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Österreichische Erstaufführung: "Die Live-Sendung" von Michel Vinaver im Landestheater Linz

Premiere 29. Mai 2010, 19.30 Uhr in den Kammerspielen

 

Für uns hat die Arbeit überragenden Wert. Wir arbeiten viel und diszipliniert und haben, obwohl ein katholisches Land, eine protestantische Arbeitsethik. Viele Menschen definieren sich vor allem über ihren Beruf.

Wenn man sie fragt, was sie seien, würden sie nicht etwa „Familienvater“ oder „Bretone“ antworten, sondern „Lehrer“ oder „Arbeiter bei Renault“. Wer nun seinen Job verliert, verliert auch seine Identität. Vor diesem Hintergrund trifft uns die Wirtschaftskrise besonders hart. Wir liegen nicht nur in der Selbstmordstatistik vorne, sondern sind auch Champion beim Verbrauch von Antidepressiva. (Christian Baudelot)

 

Ist es nicht in erster Linie großes Glück, wenn ein 50jähriger nach mehreren Jahren der Arbeitslosigkeit endlich wieder einen Job findet, und sei es nur der eines Kundenberaters in einem Baumarkt? Wenn dann auch noch die Redakteure einer TV-Show anklopfen, um seine Geschichte als Beispiel für eine mit Erfolg gekrönte, beharrliche und ausdauernde Arbeitssuche eines Langzeitarbeitslosen vorzustellen, scheint das tiefe Tal der Anerkennungslosigkeit durchschritten.

 

Jedoch ist Pierre Delile nicht der einzige mögliche Kandidat. Auch sein Nachbar und früherer Freund und Kollege Nicolas Blache erfüllt alle Kriterien der Fernsehproduzenten. Blache, zusammen mit Delile einem Stellenabbau zum Opfer gefallen, bekleidet bereits seit einem halben Jahr eine Spitzenposition bei einem aufsteigenden Unternehmen – eine strahlende Erfolgsgeschichte. Keine Frage zu wessen Gunsten die Suche nach der telegeneren Geschichte ausfällt.

 

Als Blache ermordet wird, fackeln die Produzenten der TV-Show nicht lange – soll eben der weniger strahlende Delile an Stelle des Toten treten. Hat Pierre seinen Konkurrenten aus dem Weg geräumt, um die für ihn so notwendige Anerkennung zu erhalten? Im Zuge der Ermittlungen entfaltet sich ein Mikrokosmos der bürgerlichen Leistungsgesellschaft: zwei Familien mit Eheproblemen und Generationskonflikten, zwei knallharte Casting-Agentinnen, ein profilierungssüchtiger Untersuchungsrichter mit seiner traumwandlerischen Sekretärin, die sensationshungrige Pressefrau und ein missratener Sohn.

 

Zum dritten Mal inszeniert Schauspieldirektor Gerhard Willert nach Über Bord (Spielzeit 2005/06) und Flug in die Anden (Spielzeit 2006/07) mit Die Live-Sendung ein Stück des französischen Dramatikers Michel Vinaver am Landestheater Linz. Michel Vinaver wurde 1927 als Kind russischer Juden in Paris geboren und zählt zu den bedeutendsten französischen Dramatikern. Von 1953 bis 1979 war er in leitender Position als Manager für Gillette tätig. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit und seine profunde Kenntnis der Arbeitswelt spiegeln sich in vielen seiner Werke. Die soziale Identitätskrise, die der französische Soziologe Christian Baudelot als Folge der Wirtschaftskrise beschreibt, trifft uns genauso. Vinaver verknüpft in der Live-Sendung auf packende, scharfsichtige Weise Privatheit, Öffentlichkeit und Arbeitsleben. Er porträtiert die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und die Macht der Medien, spürt den Motiven seiner Figuren nach, ihrem Neid und ihren Hoffnungen. Was sie verbindet ist die Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung – doch die hat einen hohen Preis. Das bereits 1988 entstandene Stück hat in Zeiten wachsender Massenarbeitslosigkeit an Aktualität noch dazugewonnen. Und die Medialisierung unserer Gesellschaft hat er fast visionär vorhergesehen. In der ZEIT vom 30. Dezember 2009 beschreibt Dorion Weickmann unseren televisionären Notstand:

 

Erstens herrscht fortwährend Krawall, denn der Normalfall wird zum Skandal gebläht und das Auffällige verharmlost: Wie viele Schönheitsoperierte, Pornodarsteller, ADS-Kinder gibt es eigentlich in diesem Land? Zweitens amüsieren wir uns mit Casting- und Coaching-Formaten zu Tode, die Berge von Seelenschrott vor uns auftürmen. Drittens betätigen sich immer mehr Berichterstatter als „Emotionsmanager“ und massieren Zuschauergefühle, statt nüchtern zu informieren. „Schauen Sie weg, schalten Sie um, werden Sie frei“. Warum aber wollen überhaupt so viele Menschen durchs Fernsehschlüsselloch schauen? Warum delektieren wir uns am Psycho-Striptease wildfremder Menschen, die sich aus Eitelkeit, Geltungsdrang oder schierem Exhibitionismus vor uns entblößen? Weil wir dem narzisstischen Charme der Schamlosen erliegen. Und zwar nicht nur im Fernsehen, sondern genauso im wahren wie im virtuellen Leben. Was früher unter vier Augen besprochen wurde, klemmt heute an der facebook-Pinnwand. Wer bei Google nicht vorkommt, existiert nicht. Und wo nicht mindestens eine YouTube-Kamera zugegen war, hat auch nichts stattgefunden. Der Zauber des Privaten ist perdu, die Intimität vom Schlafzimmer ins Schaufenster umgezogen. (Dorion Weickmann)

 

MICHEL VINAVER (AUTOR)

Michel Vinaver wird 1927 als Kind russischer Juden in Paris geboren. Während der deutschen Besatzung flieht die Familie 1941 in die USA, wo Vinaver sein Literaturstudium abschließt. 1950 wird sein erster Roman, Lataume, auf Empfehlung von Albert Camus bei Gallimard veröffentlicht. Nach einem weiteren Roman wendet sich Vinaver dem Theater zu. Es entstehen erste Stücke, unter anderem Die Koreaner und Hotel Iphigenie, die einiges politisches Aufsehen erregen. 1953 beginnt er unter seinem Geburtsnamen Michel Grinberg eine Karriere als Manager bei Gillette France. In den folgenden Jahren steigt er immer weiter auf in die Unternehmensspitze, er wird Geschäftsführer und bleibt dem Konzern 30 Jahre lang treu. Von 1968 bis 1969 entsteht nach fast zehn Jahren andauernder Schaffenspause Über Bord.

 

Zu dieser Zeit nimmt Vinaver seine Tätigkeit als Gastdozent an der Pariser Universität auf. In der Zeit von 1971 bis 1981 entstehen weitere Stücke. 1981 schreibt Vinaver Flug in die Anden, das im Original L’Ordinaire (Mannschaftsverpflegung) heißt. Das Stück wird 1983 an den Münchner Kammerspielen aufgeführt. 1986 erhält Vinaver den Ibsen-Preis für Die Nachbarn. Ein Jahr später erscheint sein kritischer Bericht über die Theaterindustrie Frankreichs, der zahlreiche Kontroversen auslöst. Von 1990 bis 1995 widmet sich Vinaver der Übersetzertätigkeit, er übersetzt unter anderem Shakespeare und Botho Strauß. In den folgenden Jahren entstehen weitere Stücke - darunter King, über King C. Gillette, den Erfinder der Wegwerf-Rasierklinge – sowie theoretische Schriften. 2006 hat Vinaver ein eigenes Stück, À la renverse, inszeniert. Michel Vinaver lebt heute als freischaffender Autor in Paris.

 

Deutsch von Gerhard Naumann

 

Inszenierung Gerhard Willert

Bühne und Kostüme Alexandra Pitz

Musik Christoph Coburger

Dramaturgie Kathrin Bieligk

 

Besetzung

Pierre Delile Thomas Kasten

Rose Delile, seine Frau Silvia Glogner

Paul Delile, ihr Sohn Aurel von Arx

Nicolas Blache Thomas Bammer

Caroline Blache, seine Frau Verena Koch

Hubert Phélypeaux, Untersuchungsrichter Konstantin Bühler

Estelle Belot, Gerichtsschreiberin Julia Ribbeck

Béatrice Lefeuve, Fernsehjournalistin Bettina Buchholz

Adèle Grandjouan, Fernsehjournalistin Nicole Reitzenstein

Jacky Niel, freischaffende Journalistin Barbara Novotny

 

Weitere Termine 1., 8., 10., 25., 29. Juni; 2. Juli 2010 jeweils um 19.30 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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