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Thalia Theater Hamburg: Nachbarşchaften – Komşuluklar - Ein transkulturelles Festival

27. Oktober bis 6. November 2022, Thalia Gaußstraße, Altona / Altınova

Das Festival "Nachbarșchaften – Komșuluklar" versammelt künstlerische Positionen, die das Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland aus postmigrantischen Perspektiven zeigen. Das transkulturelle Festival, das erstmalig im Herbst 2021 anlässlich des 60-jährigen Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei stattfand, geht in die zweite Runde. Gastspiele, Eigenproduktionen, Filme, Konzerte, Ausstellungen und Gespräche beleuchten vom 27. Oktober bis 6. November im Thalia Gaußstraße das Leben in der Einwanderungsgesellschaft, laden zu Begegnung, Austausch und zum gemeinsamen Feiern ein. Der renommierte türkische Journalist und Autor Can Dündar wird das Festival eröffnen, er ist zudem am 31. Oktober zu Gast für ein Podiumsgespräch mit der Journalistin Banu Güven über Gefangenschaft, Exil und Freiheit.

 

Copyright: Krafft Angerer

Während des gesamten Festivalzeitraums werden die Garage und der Hof des Thalia in der Gaußstrasse zum Ausstellungsort: "SİLİVRİ. Prison of thought / museum of small things" (Maxim Gorki Theater) von Can Dündar und Hakan Savaş Mican. Silivri, das Hochsicherheitsgefängnis außerhalb von Istanbul, ist mehr als eine Haftanstalt. Es steht als Symbol für die menschenunwürdigen Haftbedingungen Situation, aber auch den kaum zu brechenden Kampfgeist kritischer Denker:innen in autoritären Systemen. Auch Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, war dort in Haft. Im Berliner Exil kuratiert Dündar eine abstrahierte, beinah maßstabsgetreue Nachbildung einer Zelle und  erzählt im „Museum der kleinen Dinge“ anhand von alltäglichen Objekten die Geschichten von politischen Gefangenen in der Türkei – die meisten dieser Objekte stammen aus der Haftanstalt Silivri. Regisseur Hakan Savaş Mican hat sie in Form einer Videoinstallation in der Garage inszeniert.

Auch die Eröffnungspremiere des Festivals wird von Hakan Savaș Mican auf die Bühne gebracht: die Uraufführung "Im Menschen muss alles herrlich sein" von Sasha Marianna Salzmann, ein Generationenroman, der auch die Geschichte einer Emigration aus der Ukraine nach Deutschland erzählt. Der 50. Geburtstag der Ärztin Lena wird für sie selbst und Edi, Tatjana und Nina – vier Frauen, deren Leben unauflöslich verbunden sind - zum Anlass, sich den eigenen Missverständnissen zu stellen. Wie soll im Menschen alles „herrlich“ sein, wenn sich totalitäre Strukturen bis in die privatesten Winkel des Lebens fressen? Sasha Marianna Salzmann, 1985 in Wolgograd geboren, schreibt in hoher poetischer Verdichtung international erfolgreiche und vielfach ausgezeichnete Romane und Theaterstücke. „Im Menschen muss alles herrlich sein“, 2021 erschienen, gewinnt 2022 den Preis der Literaturhäuser. Salzmann adaptiert den Roman selbst für die Uraufführung im Thalia und schlägt einen großen Bogen zwischen der Ukraine, der Sowjetunion und einem heutigen Deutschland. Nach „Vögel“, „Blick von der Brücke“ und „Onkel Wanja“ widmet sich Hakan Savaş Mican mit dieser Inszenierung erneut der Identitätssuche zwischen den Welten.

Mit Fatma Aydemirs "Dschinns" in der Uraufführungsinszenierung von Selen Kara (Nationaltheater Mannheim) und "NSU 2.0" (Schauspiel Frankfurt)von Nuran David Çalış stehen zwei hochkarätige Gastspiele auf dem Programm.  Mit sprachlicher Wucht und Schönheit erzählt Fatma Aydemir in ihrem zweiten Roman „Dschinns“ (Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022) eine Familiengeschichte aus Deutschland Ende der 1990er Jahre. Nach dreißig Jahren harter Arbeit in Deutschland, mit großer Einsamkeit und Sehnsucht nach einem anderen Leben, hat Hüseyin sich einen Traum erfüllt: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Er kann es kaum erwarten, dort seine Familie zu empfangen – und stirbt ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Zur Beerdigung reisen nacheinander seine Frau Emine, seine Kinder Ümit, Peri, Sevda und Hakan nach Istanbul, alle mit ihren eigenen Verletzungen, Verstrickungen und Wünschen im Gepäck. Und in der Wohnung fühlen sie alle die Präsenz von etwas anderem…  Nach ihrer Adaption von Fatma Aydemirs erstem Roman, „Ellbogen“, die 2021 bei Nachbarșchaften – Komșuluklar zu sehen war, bringt Regisseurin Selen Kara nun die Uraufführung von „Dschinns“ auf die Bühne.

Der mehrfach ausgezeichnete Autor, Film- und Theaterregisseur Nuran David Çalış untersucht mit "NSU 2.0" einen realen Fall: Nach einer Morddrohung an die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız durch einen Gruppe namens NSU 2.0, die sich auf die rechtsextreme Terrorgruppe NSU bezieht, führt die Spur ins Frankfurter Polizeirevier 1. Je länger ermittelt wird, desto klarer tritt zutage: Die Behörde, die Bürger:innen wie Başay-Yıldız vor Terror und Extremismus beschützen soll, hat ein massives Problem mit Rechtsextremen in den eigenen Reihen. Wie weit reichen rechtsextreme Netzwerke? Und was bedeutet das für Politik, Bürger:innen und Betroffene?

Cem Kayas mitreißender Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark und Tod"  zelebriert 60 Jahre Musikkultur türkeistämmiger Migrant:innen in der BRD, und wurde mit dem Publikumspreis der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet. Er bildet am ersten Festivalwochenende den Auftakt für ein Konzert von Ozan Ata Canani, einem der Protagonisten des Films. Am letzten Samstag des Festivals gibt es mit "Radio Al Madina: Nakriz in Concert" Arabic Dance House der furiosen syrischen Elektro-Band.

İdil Üners Kultabend "Gazino Altınova" verwandelt den Ballsaal in einen magischen Ort, während das Kollektiv | All Das | die Straßen von Altona mit "Sokak oder die kunst darin straßenkatzen nicht aufzuwecken" von Nail Doğan bespielt. Das Stück "Ziegenkäse in Streichholzschachteln" (Nail Doğan / Kollektiv | All Das |) zeigen wir mit ukrainischen und arabischen Übertiteln. "Tiyatro!", ein Showcase türkischsprachiger Amateurtheatergruppen, bildet den Abschluss des Festivals.

Längst wissen wir: Menschen setzen sich in Bewegung, verlassen ihr Zuhause, bauen in einem anderen Land eine Existenz auf, erfinden sich und ihr Umfeld neu. Es ist eine schlichte Erkenntnis, dass das Leben in der Einwanderungsgesellschaft kompliziert und ohne Selbstwidersprüche kaum vorstellbar ist. Diese müssen wir nicht nur aushalten, sondern auch künstlerisch, literarisch und politisch formen – in einer Gesellschaft, die noch stärker von Migration konturiert sein wird.-  İmran Ayata
 
Gefördert durch das Goethe-Institut Hamburg, Zentrum für internationale Kulturelle Bildung.  
Gefördert im Programm 360° - Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft.
SİLİVRİ. prison of thought / museum of small things und Can Dündar im Gespräch über Gefangenschaft, Exil und Freiheit in Kooperation mit der Körber Stiftung.
 
Alle Infos www.thalia-theater.de
 

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