, dass wir als Figurentheater ein Kunstvermittler sind. Wir sind für junge Menschen meist die ersten Künstler, denen sie persönlich begegnen. Hier öffnen wir eine Tür in eine neue Erfahrungswelt.“ Für Jugendliche und Erwachsene stehen Stücke wie „Fliegende Hunde“ und „Mr. Love Is in Town!“ auf dem Spielplan. Schon die Titel verraten dessen Vielseitigkeit: „Wir setzen klassische und moderne Dramentexte sowie Kinderbuch-und Märchenadaptionen um. Dabei achten wir natürlich darauf, womit sich die Kinder und Jugendlichen gerade in den Schulen thematisch auseinandersetzen und welche Wünsche von Seiten der Lehrer geäußert werden.“

 

Wie das Figurentheater sein Publikum in dessen Lebenswelt abholen will, wirkt sich Gundula Hoffmanns eigene veränderte Lebenswelt gerade auf ihre Arbeit an diesem Theater aus: In den ersten Monaten wird sie die Umsetzung der Ideen zuhause steuern und verfolgen - sie ist noch in der Babypause.

 

Text: Henning Franke, Die Theater Chemnitz

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 42 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Ich will was bewegen! Das Stadttheater Fürth zeigt mit dem Dreifach-Monolog „Niemand wartet auf dich“ von Lot Vekemans, dass Theater relevant und nahbar ist.

Einer Schauspielerin mal in die Seele und über den Schminktisch schauen – wäre das nicht schön? Auch das ist ja eine Möglichkeit, die im Fachsprech „vierte Wand“ genannte Distanz zwischen Bühnenrampe…

Von: Stephan Knies

Gescheiterte Utopie - "La Clemenza di Tito" von Wolfgang Amadeus Mozart in der Deutschen Oper am Rhein

Lässt sich ein Staat nur mit Milde und Gnade regieren? Das klingt reichlich utopisch, und in der Inszenierung von "La Clemenza di Tito" in der Deutschen Oper am Rhein stellt Michael Schulz das auch in…

Von: Dagmar Kurtz

Gefühl in Tönen - Familienkonzert „Beethovens Donnerwetter“ im Konzerthaus Heidenheim

Nach einer Tour durch elf Schulen im Landkreis Heidenheim fand das Projekt „Beethovens Donnerwetter“ mit dem Familienkonzert im dortigen Konzerthaus seinen krönenden Abschluss. Die Produktion der…

Von: Silke von Fürich

Im Weihnachtswunderland - "Der Nussknacker" von Demis Volpi und weiteren Choreograph*innen in der deutschen Oper am Rhein

Heiliger Abend in einer großbürgerlichen Familie: Kinder spielen in einem Zimmer Gummitwist. Hinter der Tür zum Wohnzimmer tut sich was. Durch die Milchglasscheibe sieht man, wie ein Weihnachtsbaum…

Von: Dagmar Kurtz

Ausbruch mit Jacke - Gelungener Saisonstart im Theater Pfütze in Nürnberg mit Christina Gegenbauers Dramatisierung „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“

Wenn es während der Vorstellung unwichtig wird, für welche Zielgruppe eine Theaterproduktion gemacht wurde, ist das immer ein gutes Zeichen. Mit „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“ nach dem…

Von: Stephan Knies

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑