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Künstler-Jury des Berliner Theatertreffen-Stückemarkts 2014 hat ihre Auswahl getroffen

Mit einem neuen Konzept konzentriert sich der Stückemarkt des Theatertreffens ab 2014 auf unterschiedliche Formen der Autorschaft. Drei international renommierte Theatertreffen-Teilnehmer der letzten Jahre – Signa Köstler, Simon Stephens und Katie Mitchell – wurden gebeten, jeweils einen Künstler auszuwählen, der sich durch außergewöhnliche Theatersprachen oder zukunftsweisende Formen der Stückentwicklung auszeichnet.

Ihre Entscheidung ist auf drei künstlerische Grenzgänger gefallen, die sich jenseits von eindeutig formalen Theaterkategorien bewegen. In Form von Gastspielen sowie in Workshops und öffentlichen Gesprächen werden deren Arbeit und Form von Autorschaft beim Stückemarkt vorgestellt. Die Künstler-Juroren werden sich während des Stückemarkts in Gesprächen mit den von ihnen ausgewählten Künstlern persönlich einbringen. Sie übernehmen darüber hinaus für ihren ausgewählten Künstler eine Patenschaft. Als solche werden sie den von Ihnen ausgewählten Künstlern ein Jahr lang beratend zur Seite stehen. Eine der drei eingeladenen Gastspiel-Produktionen wird im Herbst im Rahmen des von der Bundeszentrale für politische Bildung initiierten Festivals „Politik im freien Theater“ am Theater Freiburg gezeigt.

 

Der Stückemarkt will außerdem über die künstlerische Auseinandersetzung hinaus einen Raum schaffen, in dem der Austausch über neue Formen der Autorschaft und kreative Prozesse am Theater ermöglicht wird. Im Rahmenprogramm des Stückemarkts wird es einen diskursiven Schwerpunkt geben, der die Rolle des Autors und die unterschiedlichen kreativen Prozesse im zeitgenössischen Theater aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

 

Die ausgewählten Künstler des Stückemarkts 2014 sind:

 

Mona el Gammal (Deutschland)

Signa Köstler von dem dänischen Künstlerkollektiv SIGNA hat die Szenografin Mona el Gammal nominiert.

 

Chris Thorpe (Großbritannien)

Der britische Dramatiker Simon Stephens hat den Autor und Performer Chris Thorpe ausgewählt.

 

Miet Warlop (Belgien)

Die Wahl der britischen Regisseurin Katie Mitchell ist auf die Künstlerin Miet Warlop gefallen.

 

Zu den ausgewählten Künstlern:

 

Mona el Gammal studierte Szenografie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe/ZKM und arbeitete unter anderem an der Nationalgalerie Berlin, bei den Duisburger Akzenten, der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 und mit La Fura dels Baus. Außerdem hat sie für die letzte Produktion von SIGNA in Hamburg die Bühne und Kostüme gestaltet.

Die Zeit- und Rauminstallation „HAUS//NUMMER/NULL“ (HfG Karlsruhe) spielt in einer dystopischen Zukunft. Das Klima ist gekippt und ein totalitäres Regime hat die Herrschaft übernommen… Die Raum- und Zeitinstallation von Mona el Gammal zieht den Zuschauer, der sie jeweils einzeln betritt, in eine fiktive Parallelwelt hinein und macht ihn zum selbstverantwortlichen Autor der geheimnisvollen Biographie einer gewissen Frau N.

Aus der Begründung von Signa Köstler: „Mona el Gammal arbeitet kompromisslos. Sie gestaltet Räume, die durch die Detailbesessenheit selbst im kleinsten Requisit real werden und für einen Moment an die Stelle der Wirklichkeit treten. Mona el Gammals „narrative spaces” sind weit vom konventionellen Bühnentheater entfernt, dennoch offenbaren sie viel über das Theater, besonders über das Zuschauersein.“

 

Chris Thorpe ist britischer Autor, Performer und Musiker. Er arbeitete unter anderem mit dem Unlimited Theatre, der Performance-Gruppe Third Angel und der portugiesischen Gruppe mala voadora sowie für das Forest Fringe, die BBC und das Belarus Free Theatre.

In seinem Theaterstücke „There Has Possibly Been An Incident” (Regie: Sam Pritchard, Royal Exchange Theatre Manchester) konfrontiert Chris Thorpe seine Protagonisten mit brisanten politischen Situation, die ihnen unausweichliche Entscheidungen abringen. Die archetypische Unmittelbarkeit, in der sich die Atmosphäre der einzelnen, kunstvoll ineinander verwobenen Konflikte entfaltet, entzieht dem Zuschauer jegliche Distanz und macht ihn automatisch zum Mittäter.

Aus der Begründung von Simon Stephens: „Chris Thorpe bringt mich dazu, ein besserer Autor sein zu wollen. (…) Er ist ein Autor, der das komplizierte Chaos der menschlichen Existenz versteht. Dieses Verständnis zwingt ihn zur Ehrlichkeit. Aber es lässt ihn niemals zum Richter werden. (…) Seine Texte entsprechen nicht dem traditionellen Verhältnis zwischen Stück und Inszenierung. Er ist eher Theatermacher als Dramatiker.“

 

Miet Warlop studierte Visual Arts an der Royal Academy of Fine Arts in Gent (BE) und entwickelte Performances, Bühnenbilder und Ausstellungen für CAMPO, das Flemish-Dutch Theatre Festival, das Kunstenfestivaldesarts, die Beursschouwburg Brüssel, die Koninklijke Vlaamse Schouwburg Brüssel, Les Ballets C de la B und das Kunstzentrum Vooruit Gent.

„Mystery Magnet“ (CAMPO, Gent, in Kooperation mit verschiedenen Partnern) von Miet Warlop wirkt wie die bittere Flüssigkeit in einem süßen rosafarbenen Bonbon: Hinter der poppig-bunten Niedlichkeit einer surrealen Comicwelt verbirgt sich ein martialischer Kosmos voller unberechenbarer Nebelschwaden, Farbbomben, Dartpfeilen, und Schaumwürsten.

Aus der Begründung von Katie Mitchell: „Miets Wurzeln liegen in der bildenden Kunst. (…) Ihr Gefühl für Spannung und dramatisches Timing ist vollendet und die Arbeit ist auf dunkel-ironische Weise sehr komisch. (…) Ich habe mich wegen ihrer Beherrschung der theatralen Mittel und ihrer einzigartigen visuellen Handschrift für sie entschieden, aber auch weil ihre Produktionen ein klares Potential für das zukünftige Gesamtwerk versprechen.“

 

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele und Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens über den Stückemarkt 2014:

 

Mit der Neuausrichtung des Stückemarkts reagiert das Theatertreffen auf die Tatsache einer veränderten Theaterpraxis und den daraus resultierenden neuen Formen von Autorschaft. Was heute auf der Bühne stattfindet, lässt sich oft nicht mehr eindeutig nach formalen Kategorien (Autor, Regisseur, Schauspieler…) qualifizieren. Der Autorenbegriff hat durch neue Formen theatraler Sprache und performative Erzählweisen eine Erweiterung erfahren, was auch den Begriff des „Stückes“ entscheidend verändert hat.

 

In diesem Zusammenhang stellt der Stückemarkt die essentielle Frage: Was heißt Erzählen für das Theater heute? Neben dem genuinen „Theaterautor“ ist das Theater selbst Autor geworden, indem es die Kategorien des Autors, Regisseurs und Schauspielers in einem gemeinsamen Entwicklungsprozess zusammenführt, an dessen Ende eine neue Erzählung steht. Beiden Realitäten wollen wir Ausdruck geben.

 

Der Stückemarkt präsentiert im ersten Jahr seiner Neuausrichtung drei Theatermacher, die sich nicht mehr eindeutig klassischen Rollen zuordnen lassen: einen Autor/Performer, eine Bühnenbildnerin/bildende Künstlerin, eine Performerin/bildende Künstlerin. Ihre Arbeiten stehen beispielhaft für den neuen und veränderten Autorenbegriff.

Gleichzeitig ist die Auswahl das Statement einer dezidierten Künstler-Jury, die die Suche nach der nächsten Theatergeneration auch verstanden hat als Auseinandersetzung mit den eigenen künstlerischen Grundsätzen. Und die ihre Auswahl getroffen hat im Bewusstsein einer besonderen Verantwortung, nicht zur Verheizung junger Talente beizutragen, einer Innovationshysterie, die kaum noch etwas schützt und reifen lässt, sondern nach den Bedingungen heutigen Theaterschaffens fragt.

 

Das detaillierte Programm und die Termine des Stückemarkts werden zusammen mit dem Spielplan des Theatertreffens am 4. April auf der Homepage des Theatertreffens bekanntgegeben.

 

Informationen zum Stückemarkt www.berlinerfestspiele.de/stueckemarkt

 

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