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Helmut Qualtinger und Carl Merz: "Der Herr Karl", Theater in der Josefstadt - Kammerspiele Wien

Premiere Do, 21. Oktober 2010, 20.00 Uhr

 

Das Ein-Personen-Stück Der Herr Karl war der Höhepunkt der Zusammenarbeit von Carl Merz und Helmut Qualtinger, der in dieser Rolle 1962 66 mal in den Kammerspielen zu sehen war.

Herr Karl, Lagerarbeiter eines Wiener Feinkostgeschäfts, sinniert vor sich hin, spricht über Gott und die Welt. So entsteht das Psychogramm eines Kleinbürgers, eines gemütlichen Jedermann, engstirnig und sentimental, selbstgefällig und unbelehrbar, einer, der es sich zu allen Zeiten einzurichten weiß, sich mit allen und allem arrangiert und bei alledem seinen eigenen Vorteil nicht aus den Augen verliert. Hinter Wiener Charme und Schmäh tun sich Abgründe auf, die Wiener Heurigenseligkeit entpuppt sich als bösartige Variante einer verlogenen Lebensart.

 

Schauplatz des Monologs ist der Keller einer Delikatessenhandlung, in der Herr Karl damit beschäftigt ist, phlegmatisch-widerwillig dieWaren zu ordnen und zugleich dem Publikum die Geschichte seines Lebens und den Kosmos seiner Anschauungen zu enthüllen. Fünfzig Jahre österreichische Geschichte passieren Revue im Spießerjargon eines kleinbürgerlichen Opportunisten,

für den sich jedes Geschehen und jede Katastrophe auf den privaten Sensationswert reduziert.

 

Ob der „Anschluss“ an das Deutsche Reich, ob die Kriegs- und Nachkriegsjahre – Herr Karl kann sich immer mit den Verhältnissen arrangieren und seine selbstgerecht-bornierte Mentalität kultivieren, die ihn

in ihrer Mischung von Ressentiments, Vorteilssucht und Verantwortungsscheu zum Durchschnittsbürger

schlechthin stempelt.

 

“Der Herr Karl” ist ja nicht bloß das Skript für ein mittlerweile klassisches Fernsehspiel, sondern ein Theaterstück, das auch von anderen und anderswo

aufgeführt werden kann, soll und muss. Und auch lesen kann man es – mit Vergnügen und Grauen,mit Lachen und kalter Angst, denn selbst

noch auf der gedruckten Seite ersteht Karls Figur in der ganzen Fülle ihrer schrecklichen Leiblichkeit, ihrer gemütlichen Dämonie, ihrer selbstzufriedenen Brutalität, und man reibt sich die Augen und will nicht glauben, dass dies immer noch, Tag für Tag, Jahr umJahr, Wahl umWahl, wirklich wird und sich ereignet.

Daniel Kehlmann

 

Regie

Herbert Föttinger

Bühnenbild und Kostüm

Rolf Langenfass

 

Der Herr Karl

Martin Zauner

 

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