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Liebe, Lust und Tod - "Miss Sara Sampson"

Westfälische Kammerspiele in Paderborn

Wie dieses Stück entstand, ist in einer köstlichen Geschichte überliefert. Lessing war gerade 26 Jahre alt, ein rebellischer Jungliterat. Er lebte in Berlin, hatte Einakter und Bühnenfragmente verfasst und träumte von einem neuen deutschen Drama im aufklärerischen Geist. Stattdessen gab das französische Unterhaltungstheater überall den Ton an. Eines Abends sass Lessing lustlos in der Vorstellung eines sentimenalen französischen Schinkens. Neben ihm sein Freund Moses Mendelssohn, der sich gerührt die Augen wischte und ihn flüsternd fragte: "Was sagen Sie dazu?" Lessing knurrte: "Dass es keine Kunst ist, alte Weiber zum Heulen zu bringen." Moses hauchte gekränkt: "Das ist leicht gesagt, aber nicht so leicht getan." Lessing streckte ihm die Hand hin und sagte: "Was gilt die Wette, in sechs Wochen bringe ich Ihnen ein solches Stück." Stürmte aus dem Saal, mietete in Potsdam eine Stube und schrieb dort in genau sechs Wochen die "Miss Sara Sampson".

Eine echte Pionierleistung. Das erste bürgerliche Trauerspiel in deutscher Sprache, das erste grosse deutsche Theaterstück überhaupt. Es machte kühn die inneren Linien persönlicher Beziehungen zwischen den Geschlechtern zum Thema und zeigte schonungslos die Brüchigkeit der herrschenden Moral.

 

Sara Sampson lebt seit Wochen in einer billigen Herberge, in die sie vor dem Zorn des Vaters wegen ihrer Liebe zu einem berüchtigten französischen Lebemann geflüchtet ist. Hier kann sie nichts anderes tun als warten und hoffen auf eine entscheidende Schicksalswendung. Ihr Geliebter beteuert ohne Unterlass seine ehrenhaften Absichten, die aber in keinem Verhältnis zu seiner inneren Verfassung stehen. Er ist triebhaft, hat panische Angst vor der Lustfeindlichkeit der Ehe. Seine ehemalige Geliebte Marwood erscheint und will ihn um jeden Preis wieder für sich gewinnen. Zur mädchenhaften, bürgerlichen Sara ist sie das Gegenbild: eine sinnliche, erfahrene, verletzte Frau, die ihn nicht nur mit Erpressungen wegen der gemeinsamen Tochter bedrängt, sondern auch mit ihrer ungebrochenen Anziehungskraft.

Das Ende ist Mord und Verzweiflung.

 

In unserer Zeit wurde "Miss Sara Sampson" oft duch die späteren Lessingstücke überstrahlt, aber gerade in den letzten Jahren setzten es auffallend viele Theater auf ihren Spielplan und überraschten mit Inszenierungen, in denen die zeitlose Frische dieses genialen Jugendwerks aus dem modernen Blickwinkel sichtbar wird. So auch in der neusten Aufführung in den westfälischen Kammerspielen in Paderborn. Es ist dies ein Theater mit relativ bescheidenen Mitteln ausserhalb der kulturellen Zentren. Hier haben junge Talente die Chance, sich an grossen Stoffen zu erproben. Fast alle Mitwirkenden in "Miss Sara Sampson" sind im gleichen Alter wie Lessing, als er das Stück verfasste. Sie bewältigen die Herausforderung mit einem energischen, unbefangenen Zugriff.

Der Regisseur Oliver Haffner erhielt seine Ausbildung am Reinhard-Seminar in Wien, beteiligte sich an einem Regienachwuchswettbewerb der Wiener Festwochen und bewährte sich nach seiner Assistentenzeit am Wiener Burgtheater schon mit mehreren Inszenierungen für kleinere deutsche Bühnen. An Lessings Tragödie reizt ihn besonders die geradezu anarchische Grundhaltung, die uneitle, geradlinige Kraft. Er gehört zur jüngsten Regisseurgeneration, die auf der Bühne nicht mehr um jeden Preis Extreme heraufbeschwören will. Auch nicht Skandal um seiner selbst willen oder selbstgefällige Hoffnungslosigkeit. Wichtig wird es wieder, Standpunkte zu zeigen, Perspektiven zu entwerfen, Orientierungen zu fördern, Utopien zu zaubern, Fragen zu stellen ohne Schulmeisterlichkeit......... also im besten Sinn aufklärerisch zu wirken. Da alle Formen, alle Exzesse ausgereizt sind, erfinden diese Jungen das Theater nicht noch einmal neu, sondern greifen sich mit Gelassenheit und Freiheit aus der Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten die passenden heraus, um ihre Anliegen in den Stücken sichtbar zu machen. Ein überzeugender Anlauf zum Beginn des neuen Jahrtausends.

 

Entstanden ist unter solchen Voraussetzungen eine "Miss Sara Sampson", die sich sehen lassen kann, eine klare, scharf konturierte, ehrliche Inszenierung.

Die jungen Schauspieler sind auf einem guten Weg zu ihren Rollen und zu sich selbst. Allen voran die beiden Protagonistinnen. Ariane Senn spielt eine Sara, mit der man sich heute mühelos identifizieren kann. In ihrer unsicheren Situation verliert sie nie das Selbstbewusstsein. Ihre Liebe ist gross, aber sie gibt ihre innere Eigenständigkeit dafür nicht preis. Im Gegenteil, sie unterwirft mit abgründiger Sturheit alle Hiobsbotschaften ihrem Willen zu dieser Liebe, und selbst im Sterben ist sie mit dem Schicksal im Reinen, da es eine Folge ihrer freien Partnerwahl ist. Aus dieser Konsequenz gewinnt ihre Darstellung eine grosse Eindringlichkeit.

Tini Prüfert schenkt der Rolle der Marwood die vielen Farben ihrer reichen schauspielerischen Palette. Sie wirkt kapriziös und gefühlsbetont, ehrlich und gerissen, anziehend und abweisend, zärtlich und grimmig, weich und knochenhart in bestürzendem Wechsel. Bravo! Eine Person mit krimineller Energie und doch eine unglückliche Seele, die ihren Raubkatzenkampf auf verlorenem Posten kämpft.

Im ergreifendsten Moment des Abends stehen sich die beiden Frauen allein gegenüber, die Lügen und Masken fallen, sie umarmen sich unwillkürlich als zwei Verkörperungen einer gemeinsamen Existenz: der weiblichen Existenz in ihrer fatalen Abhängigkeit von den männlichen Launen und Privilegien.

Diese zeigen sich fokussiert in der Rolle des Verführeres Mellefont. Fast könnte er ein Mitglied unserer Spassgesellschaft sein. Ein Single mit Lifestyle. Die Sucht nach Genuss ohne Verantwortung, die Flucht vor Langeweile, die Liebesunfähigkeit und die gequälte Scheinheiligkeit, das alles macht Jörg Bitterich in seiner Darstellung deutlich. Ein Lob auch an Amelie Leipprand und Eckhard Ischebeck, die den Begleitfiguren Intensität verleihen.

Nur der finale Show-down, in dem Mellefont anders als bei Lessing nicht freiwillig stirbt, in dem die Menschen überhaupt dahinsterben wie abgemähtes Gras, wurde künstlerisch nicht ganz bewältigt, was auch an der eingeschränkten Probenzeit liegen mag. Das Bühnenbild von Dietlind Rott zeigt mit wenig Mitteln die schäbig-plüschige Atmosphäre des Vorstadthotels. Eine sehenswerte Inszenierung, ein begabtes Theaterteam.

 

Premiere 8. Februar 2002

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