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"Tiefland", Musikdrama von Eugène d´Albert in Wiesbaden

Premiere, Samstag, 28. April 2007, 19.30 Uhr, Großes Haus des Staatstheaters.

 

Zur Eröffnung der Internationalen Maifestspiele 2007 inszeniert Intendant Manfred Beilharz eine selten gespielte Oper des deutschen Naturalismus. Damit setzt er nach den erfolgreichen Produktionen von Bergs „Wozzeck“ und Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ seine Beschäftigung mit dem Musiktheater aus der Epoche zwischen Spätromantik und Frühmoderne fort.

 

Mit der Wiesbadener Premiere von d’Alberts „Tiefland“ kehrt ein gewichtiges Werk des deutschen Musikdramas auf die Opernbühne zurück. Die Hauptpartien sind hochkarätig besetzt mit Alfons Eberz (u.a. Siegfried im Wiesbadener „Ring“,Parsifal in Bayreuth) als Pedro, Milana Butaeva (Lady Macbeth von Mzensk in Wiesbaden) als Marta und Andreas Scheibner (Semperoper Dresden) als Sebastiano.

 

Lange Zeit war „Tiefland“ von den Spielplänen verschwunden, obwohl d’Alberts 1903 in Prag uraufgeführtes Musikdrama ein Sensationserfolg war und bis Mitte des 20. Jahrhunderts neben Bizets „Carmen“ zu den meist gespielten Opern auf deutschen Bühnen gehörte. Es ist an der Zeit, dieses Werk wieder neu zu besichtigen. Der expressive und melodramatische Gestus der Musik verortet das Werk stilistisch zwischen den Musikdramen Wagners und dem von emotionalem Pathos getragenen „Verismo“ Puccinis. Der dramatische Kontrast zwischen heiler, unschuldiger Naturwelt und der scheinbar zivilisierten, aber durch Verrat, Betrug und Bosheit verdorbenen menschlichen Gesellschaft des „Tieflands“ zeigt einen realistischen Konflikt in der Dreiecksgeschichte zwischen dem Großgrundbesitzer Sebastiano, seiner Pflegetochter Marta und dem unerfahrenen und gutgläubigen Hirten Pedro. Um einen moralischen Skandal zu vertuschen (Sebastiano hat ein Verhältnis mit seiner Pflegetochter),soll Marta vom Gutsbesitzer gegen ihren Willen mit Pedro verheiratet werden. Während Sebastiano rein geschäftliche Interessen verfolgt und Marta immer mehr gegen Bevormundung und kaum verhohlene Gewalt aufbegehrt, scheint sich für Pedro mit der Heirat ein Lebenstraum zu erfüllen. Durch seine aufrichtige Liebe gelingt es ihm schließlich, Marta für sich zu gewinnen.

 

Der Gedanke des Naturalismus, dass die sozialen Umstände das Schicksal des Menschen prägen, hat in „Tiefland“ einen zivilisationskritischen Aspekt. Jenseits der Gegenüberstellung von Natur und menschlicher (Un-)Kultur zeigt die Drastik der Gefühlswelten gelegentlich archaische Züge. Die durchlittenen Konflikte – Pedros naiver Glaube an Ehrlichkeit und Glück bringt ihm im „Tiefland“ zunächst nur Spott und Hohn ein, Marta kämpft um ihre Freiheit und wird zugleich von Selbstvorwürfen gequält, Sebastiano kann nur noch durch brutale Gewalt seine Lebensstellung halten – sind existentieller Natur und nicht bloß ans äußere Milieu gebunden. Neben unterhaltsamen und scheinbar alltäglichen Vorgängen finden sich in diesem Werk Passagen von großer Ernsthaftigkeit und Tragik.

 

Das Libretto von „Tiefland“ geht auf das naturalistische Drama „Terra baixa“ des katalanischen Dichters Angel Guimerà (1849-1924) zurück, ein Hauptwerk der um nationale Identität und kulturelle Eigenständigkeit bemühten literarischen Bewegung „Renaixanca“. Der Librettist Rudolf Lothar hatte das spanische Originaldrama eigentlich für eine deutschsprachige Erstaufführung übersetzt und erst später für Eugen d’Albert in ein Opernlibretto umgearbeitet.

„Tiefland“ ist die erfolgreichste der insgesamt 22 Opern Eugen d’Alberts, der zu den schillerndsten Komponisten der Musikgeschichte an der Grenze zwischen Spätromantik und Moderne gehört. 1864 in Glasgow geboren, war d’Albert Kosmopolit mit deutschen, italienischen und französischen Vorfahren. Vor seinen großen Opernerfolgen mit „Tiefland“ (1903), „Die toten Augen“ (1916) und „Der Golem“ (1926) durchlebte er zunächst als Klaviervirtuose in der Nachfolge Liszts und als Beethoven-Interpret eine glanzvolle weltweite Karriere. Die Pianistenlaufbahn gab er nach und nach zugunsten des Komponierens auf und schuf neben seinen Musiktheaterwerken auch Sinfonien, Solokonzerte, Lieder, Klavier- und Kammermusik, wobei er sich stilistisch das breite Spektrum seiner Zeit von Wagners Harmonik bis hin zum Jazz zunutze machte. Sein rastloses Leben, das u.a. sechs gescheiterte Ehen prägten, führte ihn in verschiedene Länder. Eugen d’Albert starb 1932 in Riga.

 

Weiterer Termin: Montag, 7.5.2007, 19.30 Uhr, Großes Haus

 

 

 

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