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Uraufführung: DIX 2011 - Tanzimpressionen von Peter Werner-Ranke in Gera/AltenburgUraufführung: DIX 2011 - Tanzimpressionen von Peter Werner-Ranke in...Uraufführung: DIX 2011 -...

Uraufführung: DIX 2011 - Tanzimpressionen von Peter Werner-Ranke in Gera/Altenburg

Premiere 3. Juni 2011, um 19:30 Uhr im Großen Haus der Bühnen der Stadt Gera im Rahmen des Otto-Dix-Jahres 2011 in der Geburtsstadt des Malers.---

 

Es ist ein natürlicher Schutzreflex der menschlichen Seele, existenziell Bedrohendes zwar wahrzunehmen, gleichwohl aber auszublenden.

 

Das Monströse wird negiert. Zu schrecklich mutet es an, zu Ende zu denken, Konsequenzen sich vor Augen zu führen. Einfacher bleibt das partielle Ausblenden des Schreckens. Der Mensch ist auch in seiner Angst bequem. Es scheint naheliegend, dass das Aufkommen der Neuen Sachlichkeit als Kunstform in der Weimarer Republik unmittelbare Folge des ersten Weltkriegs war: Zu direkt, zu unübersehbar allumgebend war das Bedrohliche.

 

Otto Dix, den man vielleicht als den bedeutendsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit bezeichnen kann, hat den Krieg persönlich miterlebt. Diese unmittelbare Beteiligung macht ein partielles Ausblenden unmöglich. Das Grauen stellte sich ein und Dix musste sich dem Grauen stellen. Das Grauen stellte ihn. Ein partielles Ausblenden war unmöglich. Er musste damit umgehen. Wenn Dix in seinem Kriegstagebuch sagt: »Auch den Krieg muss man als ein Naturereignis betrachten«, so fällt es nicht schwer, darin auch einen Seelenheilenden Fluchtversuch zu sehen. Erst sehr viel später, 1963, wird er dagegenhalten: »Das mußte ich alles ganz genau erleben... Ich bin so ein Realist, wissen Sie, daß ich alles mit eignen Augen sehen muß...«

Seine Werke sind alles andere als realistisch. Sie zeigen kompromisslos das, was der Maler sieht. Und wie er die Welt sehen machen möchte. »Der Maler ist das Auge der Welt« sagt Dix. Er zeigt, wovor man die Augen verschließen möchte, das, was – zu Ende gedacht – die eigene Existenz bedrohen würde, woran die eigene Seele Schaden nehmen könnte oder Schaden genommen hat.

 

Ob Dix’ Werke politisch zu interpretieren sind, ob mit dem Dix’schen Verismus, der Beschreibung der Dinge, wie sie sind, ein Weltverbesserungsanspruch einhergeht, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Dix selbst beantwortet die Frage bescheiden, abschlägig: »Nein, Künstler sollen nicht bessern und bekehren. Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie«.

 

Doch mit dem Bezeugten umzugehen, obliegt dem Betrachter, und als solcher versteht sich der Choreograf Peter Werner-Ranke in seiner aktuellen Produktion zum Otto-Dix-Jahr 2011. In der Auseinandersetzung mit den Gemälden und Zeichnungen Dix’ stellt er die Frage nach der Aktualität: Wie hat sich die von Dix abgebildete Gesellschaft entwickelt, wo stehen wir jetzt, was würde Dix heute abbilden müssen? Und wie? Ausgehend von Dix’ Bildern nähert sich Peter Werner-Ranke dem reflektorischen Augenverschließen und bricht die Schonhaltung der Seele auf, wo er sie findet. So öffnet er den Betrachter auch wieder für Dix’ Bilder, deren Anblick uns vielleicht schon zu vertraut war. Mitwirken werden auch verdiente Tänzer, die einen Kontrapunkt zum jungen Geraer Ensemble setzen, der Schauspieler Wolfgang Jahn, der als Sprecher Texte u.a. von Nietzsche lesen wird und die designierte Ballettdirektorin Silvana Schröder. Dabei spannt die Musikauswahl des ehemaligen Ballettdirektors Wolfgang Ranke mit Stücken von Hanns Esiler, Zarah Leander über György Ligeti bis hin zu Falco einen Bogen vom Hier und Jetzt bis hin in die Zeit der Weimarer Republik, ganz im Sinne von Dix Gesamtwerk.

 

Gemeinsam mit dem ThüringenBallett entwerfen Peter Werner-Ranke und der Bühnen- und Kostümbildner Tom Schenk Bilder einer Gegenwart im Lichte des Dix´schen Œuvres.

 

Der Choreograph Peter Werner-Ranke wurde in Weimar geboren und erfuhr seine Tänzerausbildung an der Staatlichen Ballettschule Leipzig. 1974 erhielt er als Tänzer ein Engagement an die Bühnen der Stadt Gera, dem ab 1980 seine choreographische Tätigkeit in Schauspiel, Musiktheater und Ballett folgte. Von 1987 bis 1991 absolvierte er ein Choreographiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch!“ Berlin bei Prof. Dietmar Seyffert. Mit »DIX 2011 - Tanzimpressionen« verabschiedet sich Peter Werner-Ranke nach 37 Jahren als aktiver Choreograf von seinem Geraer Publikum.

 

Choreografie und Inszenierung: Peter Werner-Ranke | Bühne, Kostüm und Video: Tom Schenk| Musikauswahl Wolfgang Ranke | Dramaturgie: Thomas E. Emmert

 

Mit Wolfgang Jahn, Karin Schneider, Silvana Schröder, Rainer Uhlig, ThüringenBallett

Weitere Termine in Gera: 8. Juni, 17. Juni, 09. Juli 2011, sowie 11. Dezember, 25. Dezember 2011 und 22. Januar 2012.

Premiere in Altenburg am 29. Januar 2012, 19.00 Uhr.

Weitere Aufführungen: 10. und 24. Februar, 2. und 6. März, 3. Mai 2012

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