Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
GROSSE VÖGEL, KLEINE VÖGEL in WienGROSSE VÖGEL, KLEINE VÖGEL in WienGROSSE VÖGEL, KLEINE...

GROSSE VÖGEL, KLEINE VÖGEL in Wien

Premiere: 22. Oktober 2007, 20 Uhr, Theater an der Gumpendorfer Straße

 

Drei Hüter bedrohter Geschichten haben sich Pasolinis „GROSSE VÖGEL, KLEINE VÖGEL" angenommen. Es ist die Mär von der heiligen Aufgabe die Vögel zu bekehren und der gehorsame Versuch zweier Mönche die Falken und die Spatzen zum friedlichen Miteinander zu überzeugen.

Schier verzweifelt nehmen Bruder Ninetto und besonders Bruder Ciccillo sich des Auftrags an und beginnen nach einer Kommunikation mit den sehr verschiedenen Wesen zu suchen, um ihnen das Evangelium zu verkünden. Sie erlernen die Sprache der Falken und entdecken die Kommunikation der Spatzen. Einem Don Quixote gleich, versuchen sie sich in unendlicher Naivität dem verzweifelten Kampf um Frieden unter den Kreaturen zu stellen. Die beiden Mönche schaffen das Unmögliche und scheitern an der Natur.

 

Dabei switchen die Hüter immer wieder in verschiedene Sichtachsen des Geschehens, sie sind die klassischen Figuren des Theater des Lachens. Sie verrücken die Geschichte bis zur Kenntlichkeit und nutzen Zeit und Raum, sie machen sich daran in den Köpfen der Zuseher zu wandeln.

Schluchzend fällt Bruder Ciccillo auf die Knie und wendet sich direkt an Gott: „Sieh, ich hab` die Falken bekehrt und die Spatzen, wie es mir der hl. Franziskus befohlen hat, die Falken verehren dich, und die Spatzen verehren dich ebenfalls. Aber warum erkennt ein Falke in einem Spatzen nicht einen Falken, und warum erkennt ein Spatz in einem Falken nicht einen Spatzen?"

 

Der Pasolini-Stoff von 1965 handelt von der Krise des Marxismus, aber ebenso vom Christentum und seinem utopischem Potential, und vom Verhältnis der beiden Weltanschauungen zueinander. Eine Parabel für eine Menschheit, die sich vom Totalitätsanspruch der Ideologien zu befreien sucht, ohne deren jeweilige Werte aufzugeben. Ideologien sind nur Durchgangsphasen. In "Große Vögel - kleine Vögel" bleibt für die Menschen wenigstens noch die Hoffnung des Weges: Der Weg führt weiter, wohin auch immer.

 

Die "Trilogie der verblassenden Ideale" des Theater des Lachens Berlin, die mit den umgesetzten Filmvorlagen „Bamba" / „Wunder von Mailand" von de Sica (Koproduktion mit Festival La Strada Graz, Ensemble Materialtheater, FITZ Stuttgart, Theaterdiscounter Berlin) und mit Lina Wertmüllers "Liebe und Anarchie" (Koproduktion mit KosmosTheater Wien, Theaterdiscounter) begonnen hat, wird nun mit Pasolinis „Große Vögel, Kleine Vögel" beendet.

Wie schon in den beiden ersten Teilen zuvor, hat sich die Buntheit der närrischen Figuren zu Gunsten einer Zeichenhaftigkeit verschoben.

 

„Grosse Vögel, Kleine Vögel" als dritter Teil schliesst genau wie der zweite Teil „Liebe und Anarchie" nach Lina Wertmüllers Film als Arbeit direkt an die Figurentheaterproduktion „Bamba" mit dem Materialtheater Stuttgart an und bildet wohl meine lang gesuchte Verbindungslinie zwischen den beiden Genres. Hier: mit der Dramatik zu spielen und da: Dramatik spielen. So konsequent und gleichberechtigt nebeneinander wie in „Liebe und Anarchie" habe ich die Draufschau auf die Geschichte und die Innenansicht der Figuren in ihrer Verwebung bis jetzt nicht gewagt und es zeigt einen neuen Weg aus dem Geist des Puppentheaters meine Schauspielarbeiten weiter zu entwickeln. Diese Arbeit ist leiser, die Narren haben menschliche Züge, die Typen machen Individuen Platz, sie sind seltsam verletzlich geworden. Sie verlieren nicht und sind dennoch keine Sieger mehr. „Grosse Vögel" wird diesen Weg weiter gehen und vertiefen. Astrid Griesbach

 

Inszenierung Astrid Griesbach

Bühne Michael Walter

Musikalische Leitung Jürgen Kurz

Regieassistenz Thomas Böltken

Produktion Verena Busche

 

Es spielen Mathias Lenz, Julia Schranz und Ilka Teichmüller

 

Eine Produktion des Theater des Lachens Berlin / Artgenossenschaft in Koproduktion mit dem TAG

 

Weitere Vorstellungen: 25., 28 und 29. Oktober, 20 Uhr

 

 

 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 18 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Ich will was bewegen! Das Stadttheater Fürth zeigt mit dem Dreifach-Monolog „Niemand wartet auf dich“ von Lot Vekemans, dass Theater relevant und nahbar ist.

Einer Schauspielerin mal in die Seele und über den Schminktisch schauen – wäre das nicht schön? Auch das ist ja eine Möglichkeit, die im Fachsprech „vierte Wand“ genannte Distanz zwischen Bühnenrampe…

Von: Stephan Knies

Gescheiterte Utopie - "La Clemenza di Tito" von Wolfgang Amadeus Mozart in der Deutschen Oper am Rhein

Lässt sich ein Staat nur mit Milde und Gnade regieren? Das klingt reichlich utopisch, und in der Inszenierung von "La Clemenza di Tito" in der Deutschen Oper am Rhein stellt Michael Schulz das auch in…

Von: Dagmar Kurtz

Gefühl in Tönen - Familienkonzert „Beethovens Donnerwetter“ im Konzerthaus Heidenheim

Nach einer Tour durch elf Schulen im Landkreis Heidenheim fand das Projekt „Beethovens Donnerwetter“ mit dem Familienkonzert im dortigen Konzerthaus seinen krönenden Abschluss. Die Produktion der…

Von: Silke von Fürich

Im Weihnachtswunderland - "Der Nussknacker" von Demis Volpi und weiteren Choreograph*innen in der deutschen Oper am Rhein

Heiliger Abend in einer großbürgerlichen Familie: Kinder spielen in einem Zimmer Gummitwist. Hinter der Tür zum Wohnzimmer tut sich was. Durch die Milchglasscheibe sieht man, wie ein Weihnachtsbaum…

Von: Dagmar Kurtz

Ausbruch mit Jacke - Gelungener Saisonstart im Theater Pfütze in Nürnberg mit Christina Gegenbauers Dramatisierung „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“

Wenn es während der Vorstellung unwichtig wird, für welche Zielgruppe eine Theaterproduktion gemacht wurde, ist das immer ein gutes Zeichen. Mit „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“ nach dem…

Von: Stephan Knies

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑