Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Uraufführung: "kristus. unerhört." von Eva Lange und Justus Wenke nach dem Roman „Kristus“ von Robert Schneider, Städtische Bühnen MünsterUraufführung: "kristus. unerhört." von Eva Lange und Justus Wenke nach dem...Uraufführung: "kristus....

Uraufführung: "kristus. unerhört." von Eva Lange und Justus Wenke nach dem Roman „Kristus“ von Robert Schneider, Städtische Bühnen Münster

09. November 2011, 19.30 h Kleines Haus. -----

Die Entwicklung der „Wiedertäufer“ in Münster steht exemplarisch für das Scheitern vieler gesellschaftlicher Utopien in der Geschichte.

 

Doch die Käfige an der Lambertikirche, in denen die hingerichteten Anführer ausgestellt und ihnen so auch ein Begräbnis verweigert wurde, sind als Mahnmal „gegen den Abfall von der allein selig machenden Kirche“ und Warnung vor allzu umstürzlerischen Bestrebungen bis heute im öffentlichen Bild der Stadt präsent.

 

Jan Beukels aus dem niederländischen Leiden hat im Alter von sechs Jahren eine Vision: er will „Kristus“ werden, den wahren Glauben und das wahre Wort Gottes leben. Der idealistische junge Mann wird Anhänger der Täuferbewegung und geht 1533 nach Münster. Hier, in der damaligen Hochburg der radikalen Reformationsbewegung, wird das alte Machtgefüge außer Kraft gesetzt und das Experiment einer gerechteren Gesellschaft gewagt, Münster vom katholischen Glauben mit Ablasshandel und Kindstaufe befreit – die Utopie eines urchristlich inspirierten Kommunismus versucht. Jan van Leiden krönt sich selbst zum König des neuen Jerusalems und versucht, das Glück seines Volkes zu erzwingen. Die Todesstrafe für alle Widersacher zwingt jeden Andersdenkenden zur Annahme des Täuferglaubens. So wird innerhalb weniger Monate aus dem visionären Gottesstaat ein menschenverachtendes Gewaltregime. Am 22. Januar 1536 wird der knapp 27-jährige Jan van Leiden gemeinsam mit zwei seiner wichtigsten Gefolgsleute öffentlich zu Tode gequält und ihre Leichen als Trophäen in den bis heute dort hängenden Käfigen am Turm der Lambertikirche ausgestellt.

 

Der durch seinen Debütroman „Schlafes Bruder" bekannte österreichische Autor Robert Schneider veröffentlichte 2004 den historischer Roman „Kristus". Hier rekonstruiert er das Leben des Jan van Leiden – ausgehend von der fiktiven Kindheit – im Kontext der Entwicklung der „Wiedertäufer“-Bewegung in Münster. Der Roman lehnt sich stark an historische Quellen an.

 

Eva Lange und Justus Wenke haben ausgehend von Robert Schneiders Roman das Stück „kristus. unerhört.“ entwickelt, das von der „unerhörten" Vision, dem Leben und Scheitern Jan Beukels' erzählt. Im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Aktualität nähern sich die Spieler wie in einer Museumssituation der Geschichte Jan van Leydens und damit einem bis heute präsenten und womöglich prägenden Abschnitt in der Entwicklung der Stadt Münster.

 

Eva Lange

Die Regisseurin studierte evangelische Theologie und Germanistik in Göttingen. Nach dem Studium ging sie 2002 als Regieassistentin an das Theater Oberhausen, inszenierte dort „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun und wurde für diese Arbeit mit dem Oberhausener Theaterpreis ausgezeichnet. Es folgten Engagements an den Städtischen Bühnen Münster („Klamms Krieg") und am Staatstheater Kassel, wo sie u.a. „The New Electric Ballroom" und die Uraufführungen „Himmelsstürmerin“ und „Vor-Ort-Familie“ inszenierte. Als freischaffende Regisseurin arbeitete Eva Lange außerdem in Wuppertal, Stendal und Koblenz, regelmäßig führt sie in Wilhelmshaven Regie. Hier inszenierte sie mit großem Erfolg u.a. Max Frischs „Andorra“. Für diese Arbeit wurde sie zusammen mit ihrer Ausstatterin Diana Pähler in der Saisonbilanz der Fachzeitschrift „Die Deutsche Bühne" in der Kategorie „herausragende Leistung im Bereich Bühne/ Ausstattung“ gewürdigt.

 

Mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Daniela-Maria Decker verbindet sie seit über sieben Jahren eine kontinuierliche Zusammenarbeit, so zum Beispiel bei „unbedingt! Antigone“, einem Projekt mit 100 Jugendlichen aus Ingolstadt. Neben neuen Texten und modernen Klassikern sind ein regelmäßiger Schwerpunkt ihrer Arbeit Projekte (z.B. „Helden(in)Haft“, „Kassel Driften“), in denen sie sowohl mit Professionellen als auch mit Laien außerhalb des klassischen Theaterraums im öffentlichen Raum arbeitet.

 

Ihre letzten Arbeiten waren ein Otello-Projekt am Staatstheater Kassel, „Das Fundament“ von Jan Neumann an den Städtischen Bühnen Münster sowie Peter Weiss' „Ermittlung“ (eingeladen zum Theatertreffen der Landesbühnen 2011) und Lukas Bärfuss’ „Die Probe“ an den Landesbühnen Wilhelmshaven.

 

Justus Wenke

studierte in Leipzig zunächst Kultur- und Theaterwissenschaften und seit 2001 Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater. Nach ersten eigenen Inszenierungen am LOFFT Leipzig führten ihn Produktionsdramaturgien seit 2002 unter anderem nach Zürich (Rote Fabrik), Göttingen und Leipzig (LOFFT). Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehörte dabei auch die Entwicklung von Romanadaptionen für die Bühne – unter anderem „Mädchenmörder Brunke“ nach Manuskripten von Thomas Brasch und „Kleinkriegsanleitung für jedermann“ (nach „Fight Club“ von Chuck Palahniuk/ „Baise Moi“ von Virginie Despentes). Mit der Spielzeit 2008/09 wurde Justus Wenke Dramaturgieassistent an den Städtischen Bühnen Münster. Als Gastdramaturg am Theater im Pumpenhaus Münster entwickelte er die Bühnenfassung „Blicke Strich Westwärts – Erkundungen in Texten von Rolf Dieter Brinkmann“. Seit 2010 ist Justus Wenke an den Städtischen Bühnen Münster Dramaturg mit Schwerpunkt Schauspiel.

 

Regie: Eva Lange

Bühne und Kostüme: Karin Fritz

Dramaturgie : Justus Wenke/ Michael Jezierny

 

Mitwirkende:

Bernhard Glose (Jan van Leyden), Frank-Peter Dettmann (Gerrit tom Kloister), Johann Schibli (Kanonikus Schelde/ Beukels, Jans Vater/ Mathys, Prophet), Carolin M. Wirth (Alit, Jans Mutter/ Divara, Mathys Frau), Maximilian Strestik (Johann, Jans stummer Bruder), Wolf-Dieter Kabler (Joest, Schulmeister/ Knipperdolling, Schneider), Julia Stefanie Möller (Mieke Cornelis/ Else Wantschers), Christiane Hagedorn (Museumsführerin/ Karmelitin/ Bernhard Rothmann, Prediger), Regine Andratschke (Elisa, Wirtin/ Hille Feicken, Judit), Johannes-Paul Kindler (Hermann Tilbeck, Bürgermeister/, Hupert Rüscher, Schmied, Christoph Waldeck, Sohn des Bischofs), Kathrin-Marén Enders (Dusentschur, falscher Prophet/ Hinrick Graes, Verräter), Ensemble (Menschenmengen/ Chöre/ Stimmen/ weitere Episodenfiguren)

 

Weitere Vorstellungen im November:

Freitag, 11. November, 19.30 h, Kleines Haus

Donnerstag, 17. November, 19.30 h, Kleines Haus

Donnerstag, 24. November, 19.30 h, Kleines Haus

Montag, 28. November, 19.30 h, Kleines Haus

Mittwoch, 30. November, 19.30 h, Kleines Haus

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 28 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„Vástádus eana/The answer is land“ von Elle Sofe Sara im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Hoch im Norden Europas lebt das indigene Volk der Samen. Mit ihrer Lebensart beschäftigt sich Elle Sofe Sara in ihrem Stück „Vástádus eana/The answer is land“ jenseits folkloristischer Attitude. So…

Von: Dagmar Kurtz

Nachdenklich, Lebhaft, Wütend, Wehmütig! Ballett am Rhein: „Vier Neue Temperamente“

DIE VIER TEMPERAMENTE George Balanchine PHLEGMATIC SUMMER Michèle Anne de Mey (Uraufführung) SANGUINIC: CON BRIO Demis Volpi (Uraufführung) CHOLERIC Hélène Blackburn (Uraufführung) FROM TIME TO…

Von: Dagmar Kurtz

Hinter der Bühne

Adriana ist der gefeierte Star der Schauspielbühne. Aber auch Ruhm und Anerkennung schützen nicht davor, hintergangen zu werden. Und wenn zwei Frauen denselben Mann lieben, sind Eifersucht, Intrige…

Von: Dagmar Kurtz

Wie absurd ist das denn?

Die Volksbühne in Berlin kommt mit einer Uraufführung namens „SMAK! SuperMacho AntiKristo“ heraus, einer „hyperhybriden Hommage an den französischen Symbolisten Alfred Jarry“ und allerlei Anderes.  

Von: Stephan Knies

Zwei Außenseiter - "I am a problem" in der Deutschen Oper am Rhein: "Carmen“ "von Roland Petit und "Baal" von Aszure Barton

Der Kontrast könnte stilistisch nicht größer sein zwischen den beiden Choreografien, die an der Deutschen Oper am Rhein in „I am problem“ zu sehen sind. Und doch haben sie etwas gemeinsam, sie zeigen…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑