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MARIA STUARDA von Gaetano Donizetti im Landestheater Linz

Premiere 10. Dezember 2011 im Großen Haus. -----

Der Thron von England ist durch einen Bastard entweiht, der Briten edelherzig Volk durch eine listige Gauklerin betrogen. –

Regierte Recht, so läget Ihr vor mir im Staube jetzt, denn ich bin Euer König. Mit diesen Worten endet eine der explosivsten Szenen der klassischen Dramenliteratur, die berühmte Szene zwischen Englands Königin Elisabeth I und der schottischen Königin Maria Stuart in Friedrich Schillers Maria Stuart aus dem Jahre 1800. Die die Worte spricht, Maria Stuart, führt mit dieser Beleidigung endgültig eine Entscheidung herbei, die insgeheim bereits seit langem getroffen ist: ihr Kopf soll fallen. Ihre Cousine zweiten Grades Elisabeth I. fürchtet Marias möglichen Anspruch auf den englischen Thron und hält sie bereits 18 Jahre in Gefangenschaft. Sie bezichtigt sie des Hochverrats, zögert aber dennoch, die Konkurrentin hinrichten zu lassen. Zu groß ist die Gefahr, aus der beliebten Schottin eine Märtyrerin zu machen, zu groß noch immer deren (katholische) Anhängerschaft.

 

Das Ende der Maria Stuart ist bekannt – nach 18 Jahren Kerkerhaft wird sie wegen Hochverrats auf Schloss Fotheringhay enthauptet. Ihrer Ausstrahlung gewiss findet sie kurz vor ihrem Tod die Worte „In meinem Ende liegt mein Anfang“. Und sie wird Recht behalten: In ihrem legendenumwobenen Leben und tragischen Tod liegt der Schlüssel zu einer der imposantesten „Karrieren“ in der Kunst-, Musik- und Literaturgeschichte der nachfolgenden Jahrhunderte. Vielen Deutungen zugrunde liegt freilich Friedrich Schiller. Seine Dramatisierung eines historischen Grundkonflikts – das berühmte Zusammentreffen ist seine Erfindung, in Wahrheit haben sich die beiden Königinnen nie gesehen! – verbindet Staatsintrige mit psychologisch genau gezeichnetem Seelendrama.

 

Auch Gaetano Donizettis „Tragedia lirica“ Maria Stuarda beruht auf Schiller. Mithilfe des erst 17-jährigen Librettisten Giuseppe Bardari macht der Komponist aus dem großdimensionierten Trauerspiel ein intimes Kammerspiel. Verlagert wird der Schwerpunkt der Tragödie auf das Verhältnis zweier sehr gegensätzlicher Frauen. Bardari verschmilzt Schillers männliche Hauptfiguren Mortimer und Leicester zu einer einzigen und gibt den rivalisierenden Frauen mit Leicester einen erotischen Bezugspunkt. Leicester wird zur heldenmütig-tragischen Figur, deren aus letztem Rettungswunsch für Maria herbeigeführte und als Aussöhnung gedachte Konfrontation der beiden Frauen die endgültige – letale – Entscheidung bringt. Donizetti und sein Librettist interessieren sich für Maria Stuart und Elisabeth I. als liebende Frauen, deren Emotionalität im entscheidenden Moment jede Selbstbeherrschung zum Wanken bringt und schließlich eskaliert. Hier steht nicht in erster Linie Psychologie, sondern vor allem die musikalische Emotion, die große, „fliegende“ Gesangslinie im Vordergrund – mit beiden Protagonistinnen hat Donizetti zwei der eindrucksvollsten Partien des Belcanto-Repertoires geschaffen.

 

Maria Stuarda gehört neben Anna Bolena (1830) und Roberto Devereux (1837) zu Donizettis Königinnen-Trilogie. Die Oper feierte 1835 in Mailand ihre Uraufführung, geriet durch unglückliche Umstände jedoch bald in Vergessenheit und wird erst seit den 1960er-Jahren wieder vermehrt gespielt.

Dass sich eine szenische Aufführung dieses Belcanto-Juwels lohnt – diesen Beweis möchten mit der Linzer Erstaufführung von Maria Stuarda Operndirektor und Chefdirigent des Bruckner Orchesters Dennis Russell Davies und Regisseur Olivier Tambosi antreten. Tambosi untersucht in seiner Inszenierung die – bei allem Gegensatz - eigenartige Zwillingshaftigkeit von Maria und Elisabetta. Denn ihre wechselseitige Fixierung drängt eine Frage auf – sind die beiden verfeindeten Frauen nicht vielleicht doch ähnlicher als man zunächst annehmen mag? Was unterscheidet beide Frauen voneinander, oder sind sie nicht vielmehr wie zwei Seiten einer Medaille?

Julia Zirkler

 

Libretto von Giuseppe Bardari

nach Friedrich Schillers Trauerspiel Maria Stuart

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

 

Musikalische Leitung Dennis Russell Davies /

Daniel Linton-France

Inszenierung Olivier Tambosi

Bühne Bernhard Rehn

Kostüme Carla Caminati

Chorleitung Georg Leopold

Dramaturgie Julia Zirkler

 

Maria Stuarda, Königin von Schottland Christiane Boesiger /Mari Moriya

Elisabetta I, Königin von England Katerina Hebelkova /Karen Robertson

Roberto, Graf von Leicester Jacques le Roux

Giorgio Talbot Seho Chang

Lord Guglielmo Cecil Martin Achrainer

Anna Kennedy Danuta Moskalik / Margret Jung Kim

Ein Fremder Martin Vraný / Gabriel Wanka

 

Statisterie des Landestheaters Linz

Chor des Landestheaters Linz

Bruckner Orchester Linz

 

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